"Rousseau und die vergessenen Meister" in Essen

Zöllner und Putzfrauen voran

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In Essen treten die Outsider aus dem Schatten der Avantgarde

Seitdem Massimiliano Gioni den Outsider-Künstlern 2013 auf der Venedig-Biennale eine große Bühne bereitet hat, kann sich der edle Laie vor Inklusionsangeboten nicht mehr retten. Höchste Zeit also, zurück an den Anfang zu gehen, dachten sich wohl die Kuratoren Kasper König und Falk Wolf – und stellten den malenden Zöllner Henri Rousseau und seine Dschungelbilder ins Zentrum ihrer Schau "Der Schatten der Avantgarde" im Museum Folkwang in Essen.

Um die Rousseau vorbehaltene Piazza kreisen diejenigen, die unter Labels wie "Naive Kunst“ oder "Art brut" am Rande des Betriebs standen. Etwa der Mexikaner Martín Ramírez, der in den Zwanzigern in die USA auswanderte und nach einem Zusammenbruch die zweite Hälfte seines Lebens in der Psychiatrie mit dem Zeichnen von Schienen, Tunneln und Szenen des kapitalistischen Way of Life verbrachte. Morris Hirshfield dagegen, aus Polen 1890 in die USA immigriert, war als angesagter Modeunternehmer vorbildlich integriert. Erst im Ruhestand, ab 1935, malte er hypnotisch starrende Katzen und Frauen, die in ornamental ausgeschmückten Räumen nackt hinter Vorhängen lauern.

Nicht alle Autodidakten bestehen den Test, neben den "Großen", die ebenfalls herbeizitiert wurden, für sich zu sprechen. Hatte man befürchtet, dass die Zugkraft der Unprofessionellen nicht groß genug ist? Zugegeben, Picasso, Gauguin und Modersohn-Becker ließen sich von nicht akademischen Künstlern inspirieren. Interessanter aber ist Mike Kelley: In der Serie "Pansy Metal/Clovered Hoof" eignete er sich die Bildwelt des Heavy Metal an und mischte sie auf Seidenbannern mit irischen Volkssymbolen. Und Hanne Darboven durfte schon wegen ihres Sonderling-Looks nicht fehlen. Ihre "Hommage à Picasso 1995–2006" greift auf Rahmen zurück, die in Museumsshop-Manier den Stil des Meisters zitieren. Womit sich der Kreis schließt, denn Picasso selbst bediente sich bekanntlich gerne bei der afrikanischen Kunst.

Bei den Outsidern selbst sticht die umwerfende Miniretrospektive von Séraphine Louis heraus. Die Putzfrau malte wuchernde Blumen aus Haushaltslack. Obwohl sie 1937 im New Yorker MoMA ausstellen durfte, flog sie nach ihrem Tod aus dem etablierten Netz wieder heraus. Das Museum steuert jetzt in Essen das Bild "Paradiesbaum" von 1928 bei. Von seinen vergifteten Früchten bekommt man nicht genug.

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