Prager Art Week

Wie die tschechische Kunstszene auf politische Unsicherheit reagiert

Tschechische Kulturinstitutionen kämpfen mit Kürzungen, ausbleibender Förderung und politischer Einflussnahme. In Prag versucht die Kunstszene, mit internationaler Vernetzung und privatem Engagement ihre Unabhängigkeit zu bewahren

Bis in den Spätsommer feiert Prag im "Stalin", dem Open Air Kulturzentrum im Letná Park. Der Name kommt vom weltgrößten Denkmal des sowjetischen Diktators, das sich bis zu seiner Sprengung 1962 dort befand. Dessen Platz hat 1991 die Installation "Stroj času" (Zeitmaschine) des tschechischen Künstlers Vratislav Karel Novák eingenommen. Das von der Prager Bevölkerung "Metronom" genannte, 25 Meter hohe Pendel soll die Abkehr vom Totalitarismus symbolisieren. Eine kuriose Wahl, wenn man bedenkt, dass jeder Schwung auch seiner Gegenrichtung Kraft gibt. 

Dem "Stalin" geht es wie vielen Kultureinrichtungen in Prag. Das Zentrum kündigte im Sommer 2025 an, sein Kulturprogramm vollständig einstellen zu müssen. Nach öffentlichem Druck kamen vorläufige Zusicherungen. Erneut drohte die Schließung. Jetzt macht das Stalin doch weiter, fürs Erste jedenfalls. 

Doch es geht immer hin und her. Langfristige Planbarkeit fehlt, denn seit Dezember 2025 regiert der Milliardär Andrej Babiš die Tschechische Republik in zweiter Amtszeit unter einem rechten Bündnis. Die Kunstszene Prags bangt um ihre Existenz. 

"Es gibt ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit"

Die Galerie Hunt Kastner feierte während der jüngsten, siebten Ausgabe der Prague Art Week 20-jähriges Bestehen. Doch auch an ihr geht die sich verschlechternde Lage nicht spurlos vorbei. "Es gibt ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit im Bereich der bildenden Kunst", sagt Galeristin Katherine Kastner. "Dieser Trend zeichnete sich bereits vor der Wahl ab. Am deutlichsten habe ich diesen Wandel in den Werken jüngerer Künstlerinnen und Künstler beobachtet, die in einer Zeit erwachsen werden, die von Instabilität und Unsicherheit sowie in hohem Maße von Zukunftsängsten geprägt ist".

Auch die Nationalgalerie bestreitet aktuell ein Jubiläum. Historische Ausstellungen sowie neue Sammlungspräsentationen feiern die Gründung der Společnosti vlasteneckých přátel umění, der Vereinigung patriotischer Kunstfreunde, vor 230 Jahren. Damals war es eine private Initiative, die es sich zur Aufgabe machte, Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren. Doch trotz ihrer langjährigen Existenz steht die Institution vor Herausforderungen. 

"Schaut man sich die erfolgreichsten Ausstellungen der Nationalgalerie an, dann sind es Ausstellungen tschechischer Künstlerinnen oder Künstler", sagt Michal Novotny, Leiter der Sammlung für Moderne und Kunst nach 1945. "Giacomettis Retrospektive 2019 – die erste der Tschechischen Republik überhaupt – hatte kaum 50.000 Besuchende. Die Ausstellung des böhmischen barocken Malers Petr Brandl erreichte 2023 wiederum 80.000 Menschen".

Budgetkürzungen und zugleich Vertrauen in die Kultur?

Neben dem konservativen Publikum bleibt auch die Finanzierung der insgesamt sieben Standorte der Institution herausfordernd: "Das Budget der Nationalgalerie wird seit der Pandemie immer weiter gekürzt. Zudem hat die letzte Regierung uns vor ihrem Ausscheiden aus dem Amt aufgefordert, unser Personal um sieben Prozent zu reduzieren – das heißt, in fast jeder Abteilung musste eine Person gehen".

