Museum der Bildenden Künste / Kunsthalle der Sparkasse

Wiedervereinigung mit der Vergangenheit

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Schon der Ausstellungstitel klingt wie eine Antwort auf „60 Jahre. 60 Werke“. In Leipzig ist man angetreten, die vieldiskutierte Schau, die im Frühjahr im Berliner Martin Gropius Bau das Grundgesetzjubiläum westorientiert aufbereitete, alt aussehen zu lassen: Das Museum der Bildenden Künste und die Stiftung Sparkasse Ost feiern mit „60/40/20“ nicht nur gleich drei Jubiläen (60 Jahre Nachkriegskunst, 40 Jahre Kunst in der DDR und 20 Jahre im wiedervereinigten Deutschland), sondern auch die Bedeutung der Stadt für die gesamtdeutsche Kunst.
 
„60/40/20“ mit seinen 300 Werken von insgesamt über 90 Künstlern geht chronologisch vor: Es fängt an mit der Suche der Nachkriegsgeneration nach einer Wiedervereinigung mit der Vergangenheit. Die Sehnsucht danach drückt sich zum Beispiel in Max Schwimmers „Antiker Besuch im Industrieviertel“ (1948/49) aus, wo zwei schwarz-weiße Figuren, die einer hellenistischen Vasenmalerei entsprungen zu sein scheinen, in einem bunten Durcheinander von Fabrikschornsteinen flanieren. Es geht weiter mit der kollektiven Stilfindung im Sinne des Regimes. Doch schnell explodiert der 1953 zur offiziellen Kunstform erklärte Realismus in seine individualisierten Formen: Ob grell ausgeleuchtet und surrealistisch anmutend wie bei Wolfgang Mattheuer oder mit dicken Pinselstrichen, beinahe expressionistisch, wie bei Bernhard Heisig – von ausgiebigen Formexperimenten konnte keiner der in „60/40/20“ vertretenen Künstler lassen.
 
Die Ausstellung verfolgt nicht die Wege einzelner Stars nach, sondern die formalen Einflüsse, an denen die Kuratoren eine Leipziger Tradition fest zu machen versuchen. Die „Neue Leipziger Schule“ und ihr prominentester Vertreter Neo Rauch werden also aus der Vergangenheit erklärt, und trotz des Glamours, der sie immer noch umweht, bilden sie nicht den Höhepunkt, sondern lediglich den logischen Abschluss der Schau. Es gibt hier denn auch keine spektakulären Leihgaben zu vermelden.
 
Am zweiten Ausstellungsort, in der Kunsthalle der Sparkasse, hat sich das Kuratorenteam einen kleinen Exkurs erlaubt: „Stadtlandschaften“ werden hier gezeigt. Das Leipzig der Leipziger Schulen, auch an diesem Nebenschauplatz in mehreren Generationen vertreten, ist wesentlich metropolitaner als die Stadt, die einen draußen vor der Tür erwartet – Ausdruck eines künstlerischen Selbstbewusstseins, das sich in der Tat immer sehr stark auf den Ort bezogen hat, an dem es geboren wurde. Im Grunde ist das eine stärkere Gemeinsamkeit als die stilistische, die im Museum der Bildenden Künste immer wieder beschworen wird.
 
Trotzdem ist das Leipziger Riesenprojekt zu einer äußerst gelungenen Ausstellung geworden. Lässt sich der Betrachter ganz auf den angesichts des Umfangs nicht eben unanstrengenden Besuch ein, wirft die Schau tatsächlich ein neues Licht auf die deutsche Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.
 

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