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Choreograf Damien Jalet

"Wenn du dich nicht bewegst, stirbst du"

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Tod, Rituale, Zwischenwelten - der Belgier Damien Jalet ist einer der abgründigsten Choreografen unserer Zeit. Im Interview verrät er, was ihn zu seinen Tanzstücken inspiriert, wie er den Bann von Körpern bricht - und wie er die Pariser Attentate im November 2015 überlebte

Damien Jalet, Ihre Eltern haben Sie als Kind in Brüssel immer mit in die Oper genommen. Insbesondere Ballett fanden Sie damals schrecklich.
Tanz ist eine sehr komplexe Kunst. Sie hat sehr unter älteren Konventionen gelitten. Ich beziehe mich auf Ballett oder kommerzielle Formen, die nur eine Funktion erfüllen: schön zu sein.

Was hat Sie mehr begeistert? 
In den 90ern waren es belgische Choreografen wie Wim Vandekeybus oder Anne Teresa De Keersmaeker. Sie haben im Tanz nicht Schönheit gesucht, sondern Abgründe. Ihr Ausdruck war roh und manchmal gewalttätig. Sie spielten mit dem Risiko und lösten Gefühle aus, die mitten in die Eingeweide gehen.

Sie meinen, Tanz spricht ureigenen Gefühle an? Sind sie ein Archäologe von Instinkten?  
Wir leben in einer Gesellschaft, die rational ist. Unser Vertrauen auf die Wirklichkeit beruht auf Vernunft. Aber es sie ist nur eine Seite der Medaille – und nicht unbedingt der interessante Teil. Wie langweilig, wenn wir alles durch das Nadelöhr des Denkens erfahren. Bewusstsein wird erst spannend, wenn wir es ins Verhältnis zum Unbewussten setzen. Erst dann wird es vollständig. Tanz ermöglicht Zugang zur Intuition. Es ist zudem eine kollektive Erfahrung. Es hat bei mir Klick gemacht, als ich entdeckte, dass jede Performance eine zeitgenössische Form des Rituals ist. 

Sind Rituale also Wurzeln des Tanzes? 
Rituale, und auch Mythen, sind wie Festplatten. Sie speichern das unbewusste Wissen einer Kultur oder eines Ortes. Sie versuchen den verborgenen Schatz des Unbewussten zu heben und uns zugänglich zu machen. 

Ihre aktuelles Stück "Omphalos" erinnert an einen Schöpfungsmythos. Sie schicken die Tänzer in eine gigantische Schüssel. Was hat sie zu diesem Stück bewegt? 
Das Werk ist in großen Teilen in Mexiko entstanden. Ein Land voller ungezügelter Energie. Mich hat die Zentrifugalkraft gereizt. Und ich wollte eine kosmische Ordnung herstellen. Zuvor bin auf den den Begriff Omphalos gestoßen, was im Griechischen der Nabel der Welt bedeutet und später auch durch eine merkwürdige, archaische Schüssel symbolisiert wurde. 

 

Wie ging es weiter?
Der Legende nach hat Zeus zwei Adler in entgegengesetzte Himmelsrichtungen entsandt. Der Ort, an dem sich getroffen haben, wurde zum Mittelpunkt der Welt, markiert durch den Omphalos-Stein, der oftmals in Überlieferungen von einer Schlange bewacht wurde. Der erstaunliche Zufall: Mexiko bedeutet Nabel des Mondes. Die Stadt wurde errichtet nach einer Prophezeiung mit einer Schlange und einem Adler. Ich hatte also eine mythologische Achse, nur der wissenschaftliche Teil fehlte. Wissenschaft und Mythologie sind heutzutage unverbunden. Entweder glaubst du an Mythen und bist ein bisschen naiv. Oder du glaubst an die Wissenschaft, die dich nicht komplett erfüllen kann. Kunst ist ein großartiger Ort, um beides miteinander zu verbinden. 

Die Tänzer werden in dem Stück durch Radiowellen durchzuckt und erbeben. 
Unsere Art, mit dem heutigen Kosmos in Beziehung zu treten, geschieht über Antennen. Alle Signale, die wir aussenden, kommen in ihnen an. Wir wollten das Stück in einer Art verfallener Satellitenschüssel spielen lassen. Ein Symbol der Zukunft, die als Ruine bereits der Vergangenheit angehört. An einer Stelle werden die Köpfe der Tänzer wie an einer Nabelschnur miteinander verbunden. Es könnte eine Antenne sein. Noch ein intuitiver Zufall. Bei einem Besuch eines Tempels in Mexiko habe ich bei einem Händler ein Buch gefunden über die schamanische Praxis der Mayas. Ich öffnete es und sah Menschen, die durch eine Nabelschnur an ihrem Kopf mit einem Punkt in der Galaxie verbunden waren. Mythen und Wissenschaft verschmolzen. Wir hatten etwas gefunden, das von der Zeit unberührt bleibt. 

In ihren Stück "Skid" hingegen arbeiten Sie sich an der Schwerkraft ab. Es spielt auf einer riesigen Schräge, die um 45-Grad geneigt ist. Was für eine Anstrengung für die Tänzer! 
In einem japanischen Ritual namens Onbashira ketten sich Männer an einen Baum in den Bergen, fällen ihn und gleiten an ihm gekettet den Abhang hinunter. Es diente als Inspiration. Ich möchte Tänzer sehen, die sich gleichzeitig kontrollieren und kapitulieren. Ich liefere sie Grenzen aus. 

