Graffiti und Existenzialismus

Einsam – aber nicht allein

Graffiti „DO YOU FEEL ALONE?“ in Rot auf grauer Wand; Tür mit „49“, weitere Tags, starker Schatten.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Do you feel alone?"

Wo kann man heute noch öffentlich über die Schwierigkeiten des Menschseins sprechen, ohne sich zu schämen? Unsere Autorin sieht diesen Raum an Hauswänden – und sammelt emotionale, existenzielle Graffiti

Im sozialen Leben soll man funktionieren. In den sozialen Medien muss man sich inszenieren. In einer Kultur des zwanghaften Optimismus und radikalen Individualismus sollen wir allein zurechtkommen, produktiv bleiben oder zumindest überzeugend unbeschwert wirken. Was uns belastet, muss gebändigt, geglättet, vorzeigbar gemacht werden.

Selbst Schwierigkeiten und Brüche zählen nur, wenn aus ihnen Wachstum wird: Schmerz muss lehren, Scheitern muss stärken, Krisen müssen uns verwandeln. Am Ende soll keine Wunde mehr bleiben. Und wenn alle anderen scheinbar längst wissen, wie man "sein Leben in nur einem Tag in Ordnung bringt", bleibt nur eine Person, die es noch nicht herausgefunden hat: man selbst. 

So kennen Schuld und Scham nur eine Richtung: nach innen. Vielleicht habe ich nicht positiv genug gedacht, mich nicht gut genug optimiert, nicht genug geheilt – also einfach nicht gelernt, wie man richtig lebt. Der Raum um uns wirkt plötzlich seltsam leer – während alle anderen längst weiter zu sein scheinen.

 

Graffiti "Speck auf der Seele" auf Wohnhausfassade, umgeben von mehreren Tags.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Speck auf der Seele"

Graffiti an heller Fassade mit geschlossenem Rollladen; Zitat: 'Niemand ... funktionieren muss.'
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Na klar, weil ich funktionieren muss"


So seltsam ist unser Zustand: Was uns zutiefst menschlich macht, ist oft genau das, was wir zu verbergen lernen. Und Schweigen bleibt nie ohne Preis. Was keinen Ausdruck findet, wird in uns zur Glut: gehalten, genährt, eingeschlossen. Doch wenn keine Scheibe mehr da ist, die man im Notfall einschlagen könnte, bleibt immer noch eine Wand zum Beschreiben. Wer aufmerksam durch die Stadt wandert, findet immer wieder Graffiti-Schriftzüge, die existenzielle Themen aufgreifen.
 

Fotocollage mit Wandgraffiti und Kritzeleien; u. a. Text „Existence is absurd“.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Existense is absurd", "Das Aus ist der Traum", "Ich habe Probleme. Große Probleme", "Nobody dies a virgin, life fucks us all"


"Wie kann man sich in diesem ganzen Chaos so einsam fühlen?", "Was macht das Leben leichter?" und "Wie geht es von hier aus weiter?" – in diesen Fragen, die man in den öffentlichen Raum gesprüht finden kann, klingt dieselbe zutiefst menschliche Sehnsucht an: die nach einer Welt, die sich uns erschließt. Nach Glück. Nach Halt. Nach einem Grund, weiterzugehen. Nach Klarheit. Nach Richtung. Vielleicht vor allem nach einem Zeichen, dass es doch einen Weg hindurch gibt. 

Immer wieder derselbe Wunsch: Es muss eine Antwort geben. Doch stattdessen begegnet uns das Absurde selbst: unser Bedürfnis nach Sinn – und das unvernünftige Schweigen einer Welt, die keinen gibt.

Fotografie: handgeschriebener Schriftzug 'WHAT MAKES LIFE EASIER?' auf verwittertem Rahmen.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "What makes life easier?"


Und auch Graffiti geben uns keine letzte Antwort. Sie lösen nichts endgültig – und nehmen uns auch nicht die Last ab. Manche Fragen bleiben vielleicht für immer offen. Doch anstatt diese Leerstelle mit tröstlichen Illusionen zu füllen, sollten wir vielleicht anders fragen: nicht, wie das Leben endlich leicht wird, sondern wie wir weitergehen, wenn das Leben nicht leicht ist.

Foto einer Backsteinfassade mit Graffiti „are you in love with life?“; Vorderrad rechts.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Are you in love with life?"

Graffiti an Ziegelwand: „HEUTE GUT“ und „LEBEN, EGAL WIE GESTERN WAR“; Tor mit roter Blüte.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Leben, egal wie gestern war"


Vielleicht besteht die Aufgabe darin, beides willkommen zu heißen: das, was uns beglückt und das, was uns das Herz bricht. Nichts auszuschließen und, wie Albert Camus sagt, den weißen und den schwarzen Faden zu einer einzigen, bis zum Zerreißen gespannten Schnur zu verflechten. Die Spannung nicht aufzulösen, sondern widersprüchliche Wahrheiten auszuhalten. "Es gibt keine Sonne ohne Schatten", schreibt Camus, "und man muss auch die Nacht kennen".

Nachtfoto einer Stadtszene: Betonbarriere mit Graffiti 'EPIPHANY18', Straßenlaterne, Häuserzeile.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Lieber ein grauer Morgen als ein geblendeter Tag"


Doch der schwarze Faden ist nicht das ganze Leben. Und Hoffnung braucht kein Versprechen, dass am Ende alles gut wird. Manchmal liegt der Sinn allein im Willen, weiterzugehen – unbeirrbar, unbedingt, ohne Gewissheit. Und so bleiben auch wir, wie das Leben selbst, unvollendet: nie fertig, immer wieder am Anfang.

Wandgraffiti in Unterführung: Figur auf Teller; 'Auch mal auf dem Tellerrand tanzen …'
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Auch mal auf dem Tellerrand tanzen statt nur zu gucken"

Graffiti: 'WIDERSTAND HEIßT GEBEN' auf schwarzer Tür, umgeben von weißen Tags und Drips.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Widerstand heißt Leben"


Vielleicht sollten wir also aufhören, das Leben auf später zu verschieben – bis die Last endlich verschwunden ist. Aufhören zu glauben, das Glück gehöre erst jener zukünftigen Version von uns, die alles gelöst hat: das leichte Leben, das erfolgreiche Leben, das makellose Ich, das endlich angekommen scheint. 

Keiner von uns ist sich sicher. Keiner weiß so recht, wie es weitergeht. Vielleicht war Sisyphos nie der Einzige, der einen Stein immer wieder einen Berg heraufrollen musste. Tausende von uns erklimmen denselben Hang – jeder gebeugt, jeder unter einem anderen Gewicht. Und irgendwo am steilsten Stück dieses Hangs erkennen wir: Den Aufstieg gehen wir nie allein.

Foto: Fassadenansicht mit grauer Tafel, Graffiti „Wir sind eins!“, oben abstrakte Kachelbilder.
Foto: Polina Stohnushko

Graffiti "Wir sind eins"