Gleichzeitig ist die Nationalgalerie für den Pavillon Tschechiens und der Slowakei auf der Venedig-Biennale mitverantwortlich. Unter dem Titel "The Silence of The Mole" widmen sich das Duo Selmeci Kocka Jusko und der Künstler Jakub Jansa dort gerade der Instrumentalisierung von Kultur für staatliche soft power. Dass zwei Staaten gemeinsam ein solches Thema tragen, mag Vertrauen in die Kultur signalisieren. 

In Anbetracht der politischen Umstände wirkt der künstlerische Fokus jedoch eher ironisch. Die slowakische Kulturministerin Martina Šimkovičová hatte 2024 sowohl Alexandra Kusá, Direktorin der Nationalgalerie, als auch Matej Drlička vom Nationaltheater, entlassen, während Jen Kratochvil, Direktor der Kunsthalle Bratislava, selbst zurücktrat. In Prag gibt es Sorgen, ob nicht ähnliche Einmischungen in Tschechien folgen könnten. Gesetzliche Hürden in dem Land erschweren zumindest populistische Attacken auf Sammlungen, so Novotny. "Die Gesetzgebung schränkt deaccessioning, also das 'Entsammeln' von Werken, enorm ein, um staatliche Sammlungen und ihr Erbe vor Willkür zu schützen".

"Man sucht Lücken"

"Historisch gesehen haben tschechische Künstlerinnen und Künstler immer die Verbindung ins Ausland gesucht", sagt Larissa Friedrich, Doktorandin im Bereich Europäische Kulturgeschichte der Karls-Universität. "Prag, Wien, Budapest, Warschau, Berlin und Paris waren vom 19. bis ins späte 20. Jahrhundert über Grenzen hinweg vernetzt. Diese Netzwerke sind bis heute wichtig, fangen doch internationale Kooperationen und die EU fehlende staatliche Förderungen für tschechische Kunstschaffende auf". 

Gleichzeitig beobachte sie in der Kunstszene Anpassungen an die politische Lage: "Man sucht Lücken, um trotz Druck weiter Räume zu schaffen. Und das wird gerade durch private Förderung ermöglicht". 

Nun ist es mit dem Rechtsruck wie mit dem Klimawandel: Er kommt schleichend, und jede Ausnahmeerscheinung, die dem Trend zuwiderläuft, wird als Entwarnung ausgelegt. Denn während es weltoffen und reflektiert in Venedig aussieht, schwingt das Pendel in Prag Richtung Moskau, wo das Tschechische Zentrum erstmals seit dem Angriffskrieg auf die ganze Ukraine wieder ihren Betrieb aufnimmt.

Künstlerische und politische Realitäten

In Prag thematisieren Tanya Lukin Linklater und Duane Linklater im Rudolfinum unter dem Titel "Crested/mâcistan" die Lebensrealität der First Nations in Nordamerika und die Rolle böhmischer Glasperlen als koloniale Währung. Parallel wird der Galerie Fotograf Zone, die auch ein Festival veranstaltet und ein Magazin herausgibt, nach 25 Jahren der Geldhahn zugedreht. 

Im Rahmen der Prager Art Week präsentieren die Galerien Berlinskej Model und Karpuchina Gallery jeweils Ausstellungen, die normative Körperbilder hinterfragen. Gleichzeitig musste der ebenso teilnehmende queere Kunstraum Světová 1 für die Fortführung seiner Förderung kämpfen, nachdem das Kulturministerium trotz positiver Jury-Evaluation eine unbegründete Absage erteilt hatte. 

Ähnlich wie beim Kulturzentrum "Stalin" hatte es eine öffentliche Mobilisierung gebraucht, um die Förderung wieder zu sichern. So geht es weiter mit der Ungewissheit. Ob sich diese mit einer neuen Regierung auspendelt, muss sich noch zeigen.