Ein halbes Jahrhundert ist es mittlerweile her – 49 Jahre, um genau zu sein –, dass mit der Ausstellung "Women Artists, 1550 – 1950" so etwas wie eine kopernikanische Wende der Kunstgeschichtsschreibung eingeleitet wurde. Die Schau, die im Los Angeles County Museum of Art eröffnete und anschließend durch die USA tourte, kostete einen aus heutiger Sicht lächerlich geringen Betrag. Dennoch hatten es ihre Kuratorinnen, Linda Nochlin und Ann Sutherland Harris, schwer genug, ein Museum für die Verwirklichung zu gewinnen.
Frauen als Künstlerinnen, das war bis dahin in der geradezu höfisch strukturierten Welt der Museen ein Nicht-Thema gewesen. Bis die rund 150 gezeigten Gemälde von 86 Urheberinnen aller Welt die Augen öffneten. Es gab Künstlerinnen in der Geschichte! Und sie waren so gut wie nur irgendeiner ihrer männlichen Kollegen.
2025 ist die Welt der Kunst und der Museen eine völlig andere. Und vielleicht doch noch nicht. Denn das vor gut einem Jahr eröffnete, groß dimensionierte Museum für Moderne Kunst in Warschau (MSN) zeigt jetzt unter dem Titel "Die Frauenfrage" erneut eine Ausstellung von Künstlerinnen. Es erweitert den Zeitraum dabei aber bis in die unmittelbare Gegenwart. So wird deutlich, dass die im Titel angesprochene Frage weiterhin offen ist - und uns heute genauso betrifft wie schon in den vergangenen Jahrhunderten.
Palette und Macht
Zusammengestellt wurde die Schau von der in New York und Warschau lebenden Kuratorin Alison M. Gingeras, die sich auf ihrer eigenen Website einen "ebenso gelehrten wie anarchischen Zugang zur Kunstgeschichte" bescheinigt. Ihre Auswahl unterscheidet sich von der berühmten Vorgängerin von 1976/77 durch den Verzicht auf chronologische Reihung. Stattdessen gibt es eine thematische Aufgliederung in neun Kapitel.
Will sagen: Die angeschnittenen Themen ziehen sich durch die Geschichte und sind von Künstlerinnen immer wieder neu beantwortet worden. Natürlich lockt am Beginn des Rundgangs das Selbstporträt der Sofonisba Anguissola, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts mit zahlreichen solchen Selbst- und zugleich Berufsporträts ihren Status als vollgültige Malerin festigte – und über eine zahlreiche, gutsituierte Käuferschaft verfügte.
Das gilt für die anderen in der Sektion "Palette und Macht" aufgeführten Künstlerinnen ebenso. Sie mussten mit ihren Gemälden beweisen, dass sie es können, und so zeigen sie sich oft mit Pinsel und Staffelei - aber nicht durchweg. Élisabeth Vigée Le Brun, die in der Spätzeit des Ancien Régime Karriere machte, wurde in die Königliche Akademie aufgenommen, wie übrigens nicht ganz so wenige Künstlerinnen in den verschiedenen Ländern.
Verbannt aus dem 19. Jahrhundert
In derselben Zeit, kurz vor 1800, porträtierte sich Marie-Nicole Vestier-Dumont als Malerin, freilich im schicken Gesellschaftskleid, das sicher keine Farbflecken vertrug. Und dann schaukelt die Künstlerin auch noch eine Wiege mit ihrem Neugeborenen, das seine Händchen der Mutter entgegenstreckt.
Diesen Rollenkonflikt thematisieren spätere Künstlerinnen mehrfach. Doch es war das 19. Jahrhundert mit seinen rigiden Moralvorstellungen, das Frauen aus der Kunstgeschichte verbannte. Erst im frühen 20. Jahrhundert häufen sich dann die Selbstporträts, die, wie bei der Niederländerin Charly Toorop oder der Berlinerin Hannah Höch, immer auch die prekäre Situation innerhalb des männlich dominierten Betriebs ahnen lassen. Von den politischen Widrigkeiten ganz abgesehen.
Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf die als "hohe Kunst" anerkannten Medien von Malerei und Skulptur. Auch Gestricktes und Gewebtes, im zeitgenössischen Kunstbetrieb durch Positionen wie Rosemarie Trockel etabliert, spürt die Kuratorin wiederholt auf. Denn es geht längst nicht mehr darum, zu zeigen, dass Frauen Kunst machen, sondern vielmehr, wie vielgestaltig ihre Arbeit ist - und im besten Falle frei von den Regeln, die die Männerkunstwelt aufgestellt hat.
Begehren und Kunst haben viel gemeinsam
Das wird besonders in den Kapiteln zum weiblichen Begehren deutlich. Virgina Woolfs Motto "A Room of Own's Own" steht über dem Kapitel zu Lust und Liebe, die in alle Richtungen geht: zum eigenen Geschlecht, wofür eine hinreißende Aktdarstellung von Tamara de Lempicka steht (die sich genauso wenig an die Namen ihrer Geliebten erinnerte, wie dies Männern immer zum Vorwurf gemacht wird). Und zum anderen Geschlecht, wie Jordan Casteel mit "Aaron" von 2013 zeigt, durchaus eine Anspielung auf Manets berühmte "Olympia".
Dass erotische Anziehung und künstlerische Arbeit sich überlagern, zeigt Lotte Lasersteins großartiger stehender Akt "Vor dem Spiegel" von 1931. Das Gemälde ist ein Virtuosenstück in der gespiegelten Figur plus Einfügung der eigenen Person als ausführende Künstlerin.
Fruchtbarkeit und Mutterschaft sind weitere Themen, die Künstlerinnen immer wieder behandelt haben. Maina-Miriam Munsky, eine Protagonistin des West-Berliner "Kritischen Realismus" der Vorwendezeit, aber heute beinahe vergessen, sticht mit einer ihrer düster-aseptischen Krankenhausszenen heraus: "Sonographie" von 1988. Die New Yorker Clarity Haynes zeigt eine Geburt, wie sie die Hebamme sieht – den Babykopf, der sich aus dem Mutterbauch herauszwängt. Und Catherine Opie präsentiert sich in ihrem fotografischen Selbstbildnis "Stillend" (2003) unverstellt mit ihrem schon recht großen Sprössling an der Brust.
Diese Geschichte ist immer lebendig
Das düsterste Kapitel gegen Ende des Ausstellungsrundgangs versammelt in Vitrinen Zeichnungen von Kämpferinnen und KZ-Häftlingen. So von Gela Szeksztajn, die mit ihrer oft in den Zeichnungen auftauchenden Tochter wohl 1943 im Warschauer Ghetto-Aufstand umkam. Geschichte – diese Geschichte – ist in Polen immer lebendig, und bei dieser "Frauenfrage" kein bloßes Anhängsel, sondern ein integraler Bestandteil.
An einer Längswand prangt das großformatige, schreiend gelbe Plakat "Do women have to be naked to get into the Met. Museum?", mit dem die Gruppe der Guerilla Girls 1989 auf das Missverhältnis von malenden und gemalten Frauen in der Sammlung des ehrwürdigen Metropolitan Museum aufmerksam machte. Das war rund zehn Jahre, nachdem die "Women Artists"-Ausstellung auch in New York zu sehen war; freilich nicht in Manhattan, sondern jenseits des East River im Brooklyn Museum.
Der Weg zu Gleichheit und Gleichberechtigung war damals weit, und er bleibt es auch heute noch. Immerhin markiert die hervorragend konzipierte Ausstellung im Warschauer MSN eine weitere, wichtige Etappe.