Tipps und Termine

Wohin am Wochenende?

Die Kunst der Woche in Berlin, Bremen, Doha, Dresden, Frankfurt am Main, Hagen, Karlsruhe, Los Angeles, Rolandseck, Trondheim, Worpswede und Zürich

 

Graciela Iturbide und Dörte Eißfeldt im C/O Berlin

Die 1942 in Mexiko-Stadt geborene Graciela Iturbide hat ihre eigene Form der Reportagefotografie entwickelt, in der sie Brücken schlägt vom Dokumentarischen zum Spirituellen, und so das Bild ihrer Heimat nachhaltig geprägt. Nach zahlreichen internationalen Ausstellungen ist ihr fünf Jahrzehnte umspannendes Werk jetzt bei C/O Berlin zu sehen. "Eyes to Fly With" ist ihre Retrospektive dort betitelt, nach einem gleichnamigen Selbstporträt mit zwei Vögeln auf ihren Augen. "Die Fotografie ist für mich eine Entschuldigung, mich selbst und die Welt zu verstehen", sagt die Künstlerin.

Dörte Eißfeldt, 1950 in Hamburg geboren, nutzt Fotografie als Medium der Verwandlung. Immer wieder lotet die Künstlerin aus, wie Fotografie sich selbst befragt, verwandelt und die Grenzen der Wahrnehmung verschiebt. Vor Kurzem wurde sie mit dem Prix Viviane Esders ausgezeichnet, der Künstlerinnen würdigt, die Herausragendes im Medium Fotografie geleistet haben, aber bisher unter dem Radar der großen Kunstöffentlichkeit geflogen sind. Anders als ihr Musiker-Sohn Jan Delay ist sie noch ein Geheimtipp, was sich 2026 ändern wird – angefangen mit dieser Retrospektive.

"Graciela Iturbide. Retrospektive" und "Dörte Eißfeldt. Archipelago", C/O Berlin, Berlin, 7. Februar bis 10. Juni

Graciela Iturbide "¿Ojos para volar?", Coyoacán, Mexiko, 1989
Foto: © Graciela Iturbide

Graciela Iturbide "¿Ojos para volar?", Coyoacán, Mexiko, 1989

 

Paula Modersohn-Becker in Bremen, Dresden und Worpswede

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker rücken gleich mehrere Orte ihre Arbeit neu ins Blickfeld. In Bremen zeichnet das Paula-Modersohn-Becker-Museum mit "Becoming Paula" den Weg von den frühen Studienjahren bis zu den Pariser Bildern nach und zeigt dabei auch kaum bekannte Arbeiten aus Privatbesitz. Dresden setzt im Albertinum auf den Dialog: Hier treffen ihre Bilder auf Werke von Edvard Munch und kreisen um existenzielle Themen wie Geburt, Krankheit oder Tod. Und in Worpswede fragen die Museen unter dem Titel "Impuls Paula", wie stark ihr Werk bis heute nachwirkt – auch für zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler.

"Impuls Paula", Worpswede die Museen, Worpswede, 7. Februar bis 1. November

"Becoming Paula", Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen, 8. Februar bis 13. September

"Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch", Albertinum, Dresden, 8. Februar bis 31. Mai 

Denkmal der Bildhauerin Clara Rilke Westhoff für Paula Modesohn-Becker in Bremen
Foto: Sina Schuldt/dpa

Denkmal der Bildhauerin Clara Rilke Westhoff für Paula Modesohn-Becker in Bremen

 

