Tipps und Termine

Wohin am Wochenende?

Die Kunst der Woche in Berlin, Chemnitz, Düsseldorf, Essen und München

 

Christian Marclay in Berlin 

Das Medium Film dokumentiert vergangene Ereignisse – und existiert doch auf gespenstische Weise im Hier und Jetzt. Der schweizerisch-amerikanische Medienkünstler Christian Marclay verstärkt diese Ambivalenz des Kinos, indem er in seiner monumentalen 24-Stunden-Collage zeitbezogene Clips aus 100 Jahren Film- und Fernsehgeschichte an die Echtzeit im Zuschauerraum koppelt. 

"The Clock" ist ein gigantisches Found-Footage-Kunstwerk und zugleich eine funktionierende Uhr, wurde seit der Premiere in London im Jahr 2010 zum Welterfolg in vielen Museen und erlebt nun seine Berlin-Premiere. In einem eigens erbauten Kino in der Neuen Nationalgalerie ist das "Uhrwerk" täglich während der regulären Öffnungszeiten zu sehen. Und an ausgewählten Wochenendabenden kann das Publikum die komplette 24-Stunden-Collage anschauen – oder es zumindest versuchen. Die Ausdauerkünstlerin Marina Abramović würde es packen!

Christian Marclay "The Clock", Neue Nationalgalerie, Berlin, bis 25. Januar 2026 

Christian Marclay "The Clock", 2010, Installationsansicht, Neue Nationalgalerie, Berlin, 2025
Foto: © Christian Marclay © White Cube (Ben Westoby)

Christian Marclay "The Clock", 2010


Familienaufstellung in Berlin

Jeder Mensch hat eine, aber nicht alle fühlen sich in ihr gleichsam geborgen: Familie. Drei neue Ausstellungen im Berliner Humboldt Forum beschäftigen sich mit Bluts- und Wahlverwandtschaften und den Beziehungen, die unser Leben prägen. "An das wir uns festhalten", kuratiert von Minh Duc Pham und Hai Nam Nguyen, fokussiert dabei auf queere und migrantische Erfahrungen, in denen das Verhältnis zur Herkunftsfamilie oft kompliziert und vom Vermissen geprägt ist. Wie die elf Künstlerinnen und Künstler der Schau in Videos, Fotografie und Installationen zeigen, entstehen aber auch neue Allianzen und Verbindungen, die unser Verständnis von Gemeinschaft erweitern können.  

Die zweite Ausstellung, "Sich verwandt machen", geht das Thema noch breiter an und schaut auf Beziehungen zur Natur, zu Geistern, zu Objekten unseres Alltags und zum Kosmos. Zu sehen sind Werke von Catherine Blackburn, Aziza Kadyri, Mae-ling Lokko, Meryl McMaster, Caroline Monnet, Katja Novitskova, Soe Yu Nwe, Odun Orimolade, Judith Raum, Cara Romero, Zina Saro-Wiwa, Haegue Yang. 

Der Frage, inwiefern der Staat in familiäre Bande eingreift, widmet sich die Ausstellung "Alles unter dem Himmel" am Beispiel von China und Korea im 20. Jahrhundert. Alle drei Schauen gehören zum Jahresprogramm "Beziehungsweise Familie" des Humboldt Forums, das noch bis Sommer 2026 im Berliner Stadtschloss läuft.

"An das wir uns festhalten" und "Sich verwandt machen", "Alles unter dem Himmel", Humboldt Forum, Berlin, bis 3. August 2026

Meryl McMaster "Time's Gravity"
Foto: Courtesy Stephen Bulger Gallery und Pierre-François Ouellette art contemporain

Meryl McMaster "Time's Gravity"

 

Charlottentalk und -walk in Berlin

Charlottenburg lädt zum Flanieren ein: Beim Charlottenwalk öffnen am Samstag rund 40 Galerien ihre Türen – von der Mommsenstraße bis Savignyplatz. Das 2018 gegründete Format, inzwischen feste Größe im Berliner Kunstkalender, zeigt, wie lebendig und kooperativ die Westkunstszene sein kann.

Zum Auftakt spricht beim Charlottentalk die Kuratorin und Zukunftsforscherin Madeleine Schwinge mit Alex Müller, Monika Michalko und Christian Thoelke über Kunst als Möglichkeitsraum. Es geht um "Artistic Intelligence" statt künstlicher Intelligenz – und darum, wie Kunst Zukunft denken kann.

