Bevor das Flugzeug abstürzt, wird ein Steward halbiert. Nach einer gewaltigen Explosion ist nicht nur der Rumpf der Maschine zerrissen; nachdem sich der Rauch verzogen hat, fehlt die obere Körperhälfte des Besatzungsmitglieds, während der Rest gürtelabwärts unversehrt im Sitz verharrt.
Mit diesem buchstäblichen Knalleffekt beginnt "Der phönizische Meisterstreich". Aber die Kamera bleibt cool, genauso wie die Hauptfigur, die in der Totalen – Statistenrumpf im Hintergrund, Benicio del Toro vorn in Bild – erstmal eine Buchseite umblättert, als sei nichts geschehen. Besonnen löst der Privatflugzeugbesitzer namens Zsa-Zsa Korda seinen Sicherheitsgurt, schreitet zur Pilotenkabine, kanzelt seinen von Panik ergriffenen Flugkapitän ab, löst mit dem Ruf "You’re fired" dessen Schleudersitz aus und versucht sich selbst an der Notlandung, die zur Bruchlandung gerät. Aber hey, dies ist ein Wes-Anderson-Film: Korda überlebt den Absturz halbwegs unbeschadet.
Auch gut: dass der für komplizierte Figurengeflechte bekannte texanische Filmemacher mit seinem robusten Helden eine Zentralfigur einsetzt, die den Flickenteppich der Erzählung einigermaßen zusammenhält. Anderson schildert also den weiteren Lebensweg des Großindustriellen Korda, der nach dem Crash sozusagen aus allen Wolken fällt.
Gott ist natürlich Bill Murray
Bei dem wie durch ein Wunder überlebten "Unfall" handelt es sich bereits um den sechsten Mordanschlag auf den Großindustriellen Zsa-Zsa, dem endlich klar wird, zu welchen Mitteln seine Feinde zu greifen imstande sind. Er fliegt trotzdem rastlos weiter um den Globus, aber dass Zsa-Zsa inzwischen auch über den "anderen" Himmel und über die eigene Endlichkeit nachdenkt, zeigen über den Film versprengte, schwarz-weiße Nahtod-Visionen, in denen der Magnat sich schon im Jenseits wähnt.
Das heilige Personal wird in Kurzauftritten von Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg oder Bill Murray (als Rauschebart-Herrgott himself) gespielt. Ebenso wird der pastellfarbene main plot im typisch Anderson’schen Puppenstubenstil von Stars in kleinen Rollen gesäumt, darunter Tom Hanks, Bryan Cranston, Mathieu Amalric, Jeffrey Wright, Scarlett Johansson und Benedict Cumberbatch.
Benicio del Toro avanciert vom Kleindarsteller in "The French Dispatch" (als Künstlergenie in einem Pariser Knast) nun zum zentralen Protagonisten im Anderson-Universum. Der Puertorikaner ist perfekt besetzt als kühl kalkulierender Grobian im Zweireiher. Seine Nationalität ist unbekannt. Zsa-Zsa bekennt mit gewissem Stolz, keinen Pass zu besitzen.
Kreuzung zweier Halbvergessener des Kinos
Der merkwürdige Name klingt nach dem Insiderwitz eines Hollywood-Nerds, vielleicht die Kreuzung zweier Halbvergessener des Kinos, beide mit ungarischem Migrationshintergrund: Die Schauspielerin Zsa Zsa Gabor wurde in der Traumfabrik zur Diva, der Filmproduzent Alexander Korda in England zum berühmten Filmproduzenten.
Auf jeden Fall hat Anderson diverse Referenzen in die Figur gepackt. Er selbst erklärte, dass er Zsa-Zsa an Berühmtheiten wie J. Paul Getty und J.P. Morgan orientiert hatte. Und: Dem 2022 verstorbenen libanesischen Baumagnaten Fouad Mikhael Maalouf, der Andersons Schwiegervater war, ist der "Meisterstreich" sogar gewidmet.
