Der Fall Kinski/Wenders

Wie umgehen mit problematischen Filmszenen?

Foto: Person auf Bühne mit gesenktem Kopf vor großer s/w-Projektion; Publikum im Vordergrund.
Foto: Christoph Soeder/dpa

Wim Wenders verneigt sich im Palais am Funkturm, nachdem er den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises erhalten hat

Bei der Gala zum Deutschen Filmpreis äußert sich Wim Wenders zur Forderung Nastassja Kinskis, ihre erotisierende Darstellung als 13-Jährige zu zensieren. Darf man alte Filme ändern?

Seit die Lolas nicht mehr als bis dahin höchstdotierter deutscher Kulturpreis mit rund drei Millionen Euro aus der Staatskasse dotiert sind, ist es auch politisch etwas ruhiger um sie geworden. Ausgerechnet der für sein Lebenswerk geehrte Wim Wenders wandte sich nun mit dem Wunsch nach einer Debatte an seine Kollegenschaft. Noch bei der vergangenen Berlinale hatte seine Empfehlung an Filmemacher sich aus der Politik herauszuhalten, für heftige Diskussionen gesorgt. Nun ging es ihm um ein ethisches, damit aber auch politisches Anliegen: "Wie gehen wir mit dem Filmerbe um? Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es wie in diesem Fall einer Schauspielerin, die ich sehr verehrt habe, weh tut?"

Wenders erwähnt nicht den Artikel der "Süddeutschen Zeitung" vom 22. Mai, in dem sich Nastassja Kinski über die Journalistin Claudia Tieschky noch einmal an die Öffentlichkeit wandte. Seit 15 Jahren versucht sie, inzwischen mit anwaltlicher Hilfe, Wenders dazu zu bringen, seinen Film "Falsche Bewegung", in dem sie als 13-Jährige spielte, um jene Szene zu kürzen, die sie mit nacktem Oberkörper zeigt. Rüdiger Vogler legt sich in der Rolle des Wilhelm Meister nur mit einer Unterhose bekleidet zu dem stummen Mädchen Mignon. Nach einer Umarmung endet die Einstellung. Danach setzt sich der Mann noch einmal zu dem Mädchen, ohrfeigt sie und steht auf.

Für Kinski ist die Erinnerung an ihre erste Filmrolle traumatisch. "Was man nicht blockieren kann, sind Gefühle, und dieses Gefühl ist geblieben. Und die Bilder im Film ja auch", zitiert sie der Artikel. "Es war nun mal der erste Film, er war mein erster Regisseur und er hat mich nicht beschützt." Nachdem Wenders offenbar anwaltlichen Anfragen über ein Gespräch nicht nachkam, äußerte er sich nun während der ARD-Aufzeichnung mit der Lola in der Hand ausführlich dazu.

"Es ist ein schwieriges Kapitel in meinem Leben. Es gibt gegen diesen Film ein Aufbegehren, dass man eine Szene schneiden möge. Es gibt in dem Film eine Szene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski, die mit bloßem Oberkörper gefilmt wurde. Das würde ich heute nie mehr so machen. Ich weiß heute mehr, viel mehr, es gibt andere Sensibilitäten. Wir leben in einer völlig anderen Welt als vor 50 Jahren. Der junge Mann, 29-jährig, von vor 50 Jahren, dem kann ich keinen Vorwurf machen. Er hat einen Film in seiner Zeit gemacht, er wollte irgendwie den Zeitgeist treffen."

"Kann man von heute aus einen Film verändern?"

Den Film nachträglich zu verändern, hat Wenders bisher abgelehnt. Als Beispiel einer solchen Bearbeitung verweist er auf Steven Spielbergs digitale Retuschen in "E. T.", wo Kinder nun nicht mehr gemeinsam mit bewaffneten Soldaten zu sehen seien. "Ich bin mit der Frage ziemlich allein und ratlos … Kann man von heute aus einen Film verändern?"

