Zum 100. Geburtstag des Architekten Ungers

Vernunft im Quadrat

Porträtfoto: älterer Mann mit runder Brille, rechts; links dahinter weiße Büste auf Holzsockel.
Foto: Jörg Carstensen/dpa
Oswald Mathias Ungers 2006 in seiner Bibliothek in Köln vor einer Büste des Architekten Karl Friedrich Schinkel

Er wollte Architektur für die Ewigkeit schaffen. Doch ausgerechnet Oswald Mathias Ungers, der große Rationalist der deutschen Nachkriegsmoderne, ist nach seinem Tod erstaunlich schnell aus dem Zentrum der Debatten verschwunden

Es hätte die Krönung seines Lebenswerks werden können: die Erweiterung oder besser Vollendung des Pergamon-Museums auf der Berliner Museumsinsel. Im Jahr 2000 gewann er den entsprechenden Wettbewerb, da war Oswald Mathias Ungers bereits 74 Jahre alt und guter Dinge, die Vollendung, mindestens aber den Baufortschritt seines Entwurfs sehen zu können. Es kam anders. Die Bauausführung zieht sich unendlich in die Länge und wird erst im kommenden Jahrzehnt abgeschlossen sein, über 30 Jahre nach dem Entwurf, und Ungers verstarb nicht lange nach seinem 80. Geburtstag im Herbst 2007.

Diesen 80. Geburtstag konnte Ungers noch einmal im Vollgefühl seiner Bedeutung genießen; endlos die Zahl der Würdigungen, die zu diesem Anlass erschienen. Seine Schüler, darunter Hans Kollhoff, Max Dudler oder Jürgen Sawade, waren längst in entscheidende Positionen gerückt und bestimmten ihrerseits das Baugeschehen in erheblichem Maße, und dass Ungers' Entwurf für Berlin so einhellig prämiert wurde, lag wohl auch daran, dass die Jüngeren sich ihrem Lehrmeister erkenntlich zeigen wollten.

Heute würde der Wettbewerb wohl ganz anders ausfallen. Ungers, in den Jahren um die Jahrtausendwende im Zenit seines Wirkens und seiner Wirkung, ist nach seinem Tod erstaunlich schnell zur historischen Figur geworden. Das ist, wenn man so will, eine Ironie des Schicksals; denn wie kein Zweiter in der deutschen Architektur seit dem Zweiten Weltkrieg zielte Ungers auf überzeitliche Bedeutung und auf eine Architektur von ewiger Dauer.

Die Nachwelt reduziert ihn auf das Quadrat

Er muss ein strenger Lehrer gewesen sein, zunächst an der Technischen Universität Berlin, dann für mehr als ein Jahrzehnt in den USA, wo ihm die höchsten Positionen im universitären Betrieb zuteil wurden, in Cornell, in Harvard, an der UCLA in Kalifornien. Ende der 1970er-Jahre kehrte er zurück und schuf hier ein gebautes Werk, das ihn in alle Architekturgeschichtsbücher brachte und das zunächst auch etliche Schüler und Epigonen hatte, heute aber eher erratisch dasteht.

Die Nachwelt reduziert ihn auf das endlos repetierte Quadrat seiner reifen Bauten, wie es den Zweitbau der Hamburger Kunsthalle dominiert oder das Familiengericht am Landwehrkanal in Berlin-Kreuzberg oder aber den Block 205 an der Friedrichstraße, einen der drei wuchtigen Neubauten von 1995, die eine neue Ära dieser einstigen Hochbetriebsmeile einleiten sollten und heute eher als Zeugen einer gescheiterten Stadtplanung gelten.

Dabei ist Stadtplanung ebenfalls ein Metier, in dem sich Ungers hervortat. Als er Ende der 70er nach West-Berlin zurückkehrte, fand er eine Stadt vor, der der Anzug gewissermaßen zu groß geworden war; Schrumpfung statt Wachstum. Ungers forderte Verdichtung auf der einen und Entleerung auf der anderen Seite, einzelne "Inseln" sollten im grünen Meer entstehen. Am Märkischen Viertel war er planerisch beteiligt, erlebte aber, dass es ihm aus den Händen glitt und nur noch auf Masse zielte. Manch einer erinnerte sich, dass Ungers 1963 die Nachfolge des Predigers der "Stadtlandschaft", die von Hans Scharoun an der TU Berlin angetreten hatte und bald auch Dekan wurde. Während der Studentenbewegung schmiss er hin, weil er weiterhin über Architektur sprechen wollte und nicht über Soziologie und Politik.

