Mischa Leinkauf und Mathias Wermke – schon ihre Namen sind in der urbanen Szene bekannt wie alte Zaubersprüche. Die ungenehmigten Aktionen des Künstlerduos sorgten für Aufsehen, ließen Staunen und viele Spekulationen über das Wie, Wo, und Wann zurück. Es entstanden legendäre Arbeiten der urbanen Konzeptkunst, des illegalen politischen Aktionismus sowie des Post-Vandalismus und Post-Graffiti.
Die beiden haben laut Autor Xander Karskens "an einem romantischen, bisweilen – im doppelten Sinn – untergründigen Werk gearbeitet, das den […] beschriebenen Moment der Freiheit für sich reklamiert, thematisiert und zelebriert." Besonders gern demonstrierten sie provokant und humorvoll, wie öffentlicher, zugleich privat oder staatlich abgesicherter Raum von ihnen erobert werden konnte.
Für Interviews stehen beide, zumindest zusammen, nicht mehr zur Verfügung. Das Duo trennte sich vor einigen Jahren, die letzte gemeinsame Arbeit stammt aus dem Jahr 2017, ihre erste auf 2005. Doch auch ohne O-Töne möchte ich ihr bekanntestes Werk hier besprechen. Es ist nicht nur ein Meisterwerk der Kategorie "Hidden Masters", es zählt für mich auch zum Kanon der politischen Gegenwartskunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts: "White American Flags" (2014).
Waren das etwa schon Terroristen?
Leinkauf und Wermke kletterten unbemerkt nachts auf die Brooklyn Bridge in New York und tauschten auf den Brückentürmen die US-Flaggen gegen zwei weiße Fahnen mit weißen Stars und Stripes aus. Am nächsten Morgen war die Überraschung für die Stadt New York groß: Helikopter kreisten, Polizeieinheiten wurden ausgesendet und Fernsehsender in vielen Ländern berichteten von dieser unerhörten Aktion.
War die Brücke, gar die ganze Stadt so unsicher, dass auch Terroristen überall hinkämen? Waren das etwa schon Terroristen? Die Kunstaktion des Duos war damit aber noch nicht beendet. Sie transportierten die beiden originalen Flaggen zurück nach Berlin und übergaben sie dort, fein im Dreieck gefaltet, der US-amerikanischen Botschaft. Seitdem dürfen sie nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen.
Kaum ein anderes Werk der Gegenwartskunst konnte so überzeugend die Frage nach dem Wesen des öffentlichen Raums stellen, konnte Autoritäten so eigenwillig vorführen, staatliche Sicherheitsvorkehrungen umgehen und geheime Subkultur zu einem Statement machen.
Arbeit an der Form von Regeln
Durch die illegale Besteigung der Brücke und den Flaggentausch arbeitete das Duo aber auch bildhauerisch, nicht nur an dem ikonischen Bauwerk als ästhetischem Objekt, sondern auch an dem, wofür sie steht. Natürlich lassen sich die weißen Flaggen als Friedenszeichen lesen und somit eine erste Deutungsebene herbeiführen. Doch damit ist es nicht getan.
Hegel schrieb über die Notwendigkeit der Grenze: "Etwas ist nur in seiner Grenze und durch seine Grenze das, was es ist. Man darf somit die Grenze nicht als dem Dasein bloß äußerlich betrachten …" Wird die staatliche Sicherheitsgrenze nun ausgehebelt, dann verändert sich nicht nur die Bedeutung der Brücke, sondern auch des urbanen (US-amerikanischen) Raums.
Die Arbeit "White American Flags" ist somit auch eine Arbeit an der Form von Regeln und Machtstrukturen. Land Art oder "Verhüllungskünstler" wie Christo und Jeanne-Claude ließen Utopien aufscheinen, veränderten Perspektiven und schufen visuelle, haptische Erkenntnisse. Das Duo Wermke/Leinkauf ging darüber hinaus: Ihr künstlerischer Eingriff veränderte das Dasein, also den Wesenskern der Brooklyn Bridge – und damit der Stadtpolitik New Yorks.
Eroberung als künstlerische Praxis
Die Künstler sind spezialisierte Stadteinbrecher des Untergrunds. Diese Fähigkeiten nutzten sie für mehrere Aktionen, auch für "Die neonorangene Kuh". Hierfür installierten sie Schaukeln an Berliner Fassaden und architektonischen Strukturen in schwindelerregender Höhe.
Das Duo professionalisierte die Eroberung als künstlerische Praxis: Zugänge behalten, strategische und technische Hilfsmittel des Widerstandes entwickeln, Gesetze umgehen, Räume nutzen, die einem nicht zugedacht sind – das sind Kultur- und Politikwerkzeuge, die für schlechtere Tage wappnen. Im Moment der Tat liegt die Freiheit, die eine Demokratie aushalten kann.
Darin liegt auch etwas Romantisches. Denn im romantischen Denken war die Freiheit des Einzelnen eine antreibende Sehnsucht. In einem Text aus dem 18. Jahrhundert, den man den Freunden Hölderlin, Schelling oder Hegel zuordnet, schrieben sie über den gegenwärtigen Staat, der wie eine Maschine, nicht wie ein Organismus gebaut sei.
Wehre dich gegen den Staat
Die Individuen sollen funktionieren, können dabei aber nicht das Ganze, also die Freiheit erleben. "Wir müssen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören …"
Zwar forderten Wermke/Leinkauf nicht das Ende des Staates, aber sie schufen Schlupflöcher, um seine Struktur mit heilenden Fehlern im Getriebe zu versehen. Auch die beiden Männer auf der Brooklyn Bridge erinnern an romantische Ikonen, wie "Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich.
Einst war es die Erhabenheit der Ferne, der gefährlichen Berge und der mächtigen Natur, heute ist es die Erhabenheit der urbanen Stadtarchitektur New Yorks, gefährlicher Kriegsstaaten und mächtiger Sicherheitsapparate. Der Wanderer besteigt und beobachtet, die Stadteinbrecher machen eigentlich dasselbe. Auch wenn sie danach gesucht werden.