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Ausstellung in Florenz

Wie Marina Abramović zur Satanistin wurde

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Rechte in den USA versuchten Marina Abramović 2016 okkulte Neigungen nachzuweisen. Ein Missverständnis, denn es geht der Künstlerin doch nur um Achtsamkeit. Das zeigt die Retrospektive "The Cleaner", die nach der Station in Bonn jetzt in Florenz zu sehen ist

Ende 2016 gab es eine Verschwörungstheorie, die besagte, dass Hillary Clinton zusammen mit ihrem Wahlkampfmanager John Podesta einen Kinderpornoring betreibt, und zwar vom Keller einer Pizzeria in Washington aus. Es war die Zeit kurz nach der Trump-Wahl, als eine kurze Google-Recherche ein ganzes Netz von Artikel zu Tage fördern konnte, eine Parallelwelt aus unbestätigten Meldungen und Verschwörungstheorien über okkulte Zirkel. Und irgendwie gehörte die hinreichend kanonisierte Künstlerin Marina Abramović auch dazu.

Clintons Wahlkampfmanager hat einen Bruder, Tony Podesta. Der sammelt Kunst: Er gehörte zu den ersten Sammlern von Ólafur Eliasson, kaufte eine Marmorskulptur von Louise Bourgeois. Außerdem ist Podesta mit Marina Abramović befreundet. Irgendwann tauchte auf der Enthüllungsplattform Wikileaks, die mittlerweile vor allem Bausteine für rechte Verschwörungstheorien liefert, eine E-Mail-Konversation zwischen Tony Podesta und Abramović auf. Die Künstlerin lädt zum "Spirit Cooking Dinner", einer eigentlich eher harmlosen Abendunterhaltung, die zurückgeht auf die gleichnamige Performance in einer italienischen Galerie. Dort hatte sie Anweisungen wie "with a sharp knife cut deeply into the middle finger of your left hand eat the pain" an die Wand geschrieben (zugegebenermaßen mit Schweineblut) und für die Gäste gekocht. Gelegentlich wiederholt sie die Performance für Sammler und Freunde, 2016 für Tony Podesta. Das wurde als Hinweis auf ein satanistisches Untergrundnetzwerk um die demokratische Präsidentschaftskandidatin missverstanden. 

Das ist eine dieser Verschwörungstheorien, die man nicht vergisst. Besonders nicht, wenn man dem Kurator Arturo Galansino erst durch die Kellergewölbe des Palazzo Strozzi in Florenz folgt, dann durch die luftigen Wohnräume, in denen die florentinische Patrizierfamilie bis 1937 residierte. Heute ist der Stadtpalast ein Ausstellungsraum für Gegenwartskunst, um genau zu sein, der einzige große in der norditalienischen Stadt. Hier gibt es derzeit auch die Abramovic-Retrospektive "The Cleaner" zu sehen: von ihren Gemälden aus den 60ern (bevorzugte Sujets: Autounfälle und Wolken), über ihre Performances (Sujet: die Künstlerin und ihr Körper, später zusammen mit ihrem Partner, dem Künstler Ulay) und ihre Videos (Sujet: das schwierige Verhältnis zu ihren übermächtigen Eltern und ihrem Geburtsland Jugoslawien).

In ihrer  Frühphase, also von den 70ern bis Mitte der 80er, fuhr Abramović mit einem alten Citroën-Kastenwagen und mit ihrem Partner Ulay ohne Geld durch Europa, als eine Art Performance-Wanderzirkus. Das war schon nach der Zeit, als die Lust an der Transgression ein verbreiteter Zug in der Kunst war und nach der Zeit, als bürgerliche Moralvorstellungen, nun ja, hinterfragt wurden.

"In den 70ern waren Performances nur für eine Minderheit, es kamen vielleicht 30 oder 40 Leute. Mir ist es gelungen, das in den Mainstream zu bringen", sagt Abramović, und man glaubt es ihr sofort, denn bei ihren Aktionen mit Ulay geht es doch um unmittelbar verständliche Themen: Liebe, Zweisamkeit, Vertrauen. In diese Erfolgsformel mischt sich noch das Staunen über die Belastbarkeit der Künstlerkörper. Während beispielsweise die Wiener Aktionisten, die dereinst den Standard für transgressive Kunst setzten, auf Grenzüberschreitungen der ekligen Sorte bauten, hantierten Abramović und Ulay mit Universalien.

"Unsere Kunst hat Mode und Musikvideos inspiriert. Bloß wollte niemand die Urheber dafür anerkennen", klagt Abramović. Deshalb hatte sie eine Idee, mit der sie gleich zwei Ziele verfolgen kann: die Re-Performance. Ihr liege viel an der Geschichte und der Zukunft von Performance, sagt sie. Performances können nun wiederholt, konserviert und im Museum gezeigt werden, nicht bloß als verwackeltes Schwarz-Weiß-Video. "Es war meine Pflicht, Ordnung in dieses Chaos zu bringen." Endlich kann die Kunstgeschichte der Performancekunst angemessen ins Museum, außerdem baut sich Abramović ein Franchise-Unternehmen: Die Urheberrechte liegen bei ihr, und sie hat die volle Qualitätskontrolle. 

 

Für die Performer — meist selbst junge Tänzer und Künstler — gibt es Lehrgänge und Workshops. "Das könnte zu einer ganzen Infrastruktur werden", sagt sie. Man muss seinen Körper und Geist vorbereiten, mit Fastenkuren und Training: Studium und Vorbereitung. Abramović, die strenge Zen-Meisterin, wacht darüber. 

Das leitet auch zur letzten Schaffensphase der Künstlerin über. Am Ende der Schau in Florenz steht ein großer Tisch. Um den Tisch stehen Hocker, an jedem Platz ein Block und ein Bleistift, in der Mitte eine Vertiefung, gefüllt mit Reiskörnern und Bohnen. Die Besucher sind angehalten, eine Handvoll zu nehmen und die Körner zu zählen. Man muss da sein, voll konzentriert, ganz im Moment. So wie Abramović bei ihrer letzten großen Performance, "The Artist is Present" im MoMA in New York, wo die Besucher der Künstlerin schweigend gegenüber sitzen konnten. Abramović glaubt an die Magie der Anwesenheit.

Ihre freundlichen mindfulness-Übungen im Museum schockieren ganz sicher niemanden. Bloß wie wurde Marina Abramović nun zur Satanistin gemacht? Ein großes Missverständnis, das nicht abschließend zu erklären ist, höchstens mit viel bösem Willen und politischem Dünkel. Und mit dem Unverständnis darüber, dass Dinge, die im Kunstkontext passieren meistens fiktional sind. Aber vielleicht dauert es damit nur ein wenig, denn, um es mit einem Wort von Abramović zu sagen: "Das Leben ist schnell, Kunst muss langsam sein."

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