Wann steht man schon einmal vor dem Werk einer lebenden Künstlerin, das auf das Jahr 1934 datiert ist? Und dann stammt diese Farbstift- und Pastellzeichnung auch noch von einem der populärsten Kunststars des Social-Media-Zeitalters. Dass dieses Kusama-Frühwerk überhaupt erhalten blieb und nicht jener großen Vernichtungsaktion zum Opfer fiel, mit der die 24-Jährige 1953 alle Fesseln abstreifte und in ihre persönliche Moderne aufbrach, verdankt sich womöglich einer Besonderheit: Schon durchzieht ein Meer aus Punkten die Luft jener Berglandschaft, vor der die Fünfjährige eine traditionell gekleidete Gruppe platziert hat.
"Alles in einem Café mit Polka Dots zu bedecken, ist mein Wunsch", schrieb Kusama 2008. "Polka Dots im rosafarbenen Raum erfüllen die Herzen mit der Freude ewiger Liebe. Im Universum sind der Mond und die Sonne nur zwei dieser Polka Dots." In gleich drei ihrer berühmten Rauminstallationen lässt sich in der Jubiläumsausstellung zum 50. Geburtstag des Museum Ludwig nun jene von Kusama beschworene "Selbstauslöschung durch Polka Dots" erleben. Mit ihr verarbeitet die Künstlerin Halluzinationen und Bewusstseinsstörungen, die sie seit ihrer Kindheit begleiten. "Ich nenne sie die Kusama-Selbstauslöschung."
Die im vergangenen November für die erste Station der Ausstellung in der Fondation Beyeler entstandene Installation "Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe" (2025) wird im mehr als zehn Meter hohen Heldensaal des Museums nun mit voller Monumentalität ausgespielt. Gelb-schwarze Schlangenpflanzen verbergen darin ein Spiegelkabinett als Raum im Raum. Einen weiteren Infinity Room hat das Museum auf seine Dachterrasse mit Domblick gebaut. So spektakulär Kusamas neue Arbeiten auch sind – ihre eigentliche Stärke gewinnt diese Retrospektive aus dem Fokus auf neun Jahrzehnte Malerei.
Yayoi Kusama "lnfinity Mirrored Room -The Hope of the Polka Dots Buried in lnfinity Will Eternally Cover the Universe", 2025, Detail
Dafür öffnete die 96-Jährige großzügig ihr Privatarchiv. Schon die Werke aus den 1940er- und 1950er-Jahren überzeugen. Die Tochter erfolgreicher Samengärtner entdeckte bereits als Teenager jenes unendliche Abstraktionsvokabular, das im Floralen wächst – eine Spur, die sich später auch in ihrer Brieffreundschaft mit Georgia O’Keeffe niederschlug. Dieser Austausch veranlasste sie 1958 zum Umzug nach New York.
Für jedes Gemälde aus der Zeit vor diesem Aufbruch, das Kusama nicht vernichtete, darf man dankbar sein. Die großformatige Seidenmalerei "Harvest" der 16-Jährigen aus dem Jahr 1945 verhält sich zu Kusamas Spätwerk wie Picassos Blaue Periode zum Kubismus: Ohne die Tradition ganz abzuschütteln – in ihrem Fall den Nihonga-Stil der klassischen japanischen Malerei –, lockert sie hier doch bereits die Figuration so subtil auf, wie das Motiv von Blühen und Vergehen sinnlich explodiert.
Selten gezeigte Collagen
Im New York der Hippie-Zeit artikulierte Kusama ihr ambivalentes Verhältnis zur Sexualität dann in Nacktperformances, Körperbemalungen und selbst entworfener Kleidung. An den kreativen Austausch mit Joseph Cornell erinnern in der Ausstellung selten gezeigte Collagen und ein Diorama, mit dem Kusama den späteren Rauminstallationen bereits vorgreift. Schließlich reihen sich jene großformatigen, durch sich wiederholende Motive strukturierten Gemälde randlos aneinander, an denen Kusama noch heute, mit 96 Jahren, täglich malt.
Im Vergleich zum Frühwerk, in dem jedes Blatt anders ist, macht sich hier das Individuelle bereit, glücklich in einem selbst geschaffenen Universellen zu verschwinden. Dieses Aufgehen in der Unendlichkeit ist bei Kusama allerdings stets auch eine Einladung ans Publikum, es ihr im immersiven Betrachten gleichzutun. So gründlich wie kaum eine Kusama-Retrospektive zuvor blickt diese grandiose Schau der Künstlerin beim glücklichen Verschwinden über die Schulter – und legt in der Rückschau ein eigenes Universum frei.