Der Film spielt in den 1950ern, in einer Zeit, in der skrupellose Geschäftsleute noch nicht als Präsidenten kandidierten, und siedelt zum überwiegenden Teil im fiktiven Phönizien. Im Bewusstsein, dass ihm vielleicht nicht viel Zeit bleibt, treibt Korda sein ehrgeizigstes Projekt voran: ein mehrteiliges Infrastrukturvorhaben, das unter anderem aus einem Lokomotivtunnel quer durch ein phönizisches Gebirge, einem Kanal durch die Wüste und einem gigantischen Wasserkraftwerk besteht.
Eine Figur, wie sie im Anderson-Bilderbuche steht
Ebenso liegt Zsa-Zsa die Versöhnung mit seiner Tochter am Herzen, die sich vom Erzeuger entfremdet hat und Nonne geworden ist. Liesl (leicht mürrisch und mit ausdrucksvoll-sonorer Stimme begabt: Mia Threapleton) soll Zsa-Zsas Alleinerbin werden. An weltlichen Gütern uninteressiert, lässt die junge Ordensfrau sich dennoch überreden, mit dem Vater auf Reisen zu gehen, um mögliche Geschäftspartner aufzusuchen und Gelder zu akquirieren.
Auch Liesl ist eine Figur, wie sie im Anderson-Bilderbuch steht: schillernd-geheimnisvoll und knochentrockene Sätze von sich gebend. Liesl raucht Pfeife, zieht im Verteidigungsfall sekundenschnell ein Messer aus ihrem Habit und lässt sich von dem Insektenforscher Bjorn Lund (janusköpfig und liebenswert: Michael Cera), dem Dritten im Bunde, zum Alkoholgenuss überreden. Während das Trio gemeinsam reist und verhandelt, ist Kordas Leben weiter von Widersachern bedroht. Und zwischen Liesl und Bjorn funkt es.
Wie wichtig ist hier die Liebesgeschichte? Oder der Plot vom allmählichen Zueinanderfinden von Vater und Tochter? Wie wär’s mit: Späte Einsicht eines Kapitalisten, das Besitz und Geld weder essbar sind noch herzerfüllend? Übergroße Macht erzeugt Gewalt? Ein zentrales Thema lässt sich (trotz Hauptfigur) nicht ausmachen, alles ist hier Polyphonie und Kontrapunkt.
Das Abenteuer wird fade
Nach ungefähr einem Filmdrittel wird deutlich, dass sich der Regisseur und Drehbuch-Koautor Anderson (auch Francis Ford Coppolas Sohn Roman war am Skript beteiligt) in seinen tausendundeinen Ideen verheddert. Der Witz verblasst, das Abenteuer wird fade, die Story verliert sich im Kleinteiligen, die Facetten funkeln nicht mehr. Wie schon in seinem letzten Werk "Asteroid City" tendiert das "Prinzip Anderson" (liebevoll-detaillierte Bilder, Understatement als Schauspielmethode, bestimmte wiederkehrende Rhythmen) hier zur hübsch gestrickten Masche.
Sogar Langeweile macht sich breit. Ausgenommen sind der Crash am Anfang, einige Highlights dazwischen und das mitreißende Finale mit einem Dammbruch und dem herrlich choreografierten Zweikampf von del Toro und Benedict Cumberbatch.
Erwähnt werden sollten die beträchtlichen production values. Im Film, der komplett im Studio Babelsberg bei Berlin gedreht wurde, sind diverse Gemälde berühmter Künstler zu sehen, vor allem in den Gemächern des kunstsinnigen Magnaten. Wobei nicht etwa Reproduktionen in die Filmsets gehängt wurden, sondern die echten, aus Museen geliehenen Werke von Renoir, Rubens oder Magritte. Ein Meisterstreich des britischen Kurators Jasper Sharp.