Charlottenwalk, verschiedene Galerien in Charlottenburg-Wilmersdorf, Samstag, 29. November, 12 bis 18 Uhr; Charlottentalk, Kunstpalast, Mommsenstraße 61, 29. November, 10.30 bis 12 Uhr, Eintritt frei

Charlottenwalk 2024
© Courtesy Charlottenwalk

Charlottenwalk 2024


Carlfriedrich Claus in Chemnitz

Als Lautdichter und Mitbegründer der visuellen Poesie ist Carlfriedrich Claus (1930-1998) international anerkannt. Zum Ausklang des Kulturhauptstadtjahres rücken die Kunstsammlungen Chemnitz nun besonders das phonetische Werk des Avantgarde-Künstlers ins Zentrum einer neuen Ausstellung. Die Schau "Am Rand des Jetzt am Rand des Hier" ist bis 1. März im Haus am Theaterplatz zu sehen. 

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Claus' Lautprozessraum, der 1995 erstmals in den Kunstsammlungen gezeigt wurde, wie das Museum informierte. Zu diesem 30. Jubiläum sei er rekonstruiert worden. Darin könnten Besucher die Klangumgebung durch ihre Bewegung selbst steuern. Ergänzt werde die Installation durch Zeichnungen, Mappenwerke, Dokumente und Bücher, die einen umfassenden Einblick in den Denk- und Arbeitskosmos des Künstlers aus Annaberg-Buchholz geben sollen. 

Als Künstler war Claus Autodidakt und hat sich schon in frühen Jahren mit Kunst und Sprachen beschäftigt. Er wurde zu einem Pionier der visuellen und akustischen Poesie. Von der offiziellen DDR-Kunstszene wenig beachtet, fand sein Werk international Anklang - etwa in Ausstellungen in Baden-Baden, Paris und Den Haag. Er wurde zudem mehrfach ausgezeichnet. In einem nach ihm benannten Archiv pflegen die Kunstsammlungen Chemnitz seinen Nachlass: etwa 850 Druckgrafiken, 575 Handzeichnungen, viele Tonaufnahmen und Manuskripte, mehr als 22.000 Briefe sowie seine Bibliothek. (dpa)

Carlfriedrich Claus "Am Rand des Jetzt am Rand des Hier", Kunstsammlungen Chemnitz, Haus am Theaterplatz, bis 1. März 2026

Carlfriedrich Claus "Entzündung", 1972/85
Foto: Kunstsammlungen Chemnitz / László Tóth, Stiftung Carlfriedrich Claus Archiv, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025 Foto: Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth

Carlfriedrich Claus "Entzündung", 1972/85


Kulturhauptstadt-Finale in Chemnitz

Zum Finale wird es adventlich in Chemnitz: Rund 1100 Teilnehmer der Europäischen Bergparade ziehen am Samstag, begleitet von Musik, im traditionellen Habit durch die Stadt. Sie erinnern an die lange Tradition des Bergbaus in der Region. Die Bergparaden und Bergaufzüge in Sachsen zählen zum immateriellen Kulturerbe und locken jedes Jahr im Advent Zehntausende Schaulustige an. 

Nach der Parade sind Besucher auf dem Theaterplatz zum Weihnachtssingen eingeladen. Schon ab Mittag verwandelt sich das Foyer der Stadthalle in eine weihnachtliche Kreativwerkstatt. Dort können Besucher den Angaben zufolge eigene Schokolade gießen, Geschenke aus Holz bauen oder sich im 3D-Druck ausprobieren. 

Unter dem Titel "Feierabend!" wird dann am Samstag ab 20 Uhr auf einer Bühne neben dem Karl-Marx-Monument auf das Kulturhauptstadtjahr zurückgeblickt, bevor DJs zu einem Rave unter freiem Himmel auf der Brückenstraße auflegen. 

Auch in der Kulturhauptstadtregion gibt es Aktionen. Am Bergbaumuseum in Oelsnitz/Erzgebirge etwa öffnet die neue immersive Lichtinstallation "Beyond Horizons" des US-Künstlers James Turrell am Samstag für Besucher. Sie bildet den Abschluss des Kunst- und Skulpturenpfades "Purple Path". 

In der Region wird das Angebot im öffentlichen Nahverkehr aufgestockt. Busse, Straßenbahnen und Züge fahren wie an Wochentagen, teilte der Verkehrsverbund Mittelsachsen mit. So seien die RE3- und RB30-Züge zwischen Dresden, Chemnitz und Zwickau im Stundentakt unterwegs, ebenso die Bahnen nach Leipzig (RE 6) sowie Olbernhau (RB81) und Annaberg-Buchholz (RB80), hieß es. Auch die Chemnitzer Verkehrs-AG fährt am Samstag auf den Hauptverkehrslinien im 10-Minuten-Takt. (dpa)

Veranstaltungs-Wochenende zum Kulturhauptstadtjahr, verschiedene Orte, Chemnitz, 29. und 30. November

Lichtinstallation von Ari Dykier in Chemnitz, November 2025
Foto: dpa

Lichtinstallation von Ari Dykier in Chemnitz, November 2025


"Grund und Boden" in Düsseldorf

Auf neutralem Boden – stehst du nie. Eine Gruppenschau im Düsseldorfer K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen widmet sich nicht zuletzt dem Ausstellungsort, dem ursprünglich als Parlamentsgebäude konzipierten und genutzten Ständehaus mit dem angrenzenden Park, durch den bis 1801 die bis heute sichtbare Festungsgrenze Düsseldorfs verlief. Heute, im Immobilienmaklerjargon: beste Lage am Kaiserteich. 