Art Basel Qatar in Doha

Im Februar schlägt die Art Basel in Katar ein neues Kapitel auf – mit einem selbstbewussten Programm im öffentlichen Raum. Neben großformatigen Installationen und Performances im Zentrum der neuen Gaststadt Doha gibt es auch eine große Projektion eines Films der indischen Künstlerin Nalini Malani auf die Fassade des Kulturzentrums M7, wo die Messe stattfinden wird. "My Reality Is Different" lautet der Titel des Films, in dem Malani per iPad überarbeitete Abbildungen klassischer Gemälde zeigt: Der westliche Kanon wird dekonstruiert. Neue finanzielle und geopolitische Realitäten stehen auch hinter dem beherzten Schritt der Art Basel in die Golfregion, der durchaus umstritten war. Die gewohnte Qualität versucht die Messe durch strenge Reduktion zu erreichen: 87 Galerien aus 31 Ländern sind dabei, und alle zeigen nur eine Position, ausgewählt unter der kuratorischen Leitung des Künstlers Wael Shawky. Mehr als die Hälfte der Künstlerinnen und Künstler haben biografische Verbindungen zur Region und ihrem erweiterten Umkreis. Zu sehen sind beispielsweise Etel Adnan, Ali Banisadr, Simone Fattal, Ali Cherri, Meriem Bennani und Iman Issa. "Becoming" ist das Thema, das Shawky der Schau gegeben hat – alles ändert sich, wer wollte widersprechen? 

Art Basel Qatar, Doha, bis 7. Februar

Art Basel Qatar, Doha, 2026
Foto: © courtesy Art Basel

Art Basel Qatar, Doha, 2026

 

Widerständige Textilien in Frankfurt

Teppiche sind in der Wohnkultur allgemein für Dekor und Gemütlichkeit zuständig. Als Bodenbelag oder Wandbehang sind sie tief in den Traditionen unterschiedlicher Kulturen verankert. Dass sie aber auch laut, widerspenstig und politisch sein können, zeigt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt mit der Ausstellung "Wolle. Seide. Widerstand.". Damit rückt ein Objekt ins Rampenlicht, das man bislang eher mit Komfort als mit Auflehnung verbunden hatte. Diese Teppiche wollen keine gemütlichen Geschichten von Ornament und Tradition erzählen. Sie wehren sich. Gegen Erwartungen, gegen Machtverhältnisse, gegen das Schicksal, bloß dekorativ zu sein. Der Teppich wird zum offenen Kunstobjekt, zur textilen Kampfansage – weich, aber bestimmt.

Im Zentrum stehen internationale Künstler und Künstlerinnen, die das Material nicht streicheln, sondern ihm Fragen stellen: Kann Wolle rebellieren? Kann Seide widersprechen? Und wie sieht Widerstand aus, wenn er nicht brüllt, sondern gewebt wird? Die Antworten sind so vielfältig wie die Fäden selbst. Auf der Künstlerliste finden sich so unterschiedliche Positionen wie Faig Ahmed, William Kentridge, Otobong Nkanga, Tobias Rehberger, Erin M. Riley, Rose Stach, Nasan Tur oder Jeroen van den Bogaert. Sie alle vereint das beständige Handwerk des Knüpfens, Webens und Tuftens in traditionellen und erweiterten Kontexten. Politische Unterdrückung, Rassismus, ökologische Verwüstung, persönliche Traumata oder Tradition – all das wird hier nicht illustriert, sondern auf einer Reise von Ikonografie bis hin zur Popkultur materialisiert. Widerstand zeigt sich als Form, als Struktur, als absichtliche Störung im Muster.

"Wolle. Seide. Widerstand", Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, 7. Februar bis 24. Mai

Diedrick Brackens "horse hoop", 2023
© Diedrick Brackens, courtesy Diedrick Brackens, Jack Shainman Gallery, New York

Diedrick Brackens "horse hoop", 2023

 

Rupprecht Geiger in Hagen

Farbe als Energie, nicht als Abbild: Das Emil Schumacher Museum zeigt eine große Einzelausstellung von Rupprecht Geiger, einem der wichtigsten Vertreter der europäischen Farbfeldmalerei. Rund 70 Werke aus allen Schaffensphasen zeichnen nach, wie Geiger sich seit den 1950er-Jahren konsequent von der Gegenständlichkeit löste und Farbe zum eigentlichen Thema seiner Malerei machte. Zu sehen sind frühe Arbeiten ebenso wie die ikonischen, leuchtenden Farbfelder, für die er als einer der ersten Künstler mit Tagesleuchtpigmenten experimentierte. Im direkten Umfeld des Emil Schumacher Museums wird dabei auch sichtbar, wie unterschiedlich abstrakte Kunst nach 1945 gedacht werden konnte.

