West-Berlin wurde seitens der DDR als "besondere politische Einheit" bezeichnet, weil man sich in der SED nicht mit der De-Facto-Zugehörigkeit zur Bundesrepublik abfinden konnte. "Besonders" war West-Berlin allerdings vor allem in einer Hinsicht, nämlich in künstlerischer. Die Trends der USA, die beispielsweise in Köln und Düsseldorf auf fruchtbaren Boden fielen, blieben in der West-Berliner Kunstszene weitgehend unbeachtet; oder, wenn man doch Lust darauf hatte, fuhr man eben nach "Westdeutschland", wie man in der "Halbstadt" ohne Zögern sagte.
Dort, im Wirtschaftswunderland, gab es eben nicht dieses eigentümliche Amalgam aus hellen Köpfen aller Art, die die Welt vor allem skeptisch betrachteten. "Kritisch" war in der Kultur alles und jeder. So wundert es nicht, dass die seit den späten 1960er-Jahren und bis zum Mauerfall dominierende Richtung der Kritische Realismus wurde. Als ob "Realismus" allein nicht schon genügt hätte, um die Verhältnisse zu zeigen, wie sie sind.
Zum Sammelbecken wurde die 1972 recht spontan gegründete Gruppe Aspekte – einen besseren Namen hatte man in der Eile nicht gefunden –, zu der sich die West-Berliner Wirklichkeitsanalysten zusammenfanden. Einer ihrer herausragenden Vertreter war Wolfgang Petrick.
Er malte weiter
Es ist immer ungerecht, einen Künstler auf eine zeitlich begrenzte Gruppenzugehörigkeit beschränken zu wollen. Petrick hat das schmerzlich erfahren. Dem Ruhm der 70er- und (wenn auch schon vermindert) 80er-Jahre folgte ein spürbares Desinteresse in den Zeiten seither. Petrick hat das künstlerisch nicht angefochten, und er hat sich nie beklagt. Er malte weiter. Nicht, wie er immer gemalt hatte, sondern je nachdem, wohin er seinen Stil entwickelte.
Geboren 1939 im südlichen Umland von Berlin, mit Rüstungsindustrie in der Nähe, zählt Petrick noch zu jener Generation, die die Schrecken des Krieges unmittelbar erlebt hat und davon ein Leben lang geprägt blieb. Heute wird inflationär der Begriff "Trauma" verwendet, und auf seine Weise wird auch Petrick davon betroffen gewesen sein. Aber als wacher Geist hat er diese Kindheitserfahrung in seine Haltung zur Welt, zur Politik, zur Gesellschaft transformiert - und damit in seine Malerei.
Früh nach West-Berlin übergesiedelt, studierte er an der damaligen Hochschule der bildenden Künste am Steinplatz, unter anderem beim Surrealisten Mac Zimmermann. Bald lehnte er sich gegen die – wie er rückblickend sagte – "Ideologie der Abstraktion" auf. Petrick malte figurativ. Schon gegen Ende seines Studiums, das er 1965 mit dem Titel Meisterschüler abschloss, fand er sich mit anderen, ebenso wenig von der blutleer gewordenen Abstraktion angezogenen Künstlern in der Selbsthilfegalerie Großgörschen 35 zusammen, benannt nach der Adresse in einem weniger ansehnlichen Teil Schönebergs.
Art brut als Weg der Befreiung
Haupt der Gruppe war Karl-Horst Hödicke, auch Markus Lüpertz war dabei. Und eben ein paar weitere, mit denen Petrick ab 1972 die erwähnte Gruppe Aspekte bildete. Die diente nicht zuletzt dazu, die Berliner Realisten außerhalb des hiesigen Biotops bekannt zu machen. Eine Wanderausstellung der Gruppe unter dem programmatischen Titel "Prinzip Realismus" tourte durch zahlreiche Städte der Bundesrepublik und ganz Europas.
