Banksy und die autodestruktive Kunst

Kunst für eine selbstzerstörerische Gesellschaft

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Banksy hat mit seinem Bild, das sich auf einer Auktion selbst zerstört, ein beeindruckendes Statement geschaffen. Es reiht sich ein in eine lange Geschichte autodestruktiver Kunst – die gerade in Großbritannien Tradition hat

Es war Banksys bislang größter Coup: Gleich nachdem am Freitagabend auf einer Sotheby's-Auktion in London bei einem finalem Angebot von über eine Million Pfund für ein Bild des anonyme Street-Art-Künstlers der Hammer fiel, zerstörte sich das Kunstwerk selbst. Die Brite hatte, so gestand er später, in dem gewaltigen Goldrahmen einen Schredder eingebaut haben, der die halbe Leinwand vor den Augen des Publikums in Streifen schnitt.

Noch ist unklar, ob die Aktion mit dem Auktionshaus abgesprochen war. Einige Indizien sprechen dafür: Normalerweise untersucht und beschreibt ein Auktionshaus penibel den Zustand eingelieferter Werke. Auffällig ist auch, dass das Bild als letztes Los des Abends aufgerufen wurde. Eine Banksy-Sprecherin und Sotheby's selbst dementieren Vermutungen, dass sie zusammen gearbeitet haben.

Mit dem Käufer des Bildes sei man noch in Verhandlung, aber es ist durchaus denkbar, dass das Werk nach diesem PR-Stunt weit wertvoller geworden ist, als die gebotenen 1,04 Millionen Pfund (1,18 Millionen Euro). Denn die Zerstörung geschah nach dem Willen des Künstlers und ist somit Teil der Arbeit. Und sie steht in einer langen Tradition autodestruktiver Kunst.

Künstler haben seit jeher ihre Werke vernichtet, weil sie ihre Schöpfungen im Rückblick für misslungen hielten, sie dem Markt entziehen wollten oder weil sie einfach die Grenzen des Kunst testen wollten. Großes Aufsehen erlangte etwa 1970 das "Cremation Project" des kalifornischen Künstlers John Baldessari, der seine zwischen 1953 und 1966 entstandene Malerei verbrannte. Für ihn war das Konzept wichtiger als die Ausführung, einen stärkeren Beleg für den Triumph der Idee – und damit des Künstlers – über das Material als die übriggebliebenen Ascheklumpen konnte er nicht finden. Das "Cremation Project"gilt als Gründungsakt der Concept Art. Aber auch Baldessari stand schon in einer Tradition.

Der Italiener Lucio Fontana schlitzte seit 1958 Leinwände auf und zerstörte so einen Grundpfeiler der Malerei: den "heiligen", unversehrten Bildträger. 1959 veröffentlichte der in Nürnberg geborene Gustav Metzger, der 1939 auf der Flucht vor den Nazis mit einem Kindertransport nach London gelangt war, ein Manifest der autodestruktiven Kunst. Es propagierte darin Werke, "die ein Element enthalten, das innerhalb von maximal 20 Jahren automatisch zu ihrer eigenen Zerstörung führt". Denn Metzger, dessen Eltern in Konzentrationslagern ermordet wurden, sah auch in der Gesellschaft ein selbstzerstörerisches Element; seine Kunst wollte darauf antworten: "Die Massen auf der Regent Street sind autodestruktiv, Raketen und Atomwaffen sind autodestruktiv."

Metzger bestrich Bildträger mit Salzsäure, die den Maluntergrund zerstörte, und 1966 organisierte er in London das "Destruction in Art"-Symposium, an der Fluxus-Figuren wie Al Hansen, Yoko Ono, Wolf Vostell und Wiener Aktionisten teilnahmen. Es wurde zerstört und gemetzelt, was das Zeug hielt, Hermann Nitsch führte sein "Orgien Mysterien Theater" auf, Raphael Montañez Ortiz zertrümmerte einen Stuhl, John Latham verbrannte vor dem British Museum Bücher und Robin Page bohrte ein Loch in den Fußboden einer Buchhandlung.

Metzger habe ihn gelehrt, dass Kunst widerspiegeln solle, "wie wir die Welt zerstören", schrieb The-Who-Gitarrist Pete Townsend nach dem Tod des Künstlers im vergangenen Jahr. Townsend wurde bekannt dafür, dass er bei Konzerten regelmäßig seine Gitarre zertrümmerte. Damit habe er Metzgers Konzept nur "beinahe" erfasst, so der Musiker. Metzger sei nie wütend oder gewalttätig gewesen, aber "sehr wirkmächtig".

Einen Nachhall dieser Wirkmächtigkeit war vergangenen Freitag auch im leisen Rattern des versteckten Schredders im Sotheby’s-Auktionssaal zu hören. Immer wieder hat Banksy sich gegen die Verwertung seiner Bilder gestellt – die dennoch regelmäßig Millionenpreise erzielen. Dass das Bild am Ende noch mehr wert sein könnte, beweist dabei nur Gustav Metzgers These: Zu einer selbstzerstörerischen Gesellschaft passt am besten selbstzerstörerische Kunst.

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