"Rupprecht Geiger: Farbe - Licht - Energie", Emil Schumacher Museum, Hagen, 8. Februar bis 7. Juni

Rupprecht Geiger "532/68", 1968
Foto: Andreas, Pauly, © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Rupprecht Geiger "532/68", 1968

 

Kunst-Events in Karlsruhe 

Wer nach der Messe ein kunsthaltiges Abendprogramm sucht, wird nicht enttäuscht. Am Freitag, 6. Februar, öffnen unter dem Motto "Kunstrauschen Karlsruhe" die Projekträume der Stadt von 17 bis 23 Uhr ihre Türen. An ungewöhnlichen Orten wie Werkstätten, Hinterhöfen oder ehemaligen Industriehallen sind verschiedene Ausstellungen und Performances zu erleben. Wer dann immer noch nicht genug hat, kann weiter zur "After art Party" im Nachtwerk. Organisator Shahrokh Dini hat unter anderem House-DJ Move D sowie André Galluzzi nach Karlsruhe geladen und steht auch selbst am DJ-Pult – die Party geht bis fünf Uhr morgens.

Am Samstag, 7. Februar, folgt die Gallery Night: Von 19 bis 22 Uhr sind die Galerien in Karlsruhe geöffnet und zeigen ein hochkarätiges Programm. Bei Meyer Riegger beispielsweise setzt sich der Konzeptkünstler Jonathan Monk unter anderem mit Andy Warhol auseinander, die Galerie Burster zeigt abstrakte Malerei von Christian Bär, und die Galerie Alfred Knecht die humorvollen, abstrahierten Gesichter des Malers Wolfgang Henning. 

Kunstrauschen, Karlsruhe, 6. Februar 17 bis 23 Uhr

After Art Party, Nachtwerk, Karlsruhe, 6. Februar, 22 bis 6 Uhr

Gallery Night, Karlsruhe, 7. Februar, 19:00- 22:00 Uhr

Hallenbauparty im ZKM, 2025
Foto: Carlotta Roob, © Messe Karlsruhe

Hallenbauparty im ZKM, 2025

 

Julia Stoschek Foundation in Los Angeles

Dass die in Düsseldorf und Berlin beheimatete Julia Stoschek Collection jetzt mit einem großen Aufschlag in Los Angeles Premiere feiert, ist eine so naheliegende wie großartige Idee. Zeitbasierte Kunst – also Film, Video, Performance, Sound und Multimedia-Umgebungen – bildet den Kern der Privatsammlung und dürfte in der Stadt der bewegten Bilder auf große Resonanz stoßen. "What a Wonderful World: An Audiovisual Poem“ heißt die von Udo Kittelmann kuratierte Ausstellung, die zeitgenössische Videoarbeiten (unter anderen von Marina Abramović, Cyprien Gaillard, Arthur Jafa oder Lu Yang) in einen Dialog mit Stummfilmen und frühen Kinoklassikern (unter anderen von Luis Buñuel, Walt Disney, Alice Guy-Blaché, Winsor McCay und Georges Méliès) bringt. "Zum ersten Mal verbindet eine groß angelegte Ausstellung diese beiden Universen und schafft eine beispiellose Begegnung über mehr als ein Jahrhundert visueller Erzählkunst hinweg", erklären die Organisatoren und versprechen "eine umfassende Odyssee in die Tiefen der menschlichen Erfahrung, die sich durch Film und Video entfaltet". 

