Künstler Yuhao Chen

Zwischen Tradition und Technologie

Der in München lebende Künstler Yuhao Chen lässt chinesische und westliche Malerei­traditionen mit dem Einfluss von künstlicher Intelligenz zusammenfließen. Nun ist er für den Young Generation Art Award nominiert

Yuhao Chens zentrales Motiv ist das Porträt und die Darstellung von Empfindungen. Dass der Maler dabei oft die akkurate Wiedergabe eines Gesichts verweigert, steht nicht im Widerspruch zu seinem Anliegen, in seinen Gemälden menschlichen Ausdruck, Haltung und emotionale Schwingungen nachzuempfinden.

Bis 2023 studierte der 1991 geborene Künstler an der Münchener Akademie bei Anke Doberauer. Er hat sein Atelier im Westen von München, reist aber regelmäßig nach China, wo er aufwuchs und klassische Malerei studierte. Beide Einflüsse sind in Yuhao Chens Malerei spürbar – in ihrer Kombination liegt die Besonderheit seiner Gemälde.

Seine Figuren befinden sich in imaginären Räumen zwischen außen und innen. Das Setting ist uneindeutig, irgendwo zwischen Natur und Architektur. Auch die Darstellungsweise lässt sich nie ganz der Figuration oder der Abstraktion zuordnen. Sogar Malweise und Pinselführung wechseln und überlagern sich zu einem vielstimmigen Ganzen.

Neue emotionale Dimensionen

Die Elemente seiner Bildgestaltung finde er oft mithilfe von Bildgeneratoren, erzählt Yuhao Chen in seinem kleinen Studio, das in einem Firmenkomplex eines Farbgroßhandels liegt und nur über lange Flure zu erreichen ist. Die Ergebnisse seiner KI-Eingaben stellt er dann malerisch zu neuen Kompositionen zusammen. Zentrum ist die zumeist weibliche Figur, deren Blick oft über das Bild hinausweist, während der Körper in alter Malereitradition eine spannungsreiche Pose einnimmt. "Die modernen visuellen Elemente verbinden sich mit der klassischen Aura der Figur und erzeugen eine Wahrnehmung, die zugleich vertraut und fremd wirkt", sagt Yuhao Chen. "In dieser Spannung entsteht eine neue emotionale Dimension: ambivalent, fließend, unruhig – vielleicht sogar poetisch."

Eine seiner Figuren mit leicht verdrehten Gliedmaßen und angespannter Körperhaltung erinnert ein wenig an Goyas "Maja" oder an Francis Bacons "Nude" aus den 1960er-Jahren. Wo verortet Yuhao Chen sich in dieser Tradition? Der Künstler zögert. Er kenne diese Bilder natürlich, aber sie haben eine andere Stimmung als die, auf die er hinauswolle. Die subtilen Empfindungen sind es, die er darstellen möchte – auch bei nichtmenschlichen Motiven wie dem Karussellpferd. Das Pferd als Symboltier ist mit Natur und Wildheit, aber auch mit Zähmung assoziiert, sagt Yuhao Chen, und das Karussellpferd treibt diese Widersprüchlichkeit ins Absurde. "Diese Stimmung wird in der Interaktion zwischen Mensch und Pferd besonders deutlich."

Seine klassische Malereiausbildung in China vermittelte ihm eine grundlegend andere Bildauffassung als das spätere Studium an der Akademie in München. Yuhao Chens Bildwelten brechen die westliche Perspektive auf. Sie folgen den Gesetzen der Linearperspektive nicht – auch wenn der Künstler sie beherrscht. Stattdessen leiten sie zu einem "wandernden Sehen" an, wie im traditionellen asiatischen Bildaufbau, in dem Tiefe durch Staffelung und Schichtung entsteht und nicht durch die malerische Simulation von Raum. "Für mich", sagt Yuhao Chen, "ist dies eine poetische Rekonstruktion von Zeit und Wahrnehmung."

Dieser Artikel erschien zuerst in Monopol 11/2025.