Normalerweise dekorieren Seerosen den Teich vor der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel; aktuell funkeln dort jedoch 1200 Spiegelkugeln in der Herbstsonne. So zauberhaft empfängt Yayoi Kusama die Besucherinnen und Besucher ihrer ersten Retrospektive in der Schweiz. Schon 1966 sorgte der schillernde "Narcissus Garden" auf der Venedig-Biennale für Aufsehen. Damals verscherbelte die japanische Künstlerin die Kugeln für läppische zwei Dollar das Stück, um die Exklusivität des Kunstbetriebs zu kritisieren. Heute bekommt man für diesen Preis höchstens noch eine Kusama-Postkarte.
Aber die heute 96-Jährige wird eben längst nicht mehr so unterschätzt wie zu Beginn ihrer Karriere – im Gegenteil. "Yayoi Kusama ist mehr als ein Star; sie ist eine Ikone wie Vincent van Gogh, Salvador Dalí, Frida Kahlo oder Andy Warhol", sagt Museumsdirektor Sam Keller. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, sobald ihr Name auf dem Programm steht. Selbst in der Fondation Beyeler, wo fast ausschließlich Kunststars zu sehen sind, bildet sie eine Ausnahme. Wie geht man mit dieser Situation um?
Die aktuelle Retrospektive umfasst mehr als 300 Arbeiten, darunter etliche Schlüsselwerke sowie zwei begehbare "Infinity Mirrored Rooms". Los geht es mit ihrem frühen Œuvre – allerdings erst, nachdem man den Museumsshop durchquert hat. Ob die Kusama-Weihnachtskugeln mit zur Ausstellung zählen?
Die Netzgemälde rauben einem heute noch den Atem
Die Künstlerin wird nicht ohne Grund "Polka-Dot-Königin" genannt. Gefühlt jeder Quadratzentimeter des Museums ist von Punkten übersät, sogar Kinderzeichnungen aus den 1930er-Jahre tragen bereits das kreisrunde Markenzeichen. Ein Porträt aus dem Jahr 1939 sieht aus, als hätte jemand Leinsamen darüber verstreut. Darunter liegt das herzförmige Gesicht einer jungen, in sich gekehrten Frau (vermutlich die Mutter der Künstlerin). Als Kind litt Kusama sehr unter den konservativen Vorstellungen ihrer Eltern; zudem wurde sie von Halluzinationen geplagt. Das Kunstmachen hilft ihr seitdem, ihre Ängste zu verarbeiten. Punkte zu malen, ist sozusagen ihre coping-Strategie.
Sich selbst porträtierte sie 1950 als rosarote Blume, umringt von endlosen Spiralen. Es ist ein finsteres Selbstbildnis, das während ihres Malereistudiums in Kyoto entstand. Man spürt die Verzweiflung im Kampf um mehr Anerkennung und Freiheit. Dieses Gefühl verstärken andere Bilder aus ihrer Studienzeit im Nachkriegsjapan, etwa "Accumulation of the Corpses". Am Ende eines monströsen Tunnels wartet nicht etwa das Paradies, sondern das ewige Verderben, dargestellt von zwei abgebrannten Bäumen. Kurz darauf zog Kusama nach New York, um den Fesseln ihrer Heimat zu entfliehen.
Dort überwuchern ihre "Infinity Nets" wie ein Moosgeflecht den ganzen Raum. "Yayoi Kusama ist eine originelle Malerin. Die fünf weißen, extrem großen Gemälde in dieser Ausstellung sind kraftvoll, ausgefeilt in Konzept und Ausführung", schwärmte bereits der US-amerikanische Künstler und Kritiker Donald Judd nach ihrer ersten Soloschau in New York. Durch ihre einzigartige Bildsprache rauben einem die riesigen Netzgemälde heute immer noch den Atem. Zum Glück gibt ihnen die Kuratorin Mouna Mekouar in Riehen genug Platz, um ihre volle Wirkung zu entfalten.
Die 60er als Wendepunkt
Die 60er-Jahre waren vielleicht das fruchtbarste Jahrzehnt in der US-Kunstgeschichte – nicht zuletzt dank Kusama. Ihre ersten Textilskulpturen aus dem Jahr 1961 markieren den Anbruch einer äußerst kreativen Schaffensperiode. Unzählige Phallus-Formen besetzen einen Sessel aus der Werkgruppe "Accumulations #1". Die monochrome Skulptur erinnert an surrealistische Assemblagen von Meret Oppenheim oder Salvador Dalí; im Kontext der sexuellen Befreiungsbewegung erzählt sie jedoch eine andere Geschichte. Kusama entwickelte sie primär, um ihre eigene Sexualangst zu bekämpfen. "Ich stellte unzählige Textil-Penisse her und legte mich in ihre Mitte. Das Objekt meiner Angst bekam dadurch etwas Harmloses, Amüsantes", schreibt sie in ihrer Autobiografie "Infinity Nets".