Was Wenders unerwähnt lässt, ist, dass er selbst nachträgliche Veränderungen an einem anderen Frühwerk vornahm, seiner früheren Handke-Verfilmung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Als dieser Film in einer öffentlich geförderten digitalen 4K-Restaurierung 2014 wieder erschien, waren große Teile der Musik ausgetaucht. Da die Musikrechte nie vollständig geklärt worden waren, wurden die Songs von einer Coverband neu eingespielt.

Diese Veränderung geschah nicht aus künstlerischen, sondern aus kommerziellen Gründen. "Die ursprünglichen Musiken in Gänze zu erwerben, dazu noch weltweit, war völlig illusorisch", schreibt Wenders auf der Website seiner Stiftung. "Michael Beckmann hat dafür eine Band zusammengestellt und mit denen neue Songs geschrieben und getextet. Dabei sind ganz wunderbare Titel entstanden, die den ursprünglichen Songs in nichts nachstehen. Die Jungs haben es geschafft, den Sound der Sechziger Jahre so originalgetreu wie möglich zu imitieren … Ich hoffe sehr, dass diese Musikauswechslungen niemanden stören wird. Das war die Bedingung, daß der Film überhaupt wieder gesehen werden kann."

Ohne diese Szene wäre es nicht mehr derselbe Film

Man kann Wenders hier durchaus widersprechen. Natürlich sind die Neuaufnahmen irritierend. Und selbstverständlich könnte der Film auch mit den Originalmusiken in einzelnen, musealen Kinovorführungen gezeigt werden. Nur eine breite Verwertung wäre kostspielig geworden. Doch auch ein Filmmuseum kann den Film heute nicht mehr in originaler Form zeigen, es sei denn von historischen, nicht restaurierten Filmkopien. Das Digitalisat liegt nur verändert vor.

Anders "Falsche Bewegung", das in originalgetreuer Restaurierung existiert. Diese Fassung wäre auch dann noch in der Welt, wenn sich Wenders entschlösse, die Szenen mit Kinski in Absprache mit ihr zu bearbeiten. Der Film würde dann in einer zweiten Fassung existieren, so wie es auch Wenders' "Bis ans Ende der Welt" in zwei Fassungen gibt, einer gekürzten Kinoversion und einem "Director’s Cut" – für Wenders selbst, wie er zuletzt im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt erklärte, heute sein wichtigster Film.

Künstlerisch wäre eine Veränderung, wie sie Kinski wünscht, ein spürbarer Eingriff, denn gerade die missbräuchliche Situation, die diese Szene darstellt, wirkt sehr stark in den Film hinein. Allerdings macht sie das Wissen um die Missbräuchlichkeit der Herstellung schwer erträglich. Ohne diese Szene wäre es nicht mehr derselbe Film. Archivarisch betrachtet, sind nachträgliche Veränderungen von Kunstwerken immer abzulehnen.

Verbreitung des Originals beschränken

Doch die Frage der Verbreitung und Verwertung ist eine andere. Warum sollte Wenders nicht die Verbreitung des Originals auf Museen beschränken? Der verbreitete Film könnte dann entweder der sein, mit dem Kinski leben kann – oder man verzichtet auf eine weitere Auswertung.

Bemerkenswert ist auch, wie Wenders bei seiner Dankesrede das Thema vorbereitete. Lange verortete er sein Werk in einem feministischen Kontext. Sichtlich gerührt gestand er den Einfluss von Barbara Loden, ohne jedoch ihren lange verkannten Film "Wanda" zu erwähnen. Es seien Filmemacherinnen wie sie gewesen, die ihn dazu gebracht hätten, etwas ähnliches wie der Feminismus zu schaffen, Männerbilder zu zeichnen, wie man sie zuvor nie im Kino gesehen hätte. Erst mit "Paris Texas" sei ihm auch eine relevante Frauenfigur gelungen: das von Nastassja Kinski gespielte Peep-Show-Model Jane.