Streit um Picassos Meisterwerk

Wohin gehört "Guernica"?

Picassos "Guernica" zeigt die Zerstörung eines baskischen Städtchens. Im Baskenland möchte man das berühmte Wandgemälde jetzt selbst ausstellen. Madrid ist nicht begeistert

Zu den bekanntesten und wichtigsten Gemälden des 20. Jahrhunderts gehört ohne Frage "Guernica" von Pablo Picasso, 1937 unter Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs gemalt. Seit knapp 35 Jahren hängt das Wandbild im Museum Reina Sofía in Madrid. Jetzt fordert der baskische Ministerpräsident Imanol Pradales, es (zumindest temporär) ins Baskenland zu bringen – immerhin zeige das Gemälde die Zerstörung einer baskischen Stadt. Damit wirft er eine Frage auf, die nicht zum ersten Mal diskutiert wird: Wem gehört eigentlich "Guernica"?

Entstanden ist das circa 3,5 auf 7,8 Meter große Bild als Auftragsarbeit. Picasso wurde von der Zweiten Spanischen Republik, die ab 1931 existierte und durch den Bürgerkrieg (1936-1939) beendet wurde, um ein Bild für die Weltausstellung in Paris 1937 gebeten. Lange vor sich hergeschoben, inspirierte ihn schließlich die Zerstörung von Gernika (baskische Schreibweise) zu seinem Werk. Der dezidiert unpolitische Künstler malte zum ersten Mal ein Gemälde mit eindeutiger politischer Botschaft.

Gernika, gut 30 Kilometer östlich von Bilbao gelegen, wurde am 26. April 1937 auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs von Kampffliegern der deutschen Legion Condor und der italienischen Aviazione Legionaria angegriffen – Hitler und Mussolini sprangen damit Franco zur Seite, eine Unterstützung, die schließlich zum Sieg der Faschisten und der Errichtung von Francos Diktatur beitrug. Durch diesen Bombenangriff aus der Luft wurden 80 Prozent des Städtchens zerstört, offiziellen Angaben zufolge starben über 1.600 Menschen. Nur vier Tage später begann Picasso mit der Konzeption seines Bildes.

"Guernica" war nicht immer beliebt

Während Picasso eigentlich von der Zweiten Spanischen Republik beauftragt und bezahlt wurde, ging die Kaufquittung im Kriegsgewirr verloren, wie Spanien-Experte und "FAZ"-Korrespondent Paul Ingendaay in seinem neuen Buch "Entscheidung in Spanien" beschreibt, in dem er den Bürgerkrieg aus Sicht von Intellektuellen erzählt. Es gab keine Einwände, "als Picasso sein Riesenbild, das dem spanischen Staat gehört, nach der Expo wieder einrollt und abtransportieren lässt", so der Autor fast belustigt. Die Republik hatte andere Probleme, als sich um dieses zu jener Zeit unpopuläre Bild zu kümmern.

Ingendaay schildert auch die Beleidigung, die Picasso empfand, als der damalige baskische Präsident José Antonio Aguirre das Angebot einer Schenkung ablehnte. "Damit liegt Aguirre auf derselben Linie wie andere Basken, die in Picassos Bild die Leiden des Volkes nach den Bombardements durch die Legion Condor nicht angemessen dargestellt sehen." Nicht angemessen, weil: Es gibt keine direkten visuellen Referenzen auf Gernika, das Baskenland oder den Angriff, "Guernica" wurde als Allegorie auf die Gräuel eines Kriegs allgemein interpretiert. Erst nach der Expo in Paris wuchs die Anerkennung des Gemäldes.