"What A Wonderful World: An Audiovisual Poem", Julia Stoschek Foundation im Variety Arts Theater, Los Angeles, bis 20. März

Marina Abramović "The Hero", 2001, video still
© courtesy Marina Abramović und Julia Stoschek Foundation

Marina Abramović "The Hero", 2001, video still

 

Günther Uecker in Rolandseck

Es ist die erste Ausstellung nach dem Tod von Günther Uecker – und zugleich die letzte, an der er noch selbst mitgearbeitet hat. Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt Arbeiten aus sieben Jahrzehnten: frühe Nagelreliefs, kinetische Werke, Filme und späte Serien, in denen sich Ueckers humanistische Haltung immer deutlicher zuspitzte. Der Ort ist bewusst gewählt: Uecker war dem Künstlerbahnhof eng verbunden, Werke wie "Bett zum Aufwachen" oder der Film "Die Treppe" gehören hier zur Sammlungsgeschichte. Im Zentrum der Schau steht das Thema, das das Werk des Künstlers bis zuletzt getragen hat: die Verletzlichkeit des Menschen und der Welt.

"Günther Uecker: Die Verletzlichkeit der Welt", Arpmuseum, Rolandseck, 8. Februar bis 14. Juni

Günther Uecker "Waldgarten", Detail, 2008
Foto: Jan Liégeois , courtesy Axel Vervoordt Gallery, © VG Bild-Kunst, Bonn (2025)

Günther Uecker "Waldgarten", Detail, 2008 

 

Louise Bourgeois in Trondheim

Das Museum PoMo zeigt erstmals in Mittel­norwegen eine Einzelausstellung von Louise Bourgeois – und richtet den Blick auf ein spätes, wenig bekanntes Kapitel ihres Werks. In den letzten vier Lebensjahren arbeitete Bourgeois intensiv an Gouachen, in denen sich Motive von Paaren, Schwangerschaft, Geburt und Familie verdichten. Die Ausstellung stellt diese Arbeiten Skulpturen aus verschiedenen Schaffensphasen gegenüber und zeigt, wie konstant sich bestimmte Themen durch Bourgeois’ Werk ziehen. So entsteht kein Rückblick, sondern ein Dialog zwischen frühen und späten Arbeiten – und ein guter Anlass, Bourgeois jenseits der bekannten Bilder noch einmal neu zu entdecken.

"Louise Bourgeois. Echo of the Morning", PoMo, Trondheim, bis 31. Mai

Louise Bourgeois "Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre", 2006, Installationsansicht, PoMo, 2026
Foto: Christoph Burke, © Collection The Easton Foundation, New York

Louise Bourgeois "Peaux de lapins, chiffons ferrailles à vendre", 2006, Installationsansicht, PoMo, 2026

 

Richard Paul Lohse in Zürich

Ordnung ist bei Richard Paul Lohse kein Selbstzweck. Im Haus Konstruktiv zeigt sich, wie konsequent der Zürcher Künstler Farbe, Fläche und System als gesellschaftliches Modell verstand. Die Ausstellung versammelt über 50 Gemälde aus den Jahren 1942 bis 1987 und zeichnet Lohses Weg von frühen abstrakten Ansätzen hin zu streng geometrischen, seriellen Bildsystemen nach. Seine orthogonalen Farbfelder folgen festen Regeln – alle Farben haben das gleiche Gewicht –, und genau darin liegt ihr politischer Anspruch: keine Hierarchien, keine Dominanz, kein Zufall. Diese Bildlogik entwickelte Lohse übrigens lange bevor die Minimal Art oder Konzeptkunst ihren Siegeszug antraten.

"Richard Paul Lohse", Haus Konstruktiv, Zürich, bis 10. Mai

Richard Paul Lohse "Serielles Reihenthema in achtzehn Farben, Variation C" 1981/82, Ausstellungsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2026
Foto : Stefan Altenburger, © Richard Paul Lohse-Stiftung / 2026, ProLitteris, Zürich

Richard Paul Lohse "Serielles Reihenthema in achtzehn Farben, Variation C" 1981/82, Ausstellungsansicht, Museum Haus Konstruktiv, 2026