"Ich wünsche mir ein Parfüm, das genauso inspirierend duftet wie die Seerosen in Giverny und mich an meine erste große Liebe erinnert." "Und wovon träumt Ihre Nase nachts?", würde ein Mitarbeiter in einer gewöhnlichen Parfümerie darauf vermutlich antworten. Die "Algorithmic Perfumery" von Frederik Duerinck, die derzeit im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe ausprobiert werden kann, erfüllt solche Sonderwünsche dagegen problemlos.
Gemeinsam mit der Duftdesignerin Anahita Mekanik und dem Tech-Start-up ScenTronix hat der niederländische Künstler ein KI-gestütztes System entwickelt, das individuelle Düfte erzeugt. Für 15 Euro können Besucherinnen und Besucher von "Silver Egg" die zum Patent angemeldete Produktionstechnologie testen. Zunächst unterhält man sich einige Minuten mit einem Chatbot über persönliche Duftvorlieben. Dabei fragt der KI-Parfümeur auch nach Emotionen und Erinnerungen, die das Parfüm hervorrufen soll. Auf Grundlage des Gesprächs generiert das System ein individuelles Rezept. Dieses wird anschließend von einer Maschine im Ausstellungsraum gemischt und abgefüllt – fast wie ein Tischlein-deck-dich für Düfte.
Der Suchtfaktor ist enorm: Kaum ist das erste Fläschchen abgefüllt, fällt einem schon die nächste Duftkombination ein. Als Geschäftsmodell ist das grandios. In den ZKM-Lichthöfen wirkt "Algorithmic Perfumery" jedoch fehl am Platz. Riecht so die Zukunft der Medienkunst? Oder verwandelt sich das "digitale Bauhaus" gerade in einen Showroom für KI-Unternehmen?
Ein nützliches Museum
Das ZKM wollte schon immer mehr sein als nur ein Museum. Unter der Leitung von Alistair Hudson ist das nicht anders als unter seinen Vorgängern. Hudson stellt sich das ZKM als "useful museum" vor, das für die Gesellschaft mehr leisten soll, als lediglich Kunst auszustellen. "Kunst um der Kunst willen ist mir nicht genug. Ich möchte eine Institution entwickeln, die einen echten sozialen Zweck verfolgt", sagte der Nachfolger von Peter Weibel im Monopol-Interview.
"Silver Egg" ist zwar von Anett Holzheid kuratiert, doch viele der rund 50 ausgestellten Werke spiegeln Hudsons Kunstverständnis wider. Die Gruppenschau lässt keines unserer Sinnesorgane in Ruhe; gleichzeitig fragt sie nach dem Nutzen der Sinnlichkeit für Mensch und Natur. Das zeigt sich zum Beispiel in Marco Barottis audiovisueller Installation "Coral Sonic Resilience".
Bestimmte Klangmuster können die Regeneration beschädigter Korallenriffe unterstützen. Der italienische Medienkünstler Barotti gestaltet Unterwasser-Klangskulpturen, die genau das bewirken sollen. Formal erinnern die Skulpturen an Constantin Brancusis "Säule der Unendlichkeit"; sie werden jedoch mithilfe eines 3D-Druckers aus rifffreundlicher Keramik und Kalziumkarbonat hergestellt. Außerdem ist auf jede Skulptur ein Lautsprecher montiert, aus dem Knackgeräusche ertönen. Ein Video zeigt, wie die Skulpturen im Meer mit ihrer Umgebung eins werden. Die Bilder tauchen den Ausstellungsraum in ein kühles Ozeanblau. Zusammen mit der Geräuschkulisse entsteht eine Atmosphäre wie in einem Aquarium. "Coral Sonic Resilience" ist somit ebenso sinnlich wie nützlich.
Marco Barotti "Coral Sonic Resilience", 2025
Bei "Algorithmic Perfumery" überwiegt hingegen die sinnliche Seite. Die algorithmische Parfümerie kann rund 500 Millionen individuelle Duftkombinationen produzieren. Der Fantasie unserer Nasen scheinen dadurch keine Grenzen mehr gesetzt. Doch das sinnliche Erlebnis der Duftkreation wird sofort in ein Produkt übersetzt. Im Foyer des ZKM wäre, neben dem elektronischen Streichelzoo und dem Museumsshop, noch mehr als genug Platz gewesen. Dennoch wurde die Pop-up-Parfümerie mitten in der Ausstellung installiert. Dort wirkt die "Algorithmic Perfumery" vor allem wie ein Publikumsmagnet.
Die meisten anderen Arbeiten in "Silver Egg" lassen sich auch mit zugehaltener Nase gut erleben. "Mercurial 2" des südkoreanischen Künstlers Yunchul Kim sieht aus wie eine Weide aus Kabeln. Ihre motorbetriebenen Kunststoffäste schwingen, als würde eine Sommerbrise durch das ZKM wehen. Gegenüber spinnt ein Industrieroboter des Kunstkollektivs robotlab (Matthias Gommel, Martina Haitz und Jan Zappe) abstrakte Fadenmodelle und windet sich dabei wie ein sterbender Schwan um die eigene Achse.
"ReCollection" von Weidi Zhang und Rodger Luo fragt Besucherinnen und Besucher, wann sie sich zuletzt wirklich lebendig gefühlt haben. Die Erinnerung an diesen Moment können sie über ein Mikrofon einer KI mitteilen. Aus der Beschreibung synthetisiert das System nebelartige Schwarz-Weiß-Bilder, die beängstigend vertraut wirken.
Daneben versammelt "Silver Egg" mehrere Videoarbeiten, für die sich ein zweiter Besuch lohnt – darunter sowohl jüngere Arbeiten wie Charmaine Pohs sanft-poetischer Film "What’s softest in the world rushes and runs over what’s hardest in the world" über queere Familien in Singapur als auch Klassiker der Medienkunstgeschichte wie Derek Jarmans "Blue" oder Pipilotti Rists "My Boy, My Horse, My Dog". Auch wer nur in die Ausstellung gekommen ist, um sich ein Parfüm zu kreieren, vergisst vor einem dieser Werke die Zeit. Wie sinnlich Medienkunst doch sein kann, wenn man ihr keinen Zweck aufzwingt.