Mit seinem Essay "The Painted Protest" im "Harper’s Magazine" löste Dean Kissick Ende 2024 eine der heftigsten Kunstdiskussion seit Jahren aus. Darin erklärte der Kritiker die Ära der politisch-didaktischen Kunst für erschöpft und sehnte sich zurück nach einer Zeit, die gerade mal ein Jahrzehnt zurückliegt: Die Kunstwelt erschien als "Raum des Spektakels und der Innovation", als Ort, an dem ausgelotet wurde, "wie es sich anfühlt, in diesem seltsamen neuen Jahrhundert zu leben". Künstler galten dabei als Forscher ohne Ergebniszwang – ausgestattet mit der "Freiheit absoluter Zwecklosigkeit".
Thomas Zipp erscheint im Rückblick wie ein Paradebeispiel für diesen Künstlertypus: Betrat man eine seiner Installationen, in denen er Malerei, Objekte, Skulpturen, Performance und Livemusik zusammenbrachte, fühlte man sich wie in einer Versuchsanordnung, und es war oft nicht klar, ob man selbst das Versuchskaninchen, ein Patient oder ein verrückter, autoritärer Wissenschaftler war. "Thomas Zipp verlagert die Ideen deutscher Gelehrsamkeit und die Kunst der Avantgarde in eine finstere Parallelwelt", schrieb der Kurator Veit Loers einmal in Monopol.
Wer etwa Zipps Installation "Vergleichende Untersuchung zur Verteilung der Kreisbreite" 2013 im Begleitprogramm der Venedig-Biennale gesehen hat, wird sie nicht vergessen haben. Man betrat die von der Kai 10 / Arthena Foundation im Palazzo Rossini organisierte Ausstellung wie eine verlassene Psychiatrie, in der die Ärzte nicht unbedingt zum Wohl der Patienten forschen: Empfang, Direktorenzimmer, Schlafsaal und Gummizelle wirkten wie gerade hektisch verlassen, wie auf der Flucht vor endlich Gerechtigkeit bringenden Befreiern. Die beklemmende Inszenierung erinnerte an Reportagen von Psychiatrie-Einrichtungen im Ostblock, deren Verwahrlosung und bloße Verwaltung von Patienten westliche Fernsehteams dokumentierten.
Zipp als Prof: "Die guten Sachen sehen und fördern"
Malerei fügte sich bei Zipp nahtlos in seine Raumensembles ein, ohne die Inszenierung zu stören. Die erdrückende Stimmung hielt an, und der Besucher spürte niemals das erleichternde Bewusstsein: "Es ist nur eine Ausstellung." Die Bilder wurden wie Büsten und andere Skulpturen zum Inventar, in ihnen verdichtete sich das Gefühl von Entfremdung noch. Im Irrenhaus des Palazzo Rossinis etwa stand eine große Büste mit spitzem Beuys-Gesicht, auf deren Sockel das Wort "Pattex" stand. Ein Bildnis des Gründers? Des Direktors? Und wieso "Pattex"?
Der 1966 im südhessischen Heppenheim geborene Thomas Zipp wollte nach dem Abitur selbst Arzt werden: Ihn habe plastische Chirurgie und auch Pharmazie interessiert, erzählte der Künstler im September vergangenen Jahres der Monopol-Redakteurin Silke Hohmann im Podcast des Berliner Gallery Weekends. Dann sei ihm das aber doch "zu eng" vorgekommen und er studierte von 1992 bis 1998 an der Frankfurter Städelschule, mit einem Zwischenaufenthalt in der Slade School of Fine Art in London. Aktionskünstler Hermann Nitsch war sein erster Professor am Städel. Aber "beim Nitsch war es total langweilig. Wir mussten immer im Schneidersitz hocken und Gustav Mahlers Fünfte hören, die hatte ich aber zu Hause auch. Genau dieselbe Schallplatte. Da durfte auch keiner einen Mucks machen. Das war ein bisschen so: Er der Chef und wir seine Jünger. Dann dachte ich: Nichts wie weg!"
Er wechselte zu Thomas Bayrle – "und es war traumhaft". "Thomas ist ein sehr offener Mensch und kann sich auf alle möglichen Positionen einlassen", erzählte Zipp, der selbst in Karlsruhe, Wien und seit 2008 an der Universität der Künste in Berlin lehrte. "Rückgrat stärken, Mut machen, die guten Sachen sehen und fördern – das fand ich optimal. Und so versuche ich es auch." Zu seinen Studentinnen gehörten etwa die Künstlerinnen Mary-Audrey Ramirez und Okka-Esther Hungerbühler.
Rasende Querverweise
Als Professor versuchte er, was er auch in seinen Ausstellungen wollte: hierarchiefreie Räume schaffen, in denen man versuchsweise mehrere Rollen ausprobieren kann, ob Ärztin, Patient, Künstlerin, Betrachter, Musikerin, Zuhörer. Überraschenderweise sah Thomas Zipp selbst seine Laboratorien viel weniger unheimlich, als sie auf viele wirkten. Für den Künstler boten sie die Möglichkeit, Dinge zusammenzudenken, die auf den ersten Blick nicht zusammengehörten. Da raste dann etwa ein Spielzeug-Rennwagen auf einer Carrera-Bahn von einem Bild über eine Skulptur hin zu einem anderen Gemälde und verband ein Verweis auf Guy Debord mit einem weiteren auf die Kernphysikerin Lise Meitner.
Die Ideen in den Raum bringen – so könnte man die Zipp-Methode beschreiben. Der Künstler baute als Student Modelle für Architekturbüros, und auch seine Werke und Ausstellungen waren Modelle, Verdinglichung einer freien, assoziativen und tatsächlich optimistischen Art zu denken und Schlüsse zu ziehen. Schaufenster-, Reanimations- und andere Puppen spielten dabei immer wieder eine Rolle; sie standen für den Faktor Mensch in den Entwürfen. Denn in fast jedem Interview betonte Thomas Zipp, dass es ihm um nicht weniger als um "die Gesellschaft" ging – mag die Kunst auch noch so abgefahren wirken. Ein bisschen war es, als baute sich dieser Künstler eigene Institutionen, um gegen sie zu rebellieren. Es kam dabei viel aus dem Geist des Punk, den er schon als Student mit seiner Band aufgesogen hatte.
Es ist bezeichnend, dass Thomas Zipp in über 35 Jahren Karriere, trotz zahlreicher Galerienausstellungen – darunter bei Maschenmode/Guido W. Baudach, Krinzinger, Alison Jacques Gallery, Patrick Painter Inc. und zuletzt Barbara Thumm – vergleichsweise wenige institutionelle Einzelausstellungen und Auszeichnungen erhalten hat. 2007 zeigte die Kunsthalle Mannheim sein Werk, 2010 das Fridericianum in Kassel, 2017 die Overbeck Gesellschaft in Lübeck.
Auf der "Via Sacra der Visionen"
Vielleicht lag es tatsächlich an dem Wandel, den Dean Kissick beschreibt: dass Kunst, die so offen und exzessiv alle möglichen Themen an die Oberfläche wirbelt und Fäden nicht zusammenführt, heute verstörend wirkt. Dass solche künstlerische Selbstermächtigung zu sehr nach mittlerweile verpönter Geniearbeit aussieht, statt nach "