"Intervention" in Berlin
Ab dem 30. Januar erweitert sich die Berlin Fashion Week um einen Ort jenseits klassischer Laufstege. In der Potsdamer Straße 100 startet ein viertägiges Pop-up-Format, das Mode, Musik und Performance miteinander verbindet. Der Doofer Street Market (ja, heißt wirklich so!), realisiert von Live From Earth, versteht sich als offener Kulturraum und bringt das von Reference Studios initiierte Format "Intervention" direkt in den Stadtraum.
Den Höhepunkt bildet der 2. Februar, wenn das Programm im Kraftwerk Berlin beginnt. In dem rohen Betonbau, heute ein zentraler Ort für zeitgenössische Kultur, entfaltet sich ein eintägiges Festival aus Runway-Shows, Talks und Listening-Sessions. Präsentiert werden Arbeiten von Buzigahill, Kenneth Ize, Dagger, John Lawrence Sullivan und GmbH – eine konzentrierte Momentaufnahme aktueller Mode, geprägt von unabhängigen Positionen, internationalen Perspektiven und klaren gestalterischen Handschriften.
"Intervention", Potsdamer Straße 100, Berlin, bis 2. Februar
Kraftwerk Berlin
"Gallery Looks" in Berlin
Haute Couture trifft auf alte Meister: In der Berliner Gemäldegalerie präsentieren 55 Designerinnen und Designer ab dem 30. Januar aktuelle Modeentwürfe im Dialog mit historischen Gemälden. Anne Bernecker, Estelle Adeline Trasoglu, Karen Jessen und Alexander Gigl entwickelten neue Arbeiten oder stellten Designs zur Verfügung, die mit den gezeigten Gemälden interagieren. Unmittelbar vor der Eröffnung setzt der Fotograf Ralph Mecke ausgewählte Entwürfe in den Sälen der Gemäldegalerie in Szene, die von Modellen präsentiert werden. Begleitend dazu kreiert Florian Azar ein atmosphärisches Video, das das Shooting in poetische, bewegte Bilder übersetzt. Film und Fotografien werden in der Ausstellung gezeigt und verdeutlichen eindrucksvoll die enge Verbindung von Mode und Kunst.
"Gallery Looks", Gemäldegalerie, Berlin, bis 31. Mai
Fotoshooting mit einem Modeentwurf von Alexander Gigl für die Zeitschrift "Achtung" anlässlich des Berliner Salons in der Gemäldegalerie 2025, vor einem Gemälde von Anton van Dyck (Detail)
Marianna Simnett in Brühl
Der Collageroman "La femme 100 têtes" von Max Ernst hat es Marianna Simnett offenbar angetan – gemessen am Titel ihrer Soloausstellung im Max Ernst Museum im rheinischen Brühl. "Headless" bezieht sich auf das Wortspiel der 100-köpfigen Frau, die aufgrund Gleichklangs von "cent" und "sans" auch eine kopflose sein könnte. Der menschliche Körper als das unheimliche Andere, diese Vorstellung verbindet Simnett mit dem Surrealismus. Und um die Nähe der britischen Gegenwartskünstlerin zur avantgardistischen Kunstströmung des 20. Jahrhunderts geht es, um thematische Überschneidungen wie Körper, Identität, Verletzlichkeit und Transformation. Wobei sich die Methoden der mit Performance und Videoinstallation arbeitenden Gegenwartskünstlerin vom Werkzeugkasten des nun 100-jährigen Surrealismus deutlich unterscheiden.
Und auch das antiquierte Frauenbild der männlichen Vertreter teilt sie keinesfalls. Als Modelle oder Musen waren Frauen gefragt, weniger als Konkurrentinnen, worunter Surrealistinnen wie Meret Oppenheim oder Leonora Carrington zu leiden hatten. Wobei man Oppenheim oder Claude Cahun mit ihren Konzepten von Androgynie und nonbinären Identitäten durchaus als Vorläuferin nen von Marianna Simnett auf fassen kann, bei der sich tradierte Rollenbilder "genderfluide" verflüssigen. Ihre Mittel sind oft brachial. So ließ sie sich Botox in ihren Kehlkopf injizieren, um ihre Stimme zu vertiefen. Simnetts Leitmotiv ist die Idee des Kontrollverlusts und der Auflösung des Selbst. Zu diesem Themenfeld sind in Brühl einige brandneue Werke zu erwarten. Kopflos womöglich, aber gewiss nicht hirnverbrannt.
Marianna Simnett: "Headless", Max Ernst Museum, Brühl, 31. Januar bis 5. Juli
Marianna Simnett "Headless #1", 2025
Kunstmesse Brafa in Brüssel
Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert: Bei der Brafa Art Fair in Brüssel reist man einmal durch die Kunstgeschichte. Rund 140 Galerien präsentieren sich in zwei Hallen auf der Brüssels Expo. Aus dem Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst sind unteranderem Beck & Eggeling, Bernier/Eliades, Almine Rech und die Galerie Nathalie Obadia dabei. Mehrere Anbieter bringen Kunstwerke aus afrikanischen und ozeanischen Ländern auf die Messe, dazu gibt es Schmuck, Tafelsilber oder Designobjekte zu entdecken. Und um die Authentizität der Werke zu garantieren, analysieren vor der Eröffnung unabhängige Expertinnen die Ausstellungsstücke.