Petrick grenzte sich scharf vom Realismus der Pop-Art ab. Dass er stattdessen von der Art brut beeindruckt und beeinflusst war, hat man lange nicht sehen wollen oder können. Die Kunst der Un- oder Nicht-Künstler, die vor allem in Frankreich bekannt war, bot einen Weg abseits vorgegebener Pfade. Oder anders gesagt: einen Weg der Befreiung.
Petrick konnte malen, was er wahrnahm und was ihn bedrängte, und das war alles andere als harmonisch. In collagehafter Weise setzte er Schreckensbilder zusammen, zerteilte und geflickte Leiber, einen Männerkopf mit eingesetztem Vogelauge oder angedeutetem Hirschgeweih, der Pauker im Bild "Schule" mit gerecktem Arm wie jene, die wenige Jahre zuvor ihren rechten Arm gehoben hatten. Assoziativ waren die Bilder, wie ein schlechter nächtlicher Traum, dessen eben noch erinnerte Bruchstücke Petrick auf die Leinwand warf; dabei maltechnisch hochartifiziell, wie er im Übrigen auch ein vorzüglicher Grafiker war.
"Im Dickicht der Städte ins Unterholz gekrochen"
1977 erlebte Aspekte mit dem Gemeinschaftsprojekt "Großstadt" im Künstlerhaus Bethanien in der Auseinandersetzung mit Otto Dix' Metropolen-Triptychon ihren Höhepunkt. Petrick schuf eine Rauminstallation, ließ die gemalten Wirrnisse in seinem Atelier in die dritte Dimension ausgreifen. Er zeigte die Welt im Zustand ihres Verfalls. "Selten vorher ist Verrottung mit solcher Eindringlichkeit künstlerisch durchgeformt worden", bemerkte dazu Eberhard Roters, der als Gründer der Berlinischen Galerie ganz nah an den Kritischen Realisten dran war. "Im Dickicht der Städte", so Roters weiter, sei Petrick "ins Unterholz gekrochen".
Der Künstler allerdings entfernte sich mehr und mehr von der Gesellschaftskritik. Seit den 80er-Jahren beschäftigte er sich vornehmlich mit der Figur, mit dem Körper und seiner Fragilität. Dass er sich Anregungen aus dem "Atlas für gerichtliche Medizin" des Charité-Pathologen Otto Prokop holte, hat manchen Beobachter befremdet. Dabei sah er nur umso klarer, was Menschen einander antun. Und er malte so, dass auch die seelischen Verletzungen sichtbar wurden: in den beschädigten Körpern und in der sie umgebenden, grell-düsteren Malerei.
Dass der Mann mit dem Vogelauge aus dem gleichnamigen Bild von 1972 in "Vaterturm" von 1984 wieder auftauchte, zeigt eine Kontinuität des bildnerischen Denkens, die vor der eigenen Person nicht Halt machte. Die Fratzen waren überall, in Bildern, bei denen zunehmend Bosch oder Brueghel Pate standen.
Kritischer Realist, ein Leben lang
1975 wurde er selbst als Professor an die Hochschule berufen, an der er studiert hatte, und 1993 kam die Aufnahme in die Akademie der Künste. In seinen späteren Jahren unterhielt Petrick ein Zweitatelier in New York. Aber auch dort entging er dem Schrecken nicht. Von seinem Fenster in Brooklyn aus beobachtete er in der Ferne den Zusammenbruch der Zwillingstürme beim Anschlag vom 11. September 2001.
Ihn konnte diese Katastrophe kaum mehr erschüttern als die Bombentreffer aus der Kindheit. Gemalt hat er sie dann so, wie alle Schrecken: als Collage aus ineinander greifenden Elementen. In Berlin hatte er 2017 im Haus Liebermann nochmals eine große Ausstellung. Jetzt ist er 86-jährig in Berlin verstorben, Kritischer Realist auf seine Weise, dies aber ein Leben lang.