Tipps und Termine

Wohin am Wochenende?

Jessica Segall, Uncommon Intimacy (2018), Videostill: unter Wasser berühren sich Pfote und Hände.
© Jessica Segall

Jessica Segall "(Un)common intimacy", 2018, zu sehen im ZKM Karlsruhe

Die Kunst der Woche in Berlin, Chemnitz, Karlsruhe, Mannheim, Potsdam, Wien und Wolfsburg

 

Mark Leckey in Berlin

Falls sich wer wundert: Ja, genau die Ausstellung "Enter Thru Medieval Wounds" von Mark Leckey bei Julia Stoschek hat schon zur Art Week im September letzten Jahres eröffnet – und ist jetzt immer noch zu sehen. Bevor sie am 5. Juli endgültig schließt, ist Leckey selbst noch mit "Batter My ❤️ 3-Personed G0D" zu Gast: einer Mischung aus Vortrag, Performance und Video. Laut Ankündigung beginnt der Abend mit einer "apokalyptischen Vision im Mittelalter" und endet in dem "hochdimensionalen Raum, den wir gerade zu betreten im Begriff sind". Unterwegs führt er durch "Hip Gnosis", das kybernetische Erhabene, den Y2K-Millennium-Bug und die "Wolke des Nichtwissens". Was auch immer das genau heißen mag: Wenn der Abend trotz aller Rätselhaftigkeit auch nur ansatzweise so energetisch wird wie die Ausstellung, die in Videos, Skulpturen und Sound zeigt, wie mystische Erfahrungen zu ekstatischen werden können, dann lohnt er sich.

"Mark Leckey: Enter Thru Medieval Wounds", Julia Stoschek Foundation, Berlin, bis 5. Juli; Lecture-Performance "Batter My ❤️ 3-Personed G0D", Freitag, 3. Juli, 20 Uhr
 

Mark Leckey "Fiorucci Made Me Hardcore", 1999, Videostill
Foto: Sirui Ma

Mark Leckey "Fiorucci Made Me Hardcore", 1999, Videostill

 

Essen und Geschlechterrollen in Chemnitz

Mit einer neuen Ausstellung spürt das Kunstmuseum Gunzenhauser in Chemnitz den Verbindungen zwischen Essen und Geschlechterrollen nach. "Serving Gender", so der Titel der Schau, sei "ein feministischer Blick über den Tellerrand", erklärt Kuratorin Pauline Tigges. Gezeigt werden Kunstwerke vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart: Malerei, Fotografie, Druckgrafik, Textilkunst und Videoarbeiten. Dazu zählen Martha Roslers Videoarbeit "Semiotics of the Kitchen", das 1852 entstandene Ölgemälde "Die Traubenspenderin" von Adolf Friedrich Georg Wichmann und Sophia Süßmilchs 15-minütiger Videoloop "Mutterliebe".

Weltweit tragen Frauen seit Jahrhunderten die Hauptlast der Ernährungsarbeit, so die Ausstellungsmacher: "Sie kochen, sie versorgen, sie ernähren Kinder, Familien und Gemeinschaften." Die Schau rücke Frauen als zentrale Ernährerinnen der Gesellschaft in den Mittelpunkt und untersuche, wie eng Essen mit geschlechtsspezifischen und gesellschaftlichen Machtstrukturen, kulturellen Normen und Rollenzuschreibungen verbunden sei. "Im Zentrum steht die Frage, wie Essen nicht nur biologische Bedürfnisse stillt, sondern gesellschaftliche Strukturen reproduziert." (dpa)

"Mahlzeit! Serving Gender", Museum Gunzenhauser, 4. Juli bis 1. November
 

Videostill, Mutterliebe (2020): Sitzende Person hält nackten Körper quer auf Sessel, vor Schwarz.
© Sophia Süßmilch and MARTINETZ, Cologne

Sophia Süßmilch "Mutterliebe", 2020

 

Medienkunst in Karlsruhe

"Träumen Androiden von elektrischen Schafen?", fragte Philip K. Dick im Titel seines 1968 erschienenen Sci-Fi-Romans, der Vorlage für "Blade Runner". Aktuell kursieren Albträume vor der Macht der KI – wobei Kunstschaffende die Algorithmen auch produktiv nutzen, wie etwa die interaktive Kunstinstallation "ReCollection" des Duos Weidi Zhang & Rodger Luo zeigt. Ein KI-System verwandelt Erinnerungsfetzen von Probanden zu Erzählungen, synthetische Bilder werden generiert, der Computer träumt mit.

Werke von mehr als 50 Kunstschaffenden, darunter Johan Grimonprez, Andreas Gursky, Charmaine Poh und Pipilotti Rist, sind in der kommenden Gruppenschau im Karlsruher ZKM zu sehen. "Eine Bereicherung der Künste, nicht deren technische Amputation" sei das Ziel der Institution, wie Gründungsdirektor Heinrich Klotz es 1992 formuliert hat. Entsprechend plädiert die Ausstellung "Silver Egg. Die Sinnlichkeit der Medienkunst" für eine erotische Haltung zur Wirklichkeit und nimmt die Urszene des aus einem silbernen Welt-Ei geschlüpften Liebesgottes als Modell einer lustbetonten Kunst. In der Filmcollage "Meteor" verbindet das Duo Girardet/Müller die staunenden Blicke kleiner Jungen (aus Filmen von Bergman oder Truffaut) mit Filmbildern durchs All rasender Raketen und mit Puccini-Klängen zu einer Mini-Space-Opera um Einsamkeit und Sehnsucht.

In der Videoarbeit "(un)common intimacy" ist die Künstlerin Jessica Segall bei zärtlichen Unterwasser-Dates mit Tigern und Alligatoren zu sehen. Gedreht wurde in privaten Wildreservaten in den USA. Es geht um Wildnis und Zähmung, um Natur und Kommerz. Und Marco Barotti überträgt in der Installation "Coral Sonic Resilience" Daten zu Klimawandel und Biodiversität auf künstliche Korallenskulpturen, die vibrierend auf die Datenströme reagieren. Maschinen können tanzen und Fußball spielen. Vielleicht träumen sie ja auch.

"Silver Egg. Die Sinnlichkeit der Medienkunst", ZKM – Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe, 4. Juli bis 21. Februar 2027
 

Lancel/Maat, EEG Kiss: Interaktive Installation mit EEG-Headsets; drei Personen auf Kreisprojektion.
Foto: Anna van Kooij, 2016, © Lancel/Maat

Karen Lancel, Hermen Maat "E.E.G. Kiss", 2014-ongoing

 

"Radikal. Real." in Mannheim

Im Februar 1961 hörte man Schüsse in einem Hinterhof am Montparnasse in Paris. Der Grund dafür war jedoch kein Verbrechen, sondern Kunst. Es war Niki de Saint Phalle, die gerade dabei war, eines ihrer "Schießbilder" zu schießen. Dabei traktierte die Künstlerin die mit einer weißen Gipsschicht überzogenen Assemblagen aus Objekten und Farbbeuteln mit Schusswaffen, sodass sie explodierten und die Farbe spritzte, tropfte und über die Werke rann. Die Kunsthalle Mannheim macht nun mit "Radikal. Real." die Sprengkraft des Nouveau Réalisme neu erfahrbar: Zu sehen sind Gemälde, Skulpturen, Installationen und Arbeiten auf Papier, begleitet von Archivdokumenten, Fotografien und Videoaufnahmen von Performances und Aktionen aus dem Kontext einer Kunst, deren Fragen an Konsum, Medien und Wirklichkeit heute aktueller denn je erscheinen. Ausgehend von Werken aus der Sammlung – unter anderem von Arman, César, Yves Klein und Daniel Spoerri – verfolgt die Ausstellung die künstlerischen Entwicklungen des Nouveau Réalisme bis in die frühen 1970er-Jahre.

"Radikal. Real.", Kunsthalle Mannheim, bis 11. Oktober
 

Niki de Saint Phalle, Nana, bemalte Skulptur: bunte Figur in einbeiniger Pose auf Metallsockel
Foto: Kunsthalle Mannheim / Rainer Diehl, © Niki Charitable Art Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Niki de Saint Phalle "Schwarze schwangere Nana", 1968

 

Paul Signac in Potsdam

Vielleicht wäre es besser, wenn die Ausstellung mit den Gemälden von Paul Signac und anderen Neoimpressionisten im Museum Barberini erst nach dem Sommer eröffnen würde – dann, wenn draußen langsam das Licht ausgeht und man eine "Symphonie der Farben" gut gebrauchen kann: Eins der ausgesprochenen Ziele Signacs war es nämlich, mit seinen Bildern den höchsten Grad an Leuchtkraft und Harmonie zu erreichen. Was er dabei anders machte als die Impressionisten vor ihm: Was er dabei anders machte als die Impressionisten vor ihm: Er tupfte die unvermischte Farbe nicht mehr spontan auf die Leinwand, sondern setzte sie in kleinen, getrennten Punkten systematisch nebeneinander – mit dem Ziel, dass sie sich erst im Auge mischen und die Bilder nicht weich verschwimmen, sondern umso irrer leuchten. Neben seiner Rolle als Maler geht die Potsdamer Schau auch Signacs Einfluss als Theoretiker, Netzwerker und Ausstellungsorganisator nach.

"Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus", Museum Barberini, Potsdam, 4. Juli bis 11. Oktober
 

Jeanne Selmersheim-Desgrange, Colette, pointillistisches Gemälde: Mädchen am Geländer im Garten.
Foto: Aurélien Mole, © Estate Jeanne Selmersheim-Desgrange, courtesy of Pavec.

Jeanne Selmersheim-Desgrange "Portrait von Colette", um 1907

 

Erna Rosenstein in Wien

Der surrealistischen Bildwelt der Malerin Erna Rosenstein (1913–2004) liegt die Erinnerung an ein furchtbares Ereignis zugrunde: Beim Versuch, im Juli 1942 aus dem Ghetto von Lodz nach Warschau zu fliehen, wurden die Rosensteins von einem Mann im Wald angegriffen, der der Familie zuvor noch Hilfe versprochen hatte. Ihre Eltern, Anna und Maksymilian Rosenstein, wurden ermordet. Nur Erna Rosenstein konnte entkommen. Sie überlebte die Shoah und trat nach dem Krieg der kommunistischen Partei bei. In Wien, wo die Ausstellung nun gezeigt wird, studierte Rosenstein in den frühen 1930er-Jahren an der Frauenakademie, schloss sich einer kommunistischen Jugendorganisation an und erlebte die Februarkämpfe von 1934. Alle Werke aus dieser Zeit sind allerdings verloren oder wurden vernichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand Rosenstein zu einer expressiven Bildsprache, um Gewalt und Mittäterschaft zu artikulieren. Die in der Ausstellung versammelten rund 80 Werke – Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen sowie Gedichte – erzählen nicht nur von Verfolgung und Flucht, Verlust und Trauer, sondern auch von künstlerischer Unabhängigkeit und der beharrlichen Suche nach neuen Ausdrucksformen.

Erna Rosenstein "Jenseits der Stille", Unteres Belvedere, Wien, bis 10. Januar 2027
 

Erna Rosenstein, Ekrany, 1951; Gemälde: blaue Fläche mit schwebenden Köpfen, Händen, Baum rechts.
© The Estate of Erna Rosenstein, courtesy of Foksal Gallery Foundation and Hauser & Wirth

Erna Rosenstein "Bildschirme", 1951

 

Open Area in Wolfsburg

Mit der Open Area eröffnet das Kunstmuseum Wolfsburg an diesem Wochenende einen frei zugänglichen Ort zwischen Museum und Stadtraum. Den Auftakt bildet die Performance "Kras û Fistan / Da Seve": Unter der Leitung von Ferhat Kartal werden Tänzerinnen und Tänzer, deren Körper zunächst von einer Gipsschicht überzogen sind, nach und nach traditionelle jesidisch-kurdische Trachten freilegen. Gemeinsam mit Mizgîn Bilmen, Havîn Al-Sîndy, Devran Amed und Studierenden der HBK Braunschweig entsteht so eine Arbeit über Erinnerung, Identität und den Widerstand gegen Unsichtbarkeit. Danach soll die Open Area mit Workshops, Gesprächen und künstlerischen Formaten weiterleben.

Eröffnung der Open Area, Kunstmuseum Wolfsburg, Freitag, 3. Juli, ab 17 Uhr
 

Außenansicht Museumsbau mit Glasfassade; rotes Skulpturdach auf Stützen; 'Queer' an der Fassade.
Foto: Marek Kruszewski / Kunstmuseum Wolfsburg

Auf dem Hollerplatz vor dem Kunstmuseum Wolfsburg entsteht der Pavillon "Koralle" von raumlaborberlin