Basile Panurgias

"Wenn man 50 Werke besitzt, ist es Liebe zur Kunst, bei 1000 aber eine Neurose"

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Sammlerneurosen, eine ermordete Berliner Galeristin, Farbeier auf Mao: Der aktuelle Roman des Basile Panurgias spannt den Bogen zwischen der chinesischen und der deutschen Kunstszene. Der französischen Schriftsteller über Kunst als Freiheit, Zynismus und die Gemeinsamkeiten von China und Ostdeutschland

 

Herr Panurgias, wie kommt denn ein Franzose griechischer Herkunft darauf, einen Roman über die deutsch-chinesische Kunstwelt zu schreiben?
Weil es keine Grenzen mehr gibt, wollte ich nicht über den asiatischen oder den europäischen Betrieb schreiben. Sondern zeigen, wie die derzeit enorm erfolgreiche chinesische Kunst eigentlich eine Schöpfung der westlichen Szene ist. Außerdem handelt es sich – entgegen dem weitverbreiteten Vorurteil – nicht um eine industrielle Produktion für den globalen Markt, sondern um sehr integre Arbeiten. Die malerische Geste von Künstlern wie zum Beispiel Yue Minjun mit seinen lachenden Autoporträts war, zumindest zu Beginn, hochpolitisch.

 

„Le rire de Pékin“ spielt in der Hauptstadt der Volksrepublik und in Berlin. Ließe sich in Zeiten der Globalisierung Berlin nicht auch durch London, Paris oder New York ersetzen?
Es wird oft vergessen oder verdrängt, dass der Mauerfall und die Niederschlagung der friedlichen Revolution auf dem Tiananmen-Platz im genau gleichen Zeitraum stattfanden. Das hatte auch eine ähnliche Dynamik zur Folge. Ich glaube, die Jugend der 80er- und 90er-Jahre in China hat Erfahrungen gemacht, die denen der Menschen in Ostdeutschland durchaus gleichen. Meine Wahl entspricht also einer historischen Beziehung und ist keineswegs beliebig. Paris hätte diese Funktion eben nicht übernehmen können.

 

Über die Leiche in Ihrem Buch, die der Berliner Galeristin Sabine Müller, sagt der Icherzähler: Sie habe alles erreicht, außer, einen großen Künstler zu entdecken. Ist das tatsächlich das Ziel dieses Berufsstandes?
Aber sicher. Jeder Galerist arbeitet darauf hin. Schließlich muss er seine Existenz legitimieren, sobald er finanziell einigermaßen gut dasteht. Galeristen befinden sich ständig in der Nähe zur Kreativität. Und dennoch gibt es solche wie Larry Gagosian – oder Mary Boone, die meiner Figur Sabine Müller teilweise als Vorlage diente –, die bis in die letzte Konsequenz zynisch bleiben. Galeristen haben das gleiche Problem wie Sammler: Sie häufen Objekte an. Wenn man 50 Werke besitzt, ist es Liebe zur Kunst, bei 1000 aber eine Neurose.

 

In welche Schublade würden Sie das Werk stecken? Kriminal- oder Schlüsselroman oder …
… diese Frage stellt sich mir nicht. Meiner Meinung nach spielt das Genre heutzutage überhaupt keine Rolle mehr. Das Buch hat zwar alle Elemente eines Krimis. Trotzdem suche ich nicht den Mörder von Sabine Müller. Das Verbrechen ist eher als Allegorie zu verstehen. Wichtiger war mir dabei die Struktur. Mit dem Mord zu beginnen hat mir erlaubt, vom Biografischen abzusehen und in der Zeit zurückzugehen.

 

Zur Bedeutung des Künstlers: Will man in China inzwischen wirklich nicht mehr Ingenieur oder Arzt werden?
Das ist schon statistisch so. Fünfmal mehr Studenten als an den technischen Universitäten bewerben sich an den Kunsthochschulen. Zum einen natürlich, weil Künstler dort inzwischen Superstars sind und manche viel Geld verdienen. Zum anderen hat der visuelle Künstler in der chinesischen Gesellschaft die größte Freiheit: Man darf nicht alles schreiben, aber so ziemlich alles darstellen.

 

Gegen Ende der Geschichte sieht der Erzähler, wie drei junge Männer aus der Provinz ein Mao-Porträt mit Eiern bewerfen. Wie realistisch ist die Szene?
Sogar die Namen der Personen sind authentisch. Sie hatten die neun Eier mit Farbe gefüllt. Und wieder existiert ein Zusammenhang von Politik und Kunst. Das Tragische daran war, dass ausgerechnet die demonstrierenden Studenten die Täter in vorauseilendem Gehorsam der Polizei auslieferten. Alle drei bekamen lebenslänglich. Der letzte wurde im Jahr 2006, völlig gebrochen, aus dem Gefängnis entlassen.

 

Sie sprechen viel von den „zynischen Realisten“, Yue Minjun ist nur der bekannteste von ihnen. Wie stark hat deren Malerei Ihr Schreiben beeinflusst?
Es gibt viele Missverständnisse um den Begriff Zynismus. Sicher ist: Diese Haltung erlaubt eine Befreiung von der romantischen Tradition. Insofern kann man sagen, dass ich versucht habe, die Technik dieser Künstler ins Schriftliche zu übertragen. Um einen kalten Blick und Abstand zu den Verhältnissen in China zu bewahren.

 

Basile Panurgias: „Le rire de Pékin“. Auf Französisch. Fayard, circa 19 Euro

 

 

 

 

 

 

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