Es ist der wohl renommierteste - und vielleicht auch meistgefürchtete - Posten in der Modebranche, und nun wurde er neu besetzt. Gerade hat die amerikanische "Vogue" bekannt gegeben, dass die neue Head of Editorial Content für die US-Ausgabe Chloe Malle heißt. Die 39-Jährige, die sich bisher um die Online-Version des Magazins und den wöchentlichen Podcast "The Run Through" kümmerte, ist mit sofortiger Wirkung Anna Wintours direkte Kollegin und in gewisser Weise auch ihre Nachfolgerin.
Die "Vogue"-Titanin, 75, hatte die New Yorkerin eigens ausgewählt und beschreibt Malle als ihre Studentin und gleichzeitig Mentorin. 37 Jahre lang hatte Wintour als Chefredakteurin des wohl mächtigsten "Vogue"-Titels gewirkt und über das Condé-Nast-Imperium geherrscht. Im Juni hatte sie ihren Rückzug von diesem Posten erklärt, sie wird jedoch weiter eine mächtige Rolle im Verlag spielen - vielleicht sogar eine noch mächtigere.
In einem Statement ließ Wintour jetzt verkünden: "Mode ist die Kunst, Veränderung zu umarmen – doch manche Veränderungen gehen einem näher als andere. Als es darum ging, jemanden für die Leitung der amerikanischen 'Vogue' zu gewinnen und mir so die Möglichkeit zu geben, mich stärker auf das facettenreiche Wachstum der 'Vogue' weltweit zu konzentrieren – über Publikationen, unterschiedliche Zielgruppen und Events wie die Met Gala und 'Vogue World' –, wusste ich: Ich habe nur eine Chance, es richtig zu machen." Chloe Malle ist also diese eine Veränderung, mit der sich Wintour anfreunden konnte.
Anna Wintour am anderen Ende des Flurs
Aufgeben wird Anna Wintour ihre jahrzehntelang erarbeiteten Privilegien natürlich nicht. Noch nicht einmal ihr Büro macht sie frei. Sie wirkt weiterhin als Chief Content Officer des Medienunternehmens, hat das letzte Wort über alle 28 "Vogues" dieses Planeten und ist Malles direkte Vorgesetzte.
Und was sagt die Berufene selbst? Die scheint dieser ungewöhnlichen neuen Partnerschaft bereitwillig entgegenzublicken – ganz ohne zu zittern. Anders als andere Bewerber für den Job hat sie offenbar keine Angst vor der strengen Frau mit dem strengen Bob. "Ich weiß, dass einige Leute, die an dieser Stelle interessiert waren, etwas eingeschüchtert von der Vorstellung waren, dass Anna am Ende des Flurs sitzt", sagte Malle der "New York Times". "Ich bin sehr froh, dass sie dort mit ihrer Clarice-Cliff-Keramik sitzt."
Malle, die mit zwei Kindern, ihrem Ehemann und Hund in Manhattan lebt, ist vertraut im Umgang mit mächtigen, wichtigen, berühmten Menschen. Einige würden sogar sagen, sie ist eine von ihnen. Ihre Mutter, Schauspielerin Candice Bergen, kennen "Sex and the City"-Fans als Enid Frick, die fiktive Version der "Vogue"-Chefredakteurin in der Kult-Serie. Ihr Vater ist der französische Regisseur Louis Malle. Chloe ist also ein klassisches "Nepo-Baby", hineingeboren in Annehmlichkeiten, aufgewachsen in Beverly Hills, Studium an der Brown University.
Hochzeits-Content und Hunde-Cover
Obwohl sie eigentlich einen Master in Gesundheitswesen machen wollte, entschied sich Malle 2011, als Gesellschaftsredakteurin bei der "Vogue" anzufangen. "Ich war so sehr von der 'Vogue'-Maschinerie verführt, dass ich nicht widerstehen konnte", sagte sie später über diesen Schritt.
Die Reaktionen auf Malles Ernennung als vielleicht wichtigster Head of Editorial Content weltweit sind gemischt. Sie ist gut in ihrem Job, das ist nicht von der Hand zu weisen. Seit Malle im Herbst 2023 die Leitung von "Vogue.com" übernommen hat, haben sich die direkten Zugriffe auf die Website verdoppelt.
Sie konnte zweistellige Zuwachsraten bei allen wichtigen Kennzahlen erwirken, erweiterte "Vogues" Erzählformen mit personalisierten Newslettern aus der Redaktion und jährlichen Formaten wie dem Hunde-Wettbewerb um das "Dogue"-Cover und dem "Vogue Vintage Guide". Außerdem stärkte sie die Hochzeitsrubrik mit 30 Prozent mehr Inhalten und einem folgenden Rekord-Engagement des Publikums.