 

Empfinden Sie insgeheim Schwerkraft als Zumutung? 
Offenbar gäbe es ohne Schwerkraft keinen Sex (lacht). Astronauten vermissen im Weltall am meisten die Schwerkraft. Sie können sich in der Schwerelosigkeit nicht mal umarmen. Mich fasziniert diese unsichtbare Kraft, der man sich hingeben muss. Sie ist eine Tür zum Unbewussten. Deshalb habe ich das Werk "Skid" erschaffen, um die Schwerkraft zu manifestieren. Es ist magisch. Wenn die Tänzer ihren Widerstand aufgeben, bewegen sie sich, sie fallen, ohne darüber nachzudenken. Wir wollen allen immer aufsteigen. Aber nichts berührt uns so stark, wie jemanden fallen zu sehen. Wir sind so verletzlich. 

Sie haben Verletzlichkeit am eigenen Leib gespürt, als Sie die Pariser Anschläge im November 2015 überlebten. 
Ja. Ich hatte zuvor an einem Stück "Les Médusés" gearbeitet und ein Buch von Pascal Quignard gelesen: "Sexualität und Schrecken". Er spricht viel über Medusa. Être médusé bedeutet auf Französisch verhext sein. Deshalb wählte ich den Titel. Ich stand zwei Meter neben dem Schützen und blickte auf seine Kalaschnikow. Ich fühlte mich in diesem Moment wie eingefroren. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ich hatte für einen Moment die Intuition, den Bann zu brechen. Wegzurennen. Es musste aber in den nächsten Sekunden passieren. Weil der Kerl schon so viele Leute vor mir getötet hat. Ich war der Nächste. Intuition hat mich gerettet. Ich löste mich von der Starre. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Das Thema meines nächsten Stückes war: Wenn du dich nicht bewegst, stirbst du. 

In Japan wurden Sie zu Werken wie "Vessel" inspiriert, in Mexiko zu "Omphalos", in Island zu "Yama" und in Indonesien zu Choreografien für das Remake des Horror-Klassikers "Suspiria". Alles Orte mit Vulkanen - ein Zufall?
Unsere Gesellschaft ist teilweise so arrogant. Wir haben das Gefühl, alles beherrschen zu können. Aber an vulkanischen Orten ist die Natur unvorhersehbar. Man muss die Illusion der Kontrolle aufgeben. Menschen entwickeln teils eine abergläubische oder rituelle Verbindung zu ihrer Umwelt. Es ist wieder die Beziehung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, die mich fasziniert. Alle meine Arbeiten zeigen eine Zwischenwelt. Eine Passage. Zwischen Masse und Schwerkraft. Realität und Unwirklichkeit. Leben und Tod. 

Eine weitere Auffälligkeit: Sie scheren sich nicht um die konventionelle Repräsentation von Mann und Frau in ihren Werken. In "Vessel" verbergen sich die Tänzer gar hinter kopflosen Posen.  
Es ist eine solch langweilige Art, Geschlecht zu verstehen, indem man bestimmte Dinge zuweist und betont, die jemanden einschränken. Ich möchte Macht oder Wut in Männern und Frauen sehen. Konventionelle Darstellungen im Tanz sind schrecklich. In "Vessel" gibt es japanische Tänzer und Tänzerinnen jeden Alters und Emilios Arapoglou, einen griechischen Tänzer. Ein großer Teil des Bewegungsvokabulars wurde im Übrigen nur in Zusammenarbeit mit ihm aufgebaut. Es macht keinen Unterschied. Wir trennen wir uns immer? Mich interessiert viel mehr, was uns verbindet, was was wir gemeinsam haben. In Teilen liegt Energie. 

Was ist dann die letzte Grenze für Sie? Der Körper?
Manche sagen, dass die Haut die letzte Grenze zwischen Innen und Außen ist. Ich liebe es, Grenzen zu verwischen. Unser Körper mag eine Grenze sein. Aber es gehen doch immer noch so viele Dinge durch ihn durch. Wie die Luft, die man atmet. Ich arbeite gerade an einem Stück über den Körper, der sich in eine Landschaft verwandelt. Wo fängt der Körper an, wo beginnt die Landschaft? Ich habe Übungen des Shugendō in den japanischen Bergen gemacht. Mit den Yamabushi. Was bedeutet: diejenige, die sich in den Bergen verstecken. Sie wollen eins mit ihrer Umwelt werden. Ich hatte das Gefühl, dass sie wirklich verschwinden können. 

Wenn Körper verschwinden, verschwindet dann auch die Erinnerung? 
Eine Erinnerung, die mit Körpern verbunden ist, macht für mich absolut Sinn. 2013 war ich für einen Aufenthalt in Florida bei der Robert Rauschenberg Foundation. Rauschenberg hatte sein Atelier in einem tropischen Dschungel. Ich ging spazieren. Überall waren Würgefeigen. Die Pflanze ist ein Parasit, der sich buchstäblich um einen anderen Baum wickelt wie eine Schlange, an ihm wächst, um ihn schließlich zu strangulieren, bis er stirbt und verschwindet. Man sieht nur noch die Form der Abwesenheit des ursprünglichen Baumes. Eine Leerstelle. Aber die Würgefeier hält die Erinnerung an den Baum aufrecht. Ich habe daraus eine Technik gemacht. Bei mir machen Tänzer das Gleiche. Sie wickeln sich um einen Körper und der andere Körper entschwindet langsam. Der Tänzer verharrt in Position und fühlt die Schwere der Anspannung. Und je mehr er in Position bleibt, desto mehr hält er die Erinnerung aufrecht. Es ist wunderschön.

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