Juwelen-Diebstahl in Paris

Wie die Leiter am Louvre in die Kunstgeschichte führt

Eine von Dieben benutzte Leiter mit Lastenaufzug am Louvre-Museum
Foto: Alexander Turnbull/AP/dpa

Eine von Dieben benutzte Leiter mit Lastenaufzug am Louvre-Museum

Beim spektakulären Einbruch in den Louvre spielte ein deutscher Lastenaufzug eine zentrale Rolle. Das Motiv der Leiter findet sich auch in der Kunstgeschichte. Über ein Werkzeug des Wissens, der Liebe und der Aneignung

Die meisten Gemälde von Hubert Robert zeigen Ruinen. Zu sehen sind gewaltige Gewölbe, monumentale Säulen, verlassene Hallen. Sie sind Träume aus Stein, Erinnerungsräume der Antike und zugleich ihrer Zerstörung. Auch "L'Accident", datiert zwischen 1790 und 1804, gehört zu jener Gattung, die Robert zum Chronisten von Nostalgie und Verfall machte. Rechts erhebt sich eine Pyramide, links der Rest eines römischen Bauwerks mit kolossalen Säulen, an dessen Innenwand eine Krönung zu sehen ist. Davor liegen Trümmer, Amphoren, Statuenfragmente, zwei geöffnete Sarkophage. Der Ort scheint zugleich Bühne und Grab, ein Übergangsraum zwischen Schönheit und Zerstörung, zwischen Erinnerung und ihrem eigenen Verschwinden.

Hubert Robert "Accident", zw. 1790 und 1804, Musée Cognacq Jay, Paris
Foto: gemeinfrei

Hubert Robert "Accident", zw. 1790 und 1804, Musée Cognacq Jay, Paris


Zur selben Zeit zieht Napoleon mit seinem Heer nach Ägypten. Mit ihm reisen Maler, Ingenieure und Wissenschaftler. Unter ihnen ist Dominique-Vivant Denon, nach dem heute ein Flügel des Louvre benannt ist. Sie bilden die Schar jener savants, die im Namen der Aufklärung messen, zeichnen und kartieren. Sie verfolgen eine Wissenschaft des Sehens, die stets auch eine Politik des Besitzens ist.

Eine Zeichnung Denons – er sollte später erster Direktor des Louvre werden, damals noch Musée Napoléon – dokumentiert die Expedition. Sie zeigt die Sphinx von Gizeh, im Hintergrund die Cheops-Pyramide, im Vordergrund eine Gruppe von Forschern, die mit einer Leiter den steinernen Kopf erklimmen. Es ist ein Bild der Annäherung, aber auch der Übergriffigkeit. Die Leiter, die im Zuge des aktuellen Juwelendiebstahls im Louvre gerade weltweite Schlagzeilen gemacht hat, dient als Werkzeug des Blicks, der aufsteigt, um zu bestaunen und in dieser Bewegung das Fremde in Besitz nimmt.

Dominique-Vivant Denon: Zeichnung Sphinx, aus: "Description de L’Egypte", 1810, Vol. V, pl. 8
Abb.: gemeinfrei

Dominique-Vivant Denon: Zeichnung Sphinx, aus: "Description de L’Egypte", 1810, Vol. V, pl. 8


Viele der ägyptischen Objekte im Louvre stammen aus dieser Unternehmung. Das Museum, das sich als Hort der Bildung versteht, gründet auf einem Akt der Eroberung. In ihm verdichtet sich die Gewalt des Sammelns. Es bedeutet Umwandlung fremder Welt in Eigentum, Geschichte in Besitz. Roberts Ruinen sind daher nicht bloß romantische Bilder des Vergehens, sondern frühe Allegorien eines politischen Systems, das Wissen aus Enteignung gewinnt.

Hubert Robert inszeniert diesen Ort als erfundene Bühne, als ein imaginäres Tableau, in dem Fragmente verschiedener Zivilisationen zusammentreffen. Alles scheint aus der Zeit gefallen und doch theatral arrangiert, als wäre die Geschichte selbst zum Dekor geworden.

In dieser Kulisse der Vergänglichkeit ereignet sich ein seltsam zärtlicher Zwischenfall. Ein junger Mann ist auf eine Leiter gestiegen, um eine Blume zu pflücken. Kein Forscher, kein Museumsdirektor, kein Plünderer, kein Liebhaber der Antike,
sondern ein Liebender, unbedacht, spielerisch und arglos. Er steigt, um zu schenken. Dann löst sich ein Stein am Giebel, er verliert den Halt, kippt nach vorn, der Hut fällt, doch den Strauß hält er fest. Unten steht seine Geliebte, erschrocken, Zeugin eines Sturzes, der aus Zärtlichkeit hervorging.

Dieselbe Leiter, dieselbe Geste, aber ohne jede Unschuld

Dieser Moment verwandelt das Bild in eine Parabel über das Begehren selbst. Auf der einen Seite das Begehren, das die Welt zu erobern sucht, das nach Erkenntnis greift und dabei zerstört. Auf der anderen Seite jenes, das schenken will, das im Augenblick des Gebens zerbricht.

Vor kurzem stiegen Einbrecher über einen Lastenaufzug, eine fahrbare Leiter deutscher Bauart, in den Louvre ein, in jenen Flügel des Gebäudes, der Denons Namen trägt. Sie brachen Vitrinen auf und stahlen Schmuckstücke, übrigens ausschließlich Juwelen von Frauen. In der Eile fiel ihnen die Krone Eugénies, der Gemahlin Napoleons III., zu Boden und blieb zurück. Ein grotesker Widerhall von Roberts Szene: dieselbe Leiter, dieselbe Geste, aber ohne jede Unschuld.

Die Leiter, einst Werkzeug des Blicks und der Erkenntnis, wird zum Instrument der Beute. Sie verbindet die Welt der Forscher und Eroberer mit jener der Diebe und schließlich mit der zärtlichen, ungeschickten Bewegung des Liebenden. So überlagern sich in Roberts Gemälde drei Geschichten: die des Wissens, das sich die Welt aneignet, die der Liebe, die schenken will und die des Museums, das aus Raub und Erinnerung besteht. Die Leiter ist ihr gemeinsames Sinnbild, ein Objekt des Übergangs, zwischen Macht und Hingabe, zwischen Eros und Erkenntnis, zwischen Aufstieg und Fall. Sie führt hinauf und zugleich hinab.

Eine von Dieben benutzte Leiter mit Lastenaufzug am Louvre-Museum in Paris
Foto: Alexander Turnbull/AP/dpa

Eine von Dieben benutzte Leiter mit Lastenaufzug am Louvre-Museum in Paris