Später bedeckte sie weitere Alltagsgegenstände und Kleidung mit Stoff-Phalli, darunter ein pinkes Tunika-Kleid. Die Ausstülpungen auf der Vorderseite scheinen zu tanzen wie die Tentakel einer Seeanemone. Schade nur, dass ihre neueren Modekollektionen nicht genauso gewagt sind.
In den 1960ern erkundete Kusama ständig neue Medien. Neben Gemälden, Installationen und provokanter Mode realisierte sie über 200 Performances und Happenings in New York und Europa. Die Textilskulpturen sind also nur ein Teil dieses aufregenden, aber vielleicht auch zermürbenden Kapitels in ihrem Leben. 1973 kehrte Kusama aufgrund persönlicher Krisen nach Japan zurück, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Die Romane und Gedichtsammlungen, die sie seitdem veröffentlicht hat, kommen in der Ausstellung etwas zu kurz. Sie liegen in einer schattigen Ecke in einer Vitrine, was bei Texten wenig Sinn ergibt. Ein paar Leseexemplare wären geeigneter, um die Autorin im Kunststar kennenzulernen.
Kulisse fürs Halloween-Selfie
Im größten Ausstellungsraum der Fondation ruht eine mächtige Kürbis-Skulptur auf dem Parkett; daneben liegen und hängen weitere gepunktete Exemplare des bauchigen Gewächses. Dieses bildet eines der wichtigsten Motive in Kusamas Werk. Die Kürbisse haben trotz ihrer Allgegenwart eine ungeheure Präsenz, insbesondere die größte Skulptur. Gibt es eine bessere Kulisse für das perfekte Halloween-Selfie?
Die Gemälde-Serie "My Eternal Soul" überrascht durch poppige Acrylfarben und abwechslungsreiche Muster; insgesamt ist die Reihe aber weniger risikofreudig als frühere Arbeiten. Auch der neue "Infinity Mirrored Room" im Souterrain des Museums wirkt etwas zu routiniert. Dieser besteht hauptsächlich aus luftgefüllten Tentakeln und Spiegeln. Die Ballon-Ärmchen winden sich eindrucksvoll durch den Raum, müssen jedoch pausenlos aufgepumpt werden, um nicht zu erschlaffen. Das Rauschen der Luftpumpe nervt, und es riecht nach Plastik. Immersiv ist das nicht, zumindest nicht im positiven Sinne.
Der zweite "Infinity-Raum" im Museumspark begeistert dafür umso mehr. Von außen sieht der verspiegelte Kubus jede Sekunde anders aus. Mal glitzert er im Sonnenlicht wie die Kugeln des "Narcissus Garden" auf dem Wasser, mal versteckt er sich schüchtern zwischen den Bäumen. Der Innenraum ist ebenfalls verspiegelt, doch spielen hier weder die Tageszeit noch das Wetter eine Rolle. Man vergisst die Zeit, vergisst eigentlich alles, was draußen passiert. Schließlich verliert man sich selbst in der Unendlichkeit.
Ein Ritt durch die Kunstgeschichte der letzten Jahrzehnte
Kusama hat in ihrer Karriere durchgehend Neues ausprobiert und andere Kunstschaffende durch ihre Ideen beeinflusst. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler fühlt sich daher nicht wie eine typische Einzel-Retrospektive an, sondern mehr wie ein Ritt durch die Kunstgeschichte der letzten Jahrzehnte. Es könnte auch eine Gruppenausstellung sein – wenn da nicht die unendlich vielen Punkte wären, die Kusamas facettenreiches Gesamtwerk zusammenhalten.
Kuratorin Mouna Mekouar lässt die Arbeiten für sich sprechen, was meist hervorragend funktioniert, außer vielleicht bei den Büchern. Am Ende ist man dennoch hin- und hergerissen zwischen komplexen Werken und flacher Massenware; zwischen befreiender Selbstreflexion und Kusama-Manie. Ob man sich auch an einer Ikone sattsehen kann?