Was ist eigentlich deutsche Mode? Diese Frage taucht immer dann auf, wenn ein Label versucht, seine Ästhetik neu zu erfinden. Zwischen Jil Sander und 032c, zwischen klassischem Minimalismus und experimenteller Streetwear, hat sich bislang kein klarer Stilbegriff etabliert. Nun wagt das Modeunternehmen Strenesse, einst Inbegriff puristischen Designs, mit einem Relaunch der Marke einen erneuten Versuch, eine zeitgenössische Antwort zu finden.
Das 1949 im bayerischen Nördlingen gegründete Familienunternehmen entwickelte sich unter Gabriele Strehle, die das Haus ab den 1980er-Jahren prägte, zu einem Synonym für kühle Eleganz. In den 2000er-Jahren folgten internationales Renommee, Schauen in Mailand und eine Phase der Expansion.
Mit der Ausstattung der deutschen Fußballnationalmannschaft schaffte Strenesse zudem den Sprung in die Popkultur: Bundestrainer Joachim "Jogi" Löw trug während der Weltmeisterschaft 2010 die charakteristischen schmalen Hemden und einen blauen Strenesse-Kaschmirpulli – ein Kleidungsstück, das später als "Glückspullover" Kultstatus erreichte und heute im Deutschen Fußballmuseum hängt. Zugleich wurde Aino Laberenz, Kostümbildnerin und Witwe des 2010 verstorbenen Theaterregisseurs und Künstlers Christoph Schlingensief, zum Gesicht der Marke und machte diese auch in der Kunstszene sichtbar. 2014 dann das vorläufige Ende: Nach Jahren des Erfolgs geriet das Unternehmen in wirtschaftliche Schieflage und musste Insolvenz anmelden. Danach wurde es still um Strenesse – bis jetzt.
Zeitlose Eleganz
Der Schauplatz der Wiederkehr ist bezeichnend: das Berliner Luxuskaufhaus KaDeWe, dessen Fassade bis vor Kurzem mit überdimensionalen Strenesse-Plakaten verhüllt war. Eine stilvolle, aber unübersehbare Intervention im Herzen des Konsumrauschs. Drinnen, im eigens konzipierten Pop-up-Store in der zweiten Etage, reihen sich schwarze Etuikleider neben glänzenden Cabanjacken und Zweiteilern aus meliertem Wolltweed aneinander.
"Strenesse war schon immer stark von einem klaren, reduzierten Designansatz geprägt. Dieser Fokus auf das Wesentliche, auf Qualität, Schnitt und Haltung ist tief in der Marken-DNA verankert", sagt CEO Noro Hoferer. Für ihn liegt darin eine Nähe zum Bauhaus-Gedanken "form follows function". Jede Linie habe bei Strenesse einen Zweck, nichts sei zufällig oder dekorativ. "Das bewusste Weglassen ist vielleicht die höchste Form der Eleganz", sagt er.
Die neue Kollektion zeigt genau das: klare Linien, androgyne Silhouetten, monochrome Paletten in Weiß, Grau und Schwarz. Die Schnitte zitieren die Neunziger, ohne sie zu imitieren. Die Form bleibt streng, doch die Materialien wirken sanfter, beweglicher. Es ist, als würde Strenesse den Begriff der "kühlen Eleganz" neu denken – weniger formell, dafür ungezwungener. "Minimalismus ist heute weit mehr als ein Stil", sagt Hoferer. "In einer Zeit der Überreizung steht Reduktion für Bewusstsein, Klarheit und innere Ruhe." Nach Jahren der Mikrotrends, die im Wochentakt kamen und gingen, wirkt Strenesse wie ein Gegenentwurf, eine Art Plädoyer für Präzision und zeitlose Eleganz.
Keine Modemarke, ein kulturelles Statement soll es sein
Gemeinsam mit dem Grafikdesigner Mirko Borsche, dessen Studio bereits für Balenciaga und Rimowa gearbeitet hat, will Strenesse sein Comeback "nicht nur als Modemarke, sondern als kulturelles Statement" inszenieren. "Mirko bringt ein internationales Verständnis für Ästhetik, Kommunikation und Zeitgeist mit", so Hoferer. Das Traditionsunternehmen mit neuer Eigentümerstruktur soll in Zukunft an der Schnittstelle von Kommunikation, Design und individueller Ausdrucksweise wahrgenommen werden. Neue Wege geht das Haus auch bei seiner Materialwahl: Strenesse arbeitet mit naNea, einer biologisch abbaubaren Faser, die Mikroplastik ersetzt. "Für uns ist das kein Stilthema, sondern eine bewusste Entscheidung für Nachhaltigkeit", erklärt Hoferer.
Und doch ist dieser Relaunch offenbar mehr als bloße Nachhaltigkeits-Rhetorik. Er ist ein Versuch, den Begriff "deutsche Mode" neu zu besetzen. Lange wurde dieser als Synonym für Nüchternheit, Ordnung und Präzision wahrgenommen – Eigenschaften, die in der internationalen Fashionwelt fast provinziell wirkten. Jetzt, in einer Zeit der Überproduktion, scheinen sie wieder attraktiv. Vielleicht ist Strenesse also keine bloße Wiederkehr, sondern eine Erinnerung daran, dass Zurückhaltung eine lukrative symbolische Währung sein kann.
"Deutschland hat in der Historie nie die gleiche emotionale Tradition entwickelt wie Paris oder Mailand. Hier stand Mode lange für Funktion, Qualität und Handwerk, weniger für Spektakel, Storytelling oder sinnliche Inszenierung", sagt Hoferer. Er sieht darin keine Schwäche, sondern eine Chance: Wenn deutsches Design lerne, seine Präzision mit Emotionalität zu verbinden, könne daraus eine neue Identität entstehen. Für ihn ist Strenesse ein Labor für diese Idee – ein Versuch, das Label "deutsch" von seiner Strenge zu lösen und in moderne Eleganz zu verwandeln.