Miuccia Pradas Faible für die Arbeiterklasse

Wie die DDR-Schürze zum Italo-Luxus wurde

In den Boutiquen des italienischen Luxuslabels Miu Miu gibt es jetzt Kleider zu kaufen, die aussehen wie Küchenschürzen. Wie kommt’s? Und was hat die DDR-Fotografin Helga Paris damit zu tun?

Die gelbgeblümte Baumwollschürze soll mehr als 1700 Euro kosten. Nein, das ist kein Missverständnis – denn in den Boutiquen der italienischen Luxusmarke Miu Miu ist jetzt das angekommen, was vor ein paar Monaten auf dem Pariser Laufsteg präsentiert wurde: Kleider für den Sommer 2026, die aussehen wie DDR-Küchenschürzen aus den 1980er-Jahren. Das teuerste Exemplar ist mit funkelnden Glaskristallen bestickt und kostet 12.000 Euro.

Die Schürzen warfen nach der Fashionshow im Oktober viele Fragen auf. Die Modepresse zeigte sich verwirrt. Wollte man bei Miu Miu etwa das Heimchen am Herd auferstehen lassen, der sich mühsam aus dem Haushalt herausgekämpften Frau einen Platzverweis erteilen?

Natürlich hatte die als Feministin bekannte Miuccia Prada etwas ganz anderes im Sinn. Man muss wissen, dass die Modeschöpferin mit ihrem Zweitlabel Miu Miu gern die Grenzen weiblich konnotierter Kleidung auslotet. Ihre Experimentierfreude scheint grenzenlos und die jeweils amtierenden Finanzvorstände der Prada-Gruppe dürften deswegen bisweilen schlaflose Nächte haben. Man muss ja am Ende des Tages die Sachen auch verkaufen. Einmal ließ Signora Prada zum Beispiel Miniröcke dermaßen kurz schneidern, dass sie wie breite Gürtel wirkten. Aber die Fashion-Bubble liebte es und trat mit hervorschauender Unterwäsche auf die Straße. Der Hype um Miu Miu wurde nur noch größer.

Sandra Hüller als Brigadechefin

So konnte auch die Miu-Miu-Schürze keine reaktionäre Spielerei sein, sondern nur die nächste bahnbrechende Kleiderstudie. Naja, und dann war da noch Sandra Hüller. Als die in der DDR geborene Schauspielerin die Modenschau vor ein paar Monaten in robuster Workwear eröffnete, hätte sofort jedem klar sein müssen: Hier sollte keine verzweifelte Hausfrau aus der West-Villa, sondern eine hart schuftende Fabrikarbeiterin im volkseigenen Kombinat dargestellt werden.

Zur Musik des ost-affinen Hamburger Komponisten Felix Kubin (sein Plattenlabel heißt Gagarin Records) schien Hüller durch einen fiktiven sozialistischen Betrieb zu schreiten. Ihr Blick abgeklärt, wie der einer werktätigen Frau, die schon viel gesehen hat. Über die Jacke hatte man ihr eine Schürze in Indiogoblau, der Farbe des Blaumanns, gezogen. Die Kolleginnen, die ihr über den Runway folgten, sahen aus wie moderne Versionen der Arbeiterinnen aus dem VEB Treffmodelle Berlin, wie sie auf den 1984 entstandenen Bildern der DDR-Fotografin Helga Paris (1938–2024) im Buch "Frauen bei der Arbeit" zu sehen sind. Genau diese dienten der Schürzenlinie nämlich als Inspiration.

Sandra Hüller ist der weibliche Brigadier
Courtesy Miu Miu

Sandra Hüller ist der weibliche Brigadier

Miuccia Prada, die in den 1960er und 1970er-Jahren Mitglied der Partito Comunista Italiano war, beschäftigt sich eben gerne mit der Arbeiterklasse. Da kommt ihr eine Textilfabrik in Ost-Berlin gerade recht. Auch ihre russische Stylistin Lotta Volkova, die in der postsowjetischen Ära aufwuchs, dürfte in ihrer Kindheit so einige Babuschkas in geblümter Kittelschürze zu Gesicht bekommen haben. Kein Wunder also, dass es bei Miu Miu manchmal gefühlt ein bisschen "ostig" zugeht.

Die Blümchenschürze damals und heute

In diesem Sinne sind die Schürzen keineswegs als Bedrohung der weiblichen Unabhängigkeit zu verstehen, sondern als Projektionsfläche, auf der die Rolle der arbeitenden Frau aus heutiger Perspektive verhandelt wird. Bei Miu Miu geht es um die rein ästhetische Annäherung an die raue Schönheit der Blümchenschürze, womit das Kleidungsstück eine textile Kanonisierung im Museum der Mode erfährt: Die Schürze wird zum Gegenstand einer Debatte, weil sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst wird – und sich plötzlich in ein heiteres Sommerkleid verwandelt.

Ab jetzt kann sie wie die Levi's-Jeans nicht mehr nur zum Arbeiten, sondern auch zum Vergnügen getragen werden. Tja, diese kleine Revolution hat eben ihren Preis. Zumindest bei Miu Miu, denn die Fast-Fashion-Marken werden mit Schürzenkleidern bald nachziehen. Versprochen.