Brafa Art Fair, Brüssel, bis 1. Februar
Almine Rech: Tom Wesselmann "Smoker Study (For Smoker #11)", 1972
Teresa Solar Abboud in Hannover
Der Kunstverein Hannover zeigt mit "Self-Portrait as a Pregnant Woman" die erste Einzelausstellung von Teresa Solar Abboud in Deutschland – und erwischt damit einen wichtigen Moment in ihrem Werk. Großformatige Skulpturen treffen auf Zeichnungen und Videoarbeiten, die sich mit Zuständen des Werdens beschäftigen: mit Übergängen zwischen Innen und Außen, organisch und künstlich, Form und Auflösung.
Im Zentrum steht der Körper als Prozess. Schwangerschaft erscheint hier weniger als Motiv denn als Denkfigur - als Zone, in der sich Materie neu ordnet und Grenzen sich ständig verschieben. Gefäße werden zu Körpern, Körper zu Gefäßen, alles ist in Bewegung. Ergänzt wird die Ausstellung durch neue Arbeiten, die eigens für Hannover entstanden sind.
Teresa Solar Abboud: "Self-Portrait as a Pregnant Woman", Kunstverein Hannover, bis 1. März
Teresa Solar Abboud "Tunnel Boring Machine", Installationansicht, Kunstverein Hannover, 2025
Itamar Gov in Magdeburg
Ein riesengroßes weißes Rhinozeros steht aktuell im mittelalterlichen Kirchenraum im Kunstmuseum Magdeburg. Die 9 Meter hohe, 7 Meter breite und 16 Meter lange Installation wurde vom in Berlin lebenden israelisch-deutschen Künstler Itamar Gov eigens für den Raum geschaffen. Das Riesentier aus Polyester wird von einem Gebläse stabilisiert. "The Rhinoceros in the Room" wird am Sonntag eröffnet und ist für das breite Publikum bis zum 11. März zu sehen. Dann folgten die Telemann-Festtage und anschließend werde das Rhinozeros wieder aufgebaut und bis Juni gezeigt, sagte Museumschefin Annegret Laabs. Zur Installation gehört eine raumfüllende Mehrkanalkomposition von Bruno Delepelaire für acht Celli und Gesang. Besucherinnen und Besucher können klassische Melodien und ein beruhigendes Wiegenlied heraushören. Textzeilen von Goethes "Erlkönig" seien dabei und traditionelle israelische Musik, sagte Museumsleiterin Laabs. Es entstehe eine Art Dialog, ein Gute-Nacht-Lied und ein gruseliges Märchen, was ständig zwischen sanfter Beruhigung und alarmierendem Horror hin- und herwechsele.
Künstler Gov sagte, er beziehe sich auch auf ein Theaterstück aus den 1950er Jahren von Eugène Ionesco, in dem sich Einwohner eines kleinen Dorfes in Nashörner verwandeln. "Das war eine Allegorie auf Europa in den 30-er Jahren, den Aufstieg autoritärer Kräfte. Ich mag dieses Bild sehr, diese Verwandlung, diese Transformation in Nashörner von Menschen." Im Hebräischen sei ein Verb entstanden, das soziopolitische Vorgänge beschreibe, wie Individuen oder Gesellschaften sich Richtung autoritärer Ideologien und nationalistischen Kräften bewegten.
Das Rhinozeros sei "ein riesiges Monster, aber am Ende ist es sehr viel Luft", sagte Gov. "Es spielt ein bisschen damit, ob es eine echte Gefahr ist oder nicht so wirklich oder ob es ein Geist von einer vergangenen Gefahr oder immer noch aktuell ist. Was bedeutet das für die Zukunft?". Die Ausstellung wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vom Land Sachsen-Anhalt sowie von der Stiftung Kloster Unser Lieben Frauen. (dpa)
Itamar Gov: "The Rhinoceros in the Room", Kunstmuseum Magdeburg, bis 11. März
Itamar Gov "The Rhinoceros in the Room"
Britta Marakatt-Labba in Mainz
In den vergangenen 50 Jahren hat Britta Marakatt-Labba filigrane Motive geschaffen, die sie akribisch in den Stoff gestickt hat. So übersetzt sie ihren Lebensraum in Bilder. Nach ihrer Teilnahme an der Documenta 14 zählt die 74-Jährige zu den bekantesten samischen Kunstschaffenden Schwedens. Ihre Bilder erzählen von der kollektiven Geschichte des Volks der Samen, der Natur, die ihnen und ihren Rentieren Lebensraum bietet, ihrer Kosmologie, ihren Ritualen und ihrem Glauben. Die Kunsthalle Mainz würdigt Marakatt-Labba nun mit ihrer ersten Soloschau im deutschsprachigen Raum – in der nicht zuletzt der Raubbau und die Vertreibung indigener Völker weltweit thematisiert werden.
Britta Marakatt-Labba: "Stitched-Tracks", Kunsthalle Mainz, bis 26. Juli
Britta Marakatt-Labba "The Environment Cannot Wait", 2019