Blick fürs große Ganze
Sie weiß, was sie tut, das sagt auch Anna Wintour. Die beschreibt Chloe Malle als eine der Geheimwaffen bei "Vogue": Sie sei tief in der Modewelt verankert, verliere dabei aber nie den Blick für das große Ganze. Sie erkenne die Rolle der Mode weit über den Laufsteg hinaus – als prägendes Element des modernen Lebens. Und trotz ihrer Vertrautheit mit dem Glamour von roten Teppichen zeichne sie sich vor allem durch originelles Denken und große Arbeitsdisziplin aus.
Was Malle von einigen anderen Promi-Kindern unterscheidet, ist vielleicht, dass sie ihren Vorteil anerkennt und gleichzeitig dafür bekannt ist, Mode-Snobs zu verachten. "Es steht außer Frage, dass ich zu hundert Prozent von den Privilegien profitiert habe, in denen ich aufgewachsen bin. Etwas anderes zu behaupten, wäre illusorisch. Allerdings hat es mich immer dazu gebracht, sehr viel härter zu arbeiten."
Menschen aus dem "Vogue"-Team reagieren auf den sozialen Medien erfreut, bezeichnen ihre neue "Sous-Chefin" als "Herzlich, selbstlos und kreativ". Unter den Verkündungs-Postings sammeln sich hunderte Glückwünsche, aber auch Kritik. "Ein Nepo-Baby als neue 'Vogue'-Leitung? Revolutionär!" So formulierten einige Nutzer ihre Gefühle zu der Ernennung in einem abgewandelten Zitat aus dem Film "Der Teufel trägt Prada".
Frischer Wind, aber kein Orkan
Manche begründen ihren Unmut damit, dass Malle die Geschichte zum digitalen "Vogue"-Cover mit Jeff Bezos' Braut Lauren Sánchez schrieb. Wieder andere kritisierten das angeblich unmodische Kleid, das Malle auf dem Foto zur Bekanntgabe ihrer neuen Stelle trägt. Immerhin ist sie eine Frau im Internet, was erwartet man also?
Klar ist, Anna Wintours Wahl war eine vorhersehbare. Jemand, der frischen Wind hineinbringt, aber keinen Orkan. Der vielleicht auch nicht zu sehr von der klassischen Idee der "Vogue"-Redakteurin abweicht. In einem alternativen Universum, in dem absolute Gerechtigkeit herrscht und allen die gleichen Chancen bereitstehen, hätte die Wahl auf eine weniger privilegierte Person fallen müssen, die nicht schon im gemachten Nest sitzt. Auf eine, die ästhetisch vielleicht nicht der New Yorker High Society entspricht, aber sicher genauso qualifiziert ist wie Chloe Malle.
Es gibt tausende Journalistinnen und Redakteure, Modespezialisten und Schreibtalente. Aber das hier ist immer noch die "Vogue", die von einer 75-jährigen Matriarchin geführt wird und ein bestimmtes Bild vermitteln möchte - und vielleicht auch muss. Die selbsternannte "Mode-Bibel" steht nicht mehr für eine Glamour-Maschinerie wie noch vor etwa 30 Jahren. Das einmal schier unendliche Budget sitzt knapp, Kündigungen und Einsparungen finden seit den frühen 2000er-Jahren regelmäßig statt. Die Entscheidung ist daher vielleicht auch eine ängstliche, wie es sie seit dem politischen Comeback des Konservatismus so oft gibt. Hauptsache, schwarze Zahlen, Wachstum und Status bewahren.
Chloe Malle betont, dass ihre Arbeit nicht als bloße "Anna light"-Version wahrgenommen werden dürfe, sondern eine klare eigene Handschrift haben müsse. Ihr Konzept sieht vor, "Vogue" grundlegend neu auszurichten: Gedruckte Ausgaben sollen seltener erscheinen, dafür thematisch gebündelt und auf hochwertigem Papier als sammelbare Editionen – ähnlich wie bei "World of Interiors".
Parallel will sie online weniger Masse, dafür aber pointierte Inhalte anbieten und so ein kleineres und solideres Publikum aufbauen, das "Vogue" über originelle, witzige und unkonventionelle Perspektiven wahrnimmt. Was Chloe Malle zweifellos an sich hat, und das merkt man vor allem auch beim Hören ihres Podcasts, ist eine authentische, empathische und emotionale Seite. Eine Begeisterungsfähigkeit, die so viele professionals in der Mode einst verspürten, die aber schnell in einem Alltag aus Unterbezahlung und Nachtschichten verloren gehen kann.
Sie strahlt Passion für das aus, was sie tut. "Ich liebe dieses Magazin, ich liebe die Inhalte, die wir schaffen, und ich liebe die Redakteurinnen und Redakteure, die sie gestalten. 'Vogue' hat bereits geprägt, wer ich bin – nun freue ich mich auf die Aussicht, 'Vogue' selbst mitzugestalten." Wie sehr sie sich letztlich gegen Mentorin Anna Wintour behaupten kann, bleibt abzuwarten.