Die Ausstellung "Grund und Boden. Wie wir miteinander leben" handelt vom Zusammenleben, von Krieg, Vertreibung, Flucht, Naturzerstörung und Wohnungsnot, aber auch von Wiederaufbau und Regeneration, vom Bepflanzen, Besitzen und Teilen. Mehr als 30 internationale Kunstschaffende und Kollektive untersuchen in ihren Werken den wirtschaftlichen wie ökologischen und sozialen Wert des Bodens. Wem gehört die Erde, wer entscheidet über ihre Nutzung, wie können visionäre Modelle wie Blockchain-Communitys zu gerechteren Alternativen beitragen? 

Maria Thereza Alves setzt sich mit indigenem Wissen, Landraub und der Bewahrung natürlicher Ressourcen auseinander, indem sie etwa migrierende Pflanzenarten untersucht. Simon Denny visualisiert in seinen Installationen Landbesitz, um Eigentumsstrukturen zu hinterfragen und Immobilienmärkte abzubilden. Und CATPC, der Künstlerbund Kongolesischer Plantagenarbeiter, zeigt Skulpturen und partizipative Arbeiten um Ressourcenabbau und Kollektiveigentum. Das zentrale Material: Schokolade.

"Grund und Boden", Kunstsammlung NRW, K21, Düsseldorf, 29. November bis 19. April 2026

Grace Ndiritu "Healing the Museum", Installationsansicht S.M.A.K., Gent, 2023
Foto: Dirk Pauwels © Courtesy Grace Ndiritu und S.M.A.K

Grace Ndiritu "Healing the Museum", Installationsansicht S.M.A.K., Gent, 2023

 


Germaine Krull in Essen

Der Nachlass der deutsch-niederländischen Fotografin und Autorin Germaine Krull (1897–1985) befindet sich seit 1995 im Essener Museum Folkwang. Eine Ausstellung dort macht nun mit ihrem publizistischen Œuvre bekannt, das sämtliche Schaffensphasen begleitete. Neben autobiografischen und fiktionalen Texten, Briefen und Reportagen sind Fotos der 1920er und 1930er ausgestellt, die Krull als Protagonistin des "Neuen Sehens" ausweisen, aber auch spätere, wenig bekannte Arbeiten nach ihrer Abkehr von Europa. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte Krull zeitweise in Brasilien und Afrika, später übersiedelte die "Weltbürgerin" (Krull) nach Indien. 

Germaine Krull "Chien Fou", Museum Folkwang, Essen, bis 15. März 2026

Unbekannt "Germaine Krull mit Contax", um 19
Foto: © Nachlass Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen

Unbekannt "Germaine Krull mit Contax", um 1932


Stefan Rinck in München

Die Figuren von Stefan Rinck wirken, als kämen sie aus einer anderen Zeit – und hätten beschlossen, in der Rotunde der Pinakothek der Moderne in München zu bleiben. Dort steht ab sofort ein Löwenmädchen mit Keule und bayerischem Schild, flankiert von einem Mammut und einer Handvoll zottiger Gestalten. "Der Alpen-Clan kehrt zurück" nennt Rinck seine Installation, ein Zusammentreffen von steinerner Groteske und stiller Komik.

Rinck, der gern mit urzeitlicher Symbolik und trockenem Witz spielt, lässt seine Geschöpfe zwischen Ernst und Albernheit taumeln. Seit Jahren baut der Bildhauer an einem eigenen Universum aus Fabelwesen, Mischgestalten und Trollen, das er jetzt in München noch einmal zusammenführt. Mitten im steinernen Aufmarsch, der zum jährlichen Rotundenprojekt der Pinakothek gehört, tauchen plötzlich Hasen auf – friedliche Diplomaten in einem Clan, der mehr über unsere Gegenwart erzählt, als man zunächst denkt.

Stefan Rinck "Der Alpen-Clan kehrt zurück", Pinakothek der Moderne, München, bis 19. April 2026

Stefan Rinck "Alles von Dostojewski", 2025
Foto: Matthias Kolb, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Stefan Rinck "Alles von Dostojewski", 2025