Chanel-Kulturchefin Yana Peel

"Private Unternehmen sind Teil des Ökosystems der Künste"

Yana Peel
Foto: Courtesy Chanel

Yana Peel

Yana Peel leitet den Bereich "Arts and Culture" beim Modehaus Chanel, das zum Gallery Weekend eine riesige Installation nach Berlin bringt. Hier spricht sie über Philanthropie im Sinne Coco Chanels und die Rolle von privaten Geldgebern
 

Yana Peel, Sie leiten den Bereich "Arts and Culture" bei Chanel. Was ist die Idee hinter dem Chanel Culture Fund? 

Als ich vor fünf Jahren zu Chanel kam, haben wir uns überlegt: Wie können wir Künstlerinnen und Künstlern auf unsere spezifische Weise Zeit und Raum geben? Wir wollten keine Stiftung und kein Privatmuseum gründen, wie es andere Luxusmarken erfolgreich gemacht haben. Das Modell, das ich leiten darf, ist vielmehr die Fortsetzung von 100 Jahren Philanthropie im Geist der Neugier, Großzügigkeit und der Wertschätzung der Avantgarde, der Gabrielle "Coco" Chanel ausgezeichnet hat. Es dreht sich alles um Partnerschaften. Wir sind in 15 Städten auf der ganzen Welt Kooperationen mit 40 Institutionen eingegangen, um langfristige Beziehungen aufzubauen, die nachhaltig sind, die einen Wandel herbeiführen und die wirklich auf den Punkt bringen, was vor Ort gebraucht wird. 

Können Sie Beispiele nennen? 

Im Centre Pompidou in Paris haben wir in den letzten drei Jahren dazu beigetragen, die Zukunft des Kuratierens zu imaginieren, während sich das Museum auf seine lange Schließung zur Renovierung vorbereitet. Im M+ in Hongkong helfen wir bei der Restaurierung von Filmen der "New Wave" und bringen die goldene Ära des Hongkonger Kinos einem generationenübergreifenden Publikum nahe. Und demnächst werden wir mehrjährige Programme mit dem National Theatre in London und der Fondation Beyeler in der Schweiz ankündigen. 

Und Sie kommen nach Berlin, mit einer neuen Serie von großen Auftragsinstallationen im Museum Hamburger Bahnhof, der "Chanel Commission" ...

Genau, der Hamburger Bahnhof in Berlin ist unser Partner für unser bisher ehrgeizigstes Projekt geworden. Mit der Chanel Commission arbeiten wir erstmals in dieser Größenordnung im Bereich von Skulptur und Installation. Sie führt dabei ein Jahrhundert von Kunstphilanthropie im Unternehmen fort, und auch unsere Aktivitäten der letzten fünf Jahre, in denen wir darüber nachgedacht haben, wie wir mit großen Kulturschaffenden eine Partnerschaft eingehen können, die weit über eine Gala, eine Party, ein Projekt oder eine Ausstellung hinausgeht. Wir möchten uns über mehrere Jahre hinweg engagieren und unsere Partner in die Lage versetzen, mehr zu erreichen, als sie es mit eigenen Mitteln können. 

Warum ist Berlin für Sie interessant?

Berlin war für uns schon immer interessant. Das Gallery Weekend ist ein globaler Knotenpunkt. 2023 hatte Cao Fei, eine unserer großen Freundinnen des Hauses, eine wunderbare Ausstellung in der Galerie Sprüth Magers zum Gallery Weekend. Besonders nach der Covid-Pandemie finden wir es wichtig, dass die Leute das Ritual pflegen, physisch zusammenzukommen. Wir glauben, dass Kunst und Kunsterfahrung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sehr wichtig sind. 

Zum Gallery Weekend eröffnet mit Klára Hosnedlovás Ausstellung "Embrace" die erste "Chanel Commission": eine beeindruckende Erfahrung.

Es ist eine Ausstellung, die Menschen dazu bringen wird, sich auf die Reise zu machen, extra, um vor dieser epischen "Umarmung" zu stehen und den Geist des Erhabenen zu spüren. Deutschland war schon immer ein Epizentrum für Kunst, Kultur und Kreativität. Gerade in diesem Moment ist Berlin für uns eine wahre Energiequelle. Und mit Führungspersönlichkeiten wie den Direktoren des Hamburger Bahnhofs, Sam Bardaouil und Till Fellrath, ist diese Installation wahrscheinlich der beste Ort für uns, um unsere Ziele zu verwirklichen: nämlich Frauen den Raum und die Freiheit zu geben, in diesem außergewöhnlichen Format Kunst zu schaffen. 

Sind Sie also besonders glücklich, dass eine junge Künstlerin diese Ausstellung bestreitet?

Auf jeden Fall. Die Ideen, die wir mit Sam Bardaouil und Till Fellrath diskutiert haben, drehten sich um Frauen, und ihr Vorschlag von Klára war brillant. Sie hat große Ambitionen und ein großes Einfühlungsvermögen, wenn es darum geht, ihren tschechischen Hintergrund in die Geschichte des heutigen Deutschlands einzubringen. Die Art und Weise, wie sie mit Musik, Kultur, Klang und Handwerk arbeitet, ist beeindruckend. Sie hat hier ein episches Werk geschaffen, wenn man bedenkt, wo sie in ihrer relativ jungen Karriere steht. 

Gleichzeitig ist es ein schwieriger Moment für die Kultur in Berlin, angesichts der brutalen Kürzungen der öffentlichen Mittel. Glauben Sie, dass private Initiativen wie Ihre die Lücke schließen können? 

Wir haben das Gefühl, dass wir eine Rolle in einem Ökosystem spielen können, das wirklich die Unterstützung von allen braucht. Es ist ein Moment, in dem man sich einmischen kann, wenn andere sich zurückziehen. Private Unternehmen sind Teil des Ökosystems der Künste, private Philanthropie ist wichtig. Aber Deutschland hat auch ein großes Erbe an öffentlicher Unterstützung, von der wir hoffen, dass es weiterhin bestehen bleibt. Wir müssen jetzt die Kraft der Kunst und die Bedeutung der Kunst für die ganze Gesellschaft sehr deutlich machen.