Kein Postmoderner

Ungers hatte bei Egon Eiermann studiert, dem so ungemein einflussreichen Verfechter des Nachkriegs-Funktionalismus, und bei ihm auch gearbeitet, bis es wegen einer Kleinigkeit zum Bruch kam. Ein Haus aus den bloßen Funktionen zu entwickeln, war Ungers' Ziel nicht. Vielmehr suchte er den Kern des Architektonischen, die Grundform des Hauses, seine Teile, die sich dann zu beliebig großen Einheiten kombinieren ließen, bis hinauf zur ganzen Stadt. Es ging ihm immer – und im Laufe seiner Lehr- und Entwurfstätigkeit immer stärker – um die ratio des Bauens, die innewohnende Logik der Architektur. Von daher die Reduktion auf Kreis und Quadrat, auf das Haus als Materialisierung der reinen Vernunft. In dieser Hinsicht gleichen sich Haus und Stadt einander an, weil sie beide denselben überzeitlichen Prinzipien gehorchen sollten.

Weithin bekannt wurde Ungers 1983 mit dem Torhaus an der Messe in Frankfurt, einem der ersten wirklichen Hochhäuser, die in der Bundesrepublik gebaut wurden, und doch so anders als die Renditekästen, die ihm in der Mainmetropole folgten. Ungers trennt hier "Sockel" und "Turm" voneinander und fügt sie dann doch zusammen, ein erkennbares Exerzitium und keine bloße Maximierung von Bürofläche. Man hat ihn damals schnell der gerade aufkommenden Stilrichtung der Postmoderne zugeordnet; ein Missverständnis, denn Ungers war nie am Zeitgeist interessiert, im Gegenteil. Ironie war ihm jedenfalls im Bauen fremd. Für ihn zählte die Form – wie er schon früh gesagt hatte – als "Ausdruck des geistigen Gehaltes".

Ein ganzes Messegelände konnte er später in Berlin bebauen, mit einem halbrunden Eingangsgebäude vor Hallen, denen das serielle Denken besonders gut zupass kam. Im Rahmen der Berliner Internationalen Bauausstellung (IBA) entstand der Wohnblock an der Bernburger Straße, auch er in Grund- und Aufriss reine Geometrie. Mit dem Architekturmuseum in Frankfurt entwickelte er den Typus des kubischen Museumsgebäudes, den er für den Erweiterungsbau der Hamburger Kunsthalle variierte und dann für das Wallraf-Richartz-Museum in dem zur Heimatstadt gewordenen Köln fortführte. Jedes Mal mit den gleichen Problemen bei den Treppenhäusern, die sich dem strikten Quadrat eben doch nicht fügen und zumal in Frankfurt an den Notausgang eines Parkhauses denken lassen.

"Architektur, die nur funktioniert, ist trivial"

"Seine Architektur, die auf jede Art von Schmuck und Dekoration verzichtet, besitzt eine Wesentlichkeit, der nichts ferner steht als das Streben nach Zerstreuung", hat ein bedeutender italienischer Kritiker über Ungers geurteilt, und es ist kein Wunder, dass Ungers gerade in Italien mit seinem rationalismo viele Anhänger fand. Hiesige Kritiker sahen eher eine gewisse Erstarrung in Ungers' Denken, eine Dogmatik, die dann beim Pergamon-Museum tatsächlich unschön zutage tritt, weil sie einen harmonischen Verbund mit dem vorhandenen Bauwerk von Messel und Hoffmann nicht mehr hinkriegt. Dass er keine Kompromisse kenne, hat Ungers bestritten und darauf verwiesen, dass er jedes Gebäude aus seinem jeweiligen Kontext heraus entwickele. Aber wenn es sich dann so streng und starr erhebt wie die Residenz der deutschen Botschaft in Washington auf einer Anhöhe, dann kann es den Betrachter schon mal frösteln.

"Architektur, die nur funktioniert, ist trivial", hat Ungers einmal den von ihm befehdeten Funktionalisten voller Verachtung entgegengeworfen, und damit gemeint, dass der bloße Zweckbau der Idee entbehrt, die er, Bewunderer Platons, als gegeben ansah und der er nur zur Erscheinung verhelfen musste. Dass er ein großer Theoretiker der Architektur war, bezeugen alle, die ihn gekannt haben; dafür stand der allseits bewunderte Bibliotheks-Kubus, den er im Garten seines Privathauses errichtete, mit einer der besten Büchersammlungen zur Geschichte der Architektur. Dort, in Gesellschaft der großen Geister, verortete er sich selbst.

"Ich wollte sehen, inwieweit Architektur in der Lage ist, abstrakt zu sein", hat er einmal gesagt; ein bezeichnendes Wort, denn die Abstraktion, die er erstrebte, war nicht nur eine Abstraktion der Formen, sondern auch eine vom lebendigen Inhalt des Bauens. Das ist sicher ein Grund, warum es nach seinem Tod um ihn und sein Bauen still geworden ist. Am Sonntag wäre Oswald Mathias Ungers, gleichwohl einer der Großen seiner Zunft, 100 Jahre alt geworden.