Direkt nach der Weltausstellung wurde das Wandbild in Museen in Skandinavien und England gezeigt, ab 1939 gehörte es dann zur Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art, von wo es in weitere Städte, unter anderem in Deutschland, Italien und den USA, ausgeliehen wurde. Nach Spanien kam "Guernica" erst 1981, also mehrere Jahre nach Francos Tod am 20. November 1975 (Picasso war 1973 verstorben), weil der Künstler zu Zeiten der Diktatur kein Interesse daran hatte, das Bild in seinem Geburtsland ausstellen zu lassen, das er zum letzten Mal 1934 betreten hatte. Seit 1992 hängt es im Reina Sofía.

"Botschaft an die Welt"

Imanol Pradales (von der baskisch-konservativen PNV) macht aus der Frage, wohin "Guernica" gehöre, nun eine Staatssache. Er fordert, das Bild für neun Monate – zwischen dem 1. Oktober und dem 30. Juni 2027 – im Museo Guggenheim in Bilbao aufzuhängen, als eine "Geste der Aufarbeitung der Vergangenheit", wie spanische Medien berichten. Es nähern sich Jubiläen: Am 7. Oktober 1936 (während des Bürgerkriegs) wurde die erste baskische Regierung errichtet, 2027 jährt sich die Bombardierung Gernikas zum 90. Mal. "Im Zusammenhang mit diesen Jahrestagen fordern wir eine vorübergehende Verlegung, auch als eine Form der [symbolischen und politischen] Wiedergutmachung und des historischen Gedenkens", so Pradales, "nicht nur gegenüber dem baskischen Volk, sondern als Botschaft an die Welt".

Diese Forderung hat bereits eine jahrzehntelange Tradition; auch mit der Eröffnung des Guggenheims 1997 gab es einen entsprechenden Antrag. Bisher hat das Reina Sofía dem nie nachgegeben. "Guernica" müsse "ausnahmslos außerhalb der Leihpolitik unserer Institution bleiben", wie das Museum mitteilte. "Aus technischer und fachlicher Sicht ist es absolut und kategorisch unzulässig", dieser Leihgabe stattzugeben, lautet die offizielle Begründung.

Seit der Forderung des baskischen Ministerpräsidenten Ende März ist in Spanien die Debatte, wohin "Guernica" gehört, wieder aufgeflammt. Mehrere Politikerinnen und Politiker haben sich inzwischen dazu geäußert. Wenig überraschend lehnte diesen Montag die rechtskonservative Ministerpräsidentin von Madrid Isabel Díaz Ayuso (PP) eine temporäre Leihgabe kategorisch ab mit der schwammigen Begründung, sie fände das "provinziell", sie sei der Meinung, "dass Kultur universell ist".

Neue Entfremdung zwischen Baskenland und Madrid?

 Auch der spanische Kulturminister Ernest Urtasun (EV) sprach sich dagegen aus: "Der 90. Jahrestag der Bombardierung von Guernica sollte auch bedeuten, dass sichergestellt wird, dass dieses Werk weitere 90 Jahre Bestand hat." Die baskische Zeitung "El Diario Vasco" titelte wiederum: "'Guernica', das am meisten gereiste Gemälde der Geschichte" samt einigen Grafiken, die die vielen "Reisen" des Gemäldes aufzeigen.

Das vielleicht schlagendste Argument hat am Ende Gernika selbst. José María Gorroño, Bürgermeister der besagten Stadt, sprach sich bereits vor Jahren für einen Umzug von "Guernica" nach Gernika aus, eine Forderung, die er jetzt wiederholte. Dass er, der baskische Ministerpräsident und das Museo Guggenheim mit ihrem Gesuch Erfolg haben, ist aber sehr unwahrscheinlich.

Dieser erneute Diskurs um "Guernica" zeigt, wie politisch und emotional aufgeladen dieses Thema auch gut 50 Jahre nach dem Tod Francos (und acht Jahre nach der Selbstauflösung der baskischen Terrororganisation ETA) ist. Es könnte zu einer erneuten Entfremdung zwischen dem Baskenland und der spanischen Zentralregierung führen, die seit jeher ein angespanntes Verhältnis haben.