Tipps und Termine

Wohin am Wochenende?

Die Kunst der Woche in Baden-Baden, Bonn, Dresden, Frankfurt am Main, London, Potsdam und Zürich

 

Ein Wettstreit mit der Wirklichkeit in Baden Baden

Autos, Diner, Werbetafeln und Plastik-Superhelden: Inspiriert von der US-amerikanischen Konsumkultur der 1960er-Jahre stellte eine Gruppe von Malerinnen und Malern dem tradierten, kamerabasierten Blick auf die Welt eine neue Bilderrealität entgegen. Die Fotografie wurde zum Zwischenschritt, das Endprodukt war das Gemälde – so schimmernd und glänzend wie in echt. Oder sogar echter als echt? Im Fotorealismus verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Wirklichkeit. Während sich andere vom Figürlichen abwandten und ins Abstrakte eintauchten, suchten diese Künstlerinnen und Künstler nach der malerischen Illusion des Realen. Im US-amerikanischen Fotorealismus werden alltägliche Motive und Objekte zu Protagonisten: ein Spiel aus schimmernden Oberflächen, knallenden Farben und künstlerischer Präzision – das nun 60 Jahre alt wird. Zum Jubiläum zeigt das Museum Frieder Burda in der Ausstellung "Wettstreit mit der Wirklichkeit" 90 Hauptwerke des Fotorealismus.

"Wettstreit mit der Wirklichkeit", Museum Frieder Burda, Baden-Baden, 2. August
 

Raphaella Spence "Superman vs. Spiderman", 2025
Foto: Raphaella Spence, courtesy Louis K. Meisel, New York, 2026, , © Raphaella Spence

Raphaella Spence "Superman vs. Spiderman", 2025 


Peter Hujar in Bonn

"Ich fotografiere diejenigen, die bis an ihre Grenzen gehen, und Menschen, die an der Freiheit festhalten, sie selbst zu sein", sagte der Fotograf Peter Hujar. Freund:innen und Bekannte standen meist im Fokus seiner Kamera. Als queerer US-Amerikaner in New York – in einer Zeit, in der HIV wie ein Schatten über der LGBTQI+-Szene lag – porträtierte er ihre Mitglieder. Zu sehen ist etwa Larry Ree: in der Transformation zur Drag-Persona – sowie ohne Kostüm, im Bett liegend. Hujar antizipierte damit bildlich, was Judith Butler später theoretisch fasste: Gender als etwas Fluides.

Nachdem sich der studierte Fotograf von der kommerziellen Arbeit abgewandt hatte, richtete er seinen Blick auf jene marginalisierte Gemeinschaft, in der er lebte. Seine Schwarz-Weiß-Fotografien sind direkt und respektvoll; sie zeigen Schönheit und Verletzlichkeit der Szene mit einem liebevollen Blick. Auch Tiere, inszenierte Stillleben und die Stadt New York – in der Hujar schließlich selbst an den Folgen von HIV starb – wurden zu Motiven. Wirkt sein Werk heute auch deshalb melancholisch, weil wir um die damalige Ignoranz der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft gegenüber dem Leid der queeren Szene wissen? Letztlich war es die Solidarität der LGBTQI+-Community New Yorks, die zu mehr Akzeptanz beitrug und im Kampf gegen die HIV-Krise entscheidend war. Auch wenn Hujars Fotografien oft wie Einzelstudien erscheinen, zeigt sein Œuvre eine Gemeinschaft, die zusammenhält. Die Bundeskunsthalle zeigt nun sein Werk.

"Peter Hujar", Bundeskunsthalle, Bonn, bis 23. August
 

Peter Hujar "Larry Ree (II) (Backstage, St. Marks Church Christmas Pageant)", 1973
© The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, courtesy The Peter Hujar Archive / ARS, New York, und Pace Gallery, Fraenkel Gallery, Maureen Paley, und Mai36

Peter Hujar "Larry Ree (II) (Backstage, St. Marks Church Christmas Pageant)", 1973


Plattenbau in Dresden

Ob in Halle/Saale oder Hamburg: Plattenbauten gibt es vielerorts in Deutschland – eine Ausstellung in Dresden widmet sich nun diesen Wohnhäusern aus Fertigteilen. Sie zeigt, wann und warum die Idee des industriellen Wohnungsbaus aufkam und wie sie sich weiterentwickelte. Anhand zeitgenössischer Modelle, Fotos, Entwürfe und einer künstlerischen Rauminstallation werden die Phasen des Plattenbaus von 1945 bis heute vorgestellt und die Frage nach der Zukunft des modularen seriellen Bauens gestellt. Auch die Perspektive der Bewohner findet Raum, etwa in Interviews, die in Dresden-Prohlis und Köln-Chorweiler geführt wurden. Beteiligte Architekten berichten zudem von ihren Erinnerungen an den Bau.

Zu sehen sind unter anderem Beispiele aus Aschersleben, Berlin, Cottbus, Dortmund, Dresden, Erfurt, Gera, Halle/Saale, Hamburg, Hoyerswerda, Leipzig, Rostock, Saarbrücken, München, Neubrandenburg, Nordhausen, Plauen, Stendal, Stuttgart und Wolfsburg. (dpa/Monopol)

"Platte Ost/West", Stadtmuseum Dresden, 28. Februar bis 29. November
 

Wohnhäuser im Dresdner Stadtteil Prohlis
Foto: © Jan Woitas/dpa

Wohnhäuser im Dresdner Stadtteil Prohlis


Fotografie in Frankfurt am Main

Forschung mit Babys zeigt: Wir verstehen die Welt über Vergleiche und Verbindungen – also über Serien. In der Kunst ist dafür kaum ein Medium so prädestiniert wie die Fotografie. Die Kunststiftung der DZ BANK widmet sich diesem erweiterten Fotografieverständnis seit Jahren, die aktuelle Ausstellung heißt folgerichtig "N+1" – der direkte Nachfolger einer Zahl. Aber wann ist eine Serie vollendet? "Wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt", sagt Dörte Eißfeldt. Von ihrem "Schneeball" (1987) sind nur sechs Abzüge zu sehen – und doch wirkt das Set geschlossen.

Die von Studierenden der Folkwang Universität Essen kuratierte Gruppenschau versammelt 17 Positionen: von Roman Signer, der den Flug eines Stuhls inszeniert, bis zu Barbara Proschak, deren Installation aus über hundert Bildfragmenten besteht. Serien können analytisch, humorvoll oder suchend sein – wie bei Loredana Nemes oder in Sven Johnes Video "Vom Verschwinden". "N+1" zeigt, wie offen das Prinzip der Serie heute gedacht werden kann – und warum sich Weiterzählen lohnt.

"N+1. Mehr als ein Bild", Stiftung der DZ-Bank, Frankfurt am Main, bis 23. Mai
 

Sara Cwynar "Scroll 1", Still, 2020 aus der Serie "Marilyn"
© Sara Cwynar, courtesy Sara Cwynar und Cooper Cole Toron

Sara Cwynar "Scroll 1", Still, 2020 aus der Serie "Marilyn"


Tracey Emin in London

Seit vier Jahrzehnten treibt Tracey Emin ihr grenzüberschreitendes Werk voran, in dem sie den weiblichen Körper als Mittel nutzt, um Leidenschaft, Schmerz und Heilung zu erforschen. Eine Soloausstellung in der Londoner Tate Modern feiert den rohen, schonungslosen Ansatz der britischen Künstlerin, deren Bekenntnis zu unverblümter Selbstentäußerung seit den 1990er-Jahren immer wieder heftige Debatten ausgelöst hat. Die Ausstellung schließt berüchtigte Werke wie "My Bed" von 1998 ein, das die Spuren einer Liebesnacht zeigt, macht anhand neuer Gemälde aber auch Emins Liebe zur Malerei sichtbar.

"Tracey Emin. A Second Life", Tate Modern, London, bis 31. August
 

Tracey Emin "My Bed", 1998
Foto: Prudence C, © Tracey Emin, courtesy The Saatchi Gallery, London

Tracey Emin "My Bed", 1998


Die Avantgarde in Potsdam 

Der Impressionismus wird häufig mit pastellfarbenen Szenerien ländlicher Gegenden Frankreichs assoziiert. Doch auch andernorts nutzten Künstlerinnen und Künstler eine intuitive, "impressionistische" Pinselführung. In Deutschland zählt Max Liebermann zu den Vorreitern dieser Avantgarde. Neben friedvollen bürgerlichen Szenen schuf er auch Werke wie "Simson und Delila" – biblische Stoffe im zeitgenössischen Stil. Liebermann war nicht nur als Künstler aktiv, sondern auch als Sammler und als Leiter der Berliner Secession. Mit seinen Initiativen gegen eine starre akademische Kanonisierung ebnete er den Weg für neue künstlerische Entwicklungen in Deutschland. In Potsdam widmet das Museum Barberini dem Berliner Künstler eine Hommage und zeigt zudem Werke seiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Im Fokus stehen dabei die Ausprägungen des Impressionismus in Deutschland.

"Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland", Museum Barberini, Potsdam, bis 7. Juni
 

Max Liebermann "Simson und Delila", 1902
Courtesy Städel Museum, Frankfurt am Main

Max Liebermann "Simson und Delila", 1902


Kerry James Marshall in Zürich

"Ich versuche die schwarzen Farben, die ich verwende, ebenso komplex zu machen wie jede andere Farbe auf der Palette", sagt der US-amerikanische Maler Kerry James Marshall. Seine Ausstellung "The Histories" war 2025 in der Royal Academy in London als seine bisher größte Schau außerhalb der USA zu sehen, und viele waren der Meinung, es sei die Ausstellung des Herbstes gewesen. Jetzt kommt sie ins Kunsthaus Zürich.

Seit rund 50 Jahren malt der 70-Jährige aus Chicago den Alltag Schwarzer Menschen mit der Frische von Momentaufnahmen und dem Anspruch der Historienmalerei. Mit seinen oft monumentalen Gemälden stellt sich Marshall in eine lange Malereitradition. Etwa wenn er eine Szene aus einem Beautysalon zeigt und die Spiegel auf Diego Velázquez’ "Las Meninas" verweisen. Doch erst dass an den Wänden zugleich Poster von Lauryn Hill und dem Schwarzen britischen Künstler Chris Ofili hängen, macht die Geschichte komplett.

Die politischen Themen und kulturellen Anspielungen stecken bei Marshall im Detail. Auch die manchmal spielerischen Titel sind reich an kunsthistorischen Referenzen – und Humor: Eine Szene beim Friseur, bei der ein Kunde Anzug, Schlips und zwei hochgesteckte Dread-Buns trägt, heißt "De Style".

Es gibt Anleihen an Comics, die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung oder an persönliche Erlebnisse des Malers, der 1955 in den Südstaaten in Alabama geboren wurde. Stilistisch mischt er in seine figurative Darstellungsweise auch geometrische oder abstrakte Elemente. Auf seinem Selbstporträt "The Painter" wird er von einer großen Malerpalette verdeckt, die er vor sich hält. Er tritt in den verschatteten Hintergrund, sie ist das eigentliche Gemälde.

"Kerry James Marshall", Kunsthaus Zürich, bis 16. August
 

Kerry James Marshall "Untitled (Painter)", 2008
Foto: Anne Arca, © Kerry James Marshall, courtesy der Künstler und David Zwirner, London

Kerry James Marshall "Untitled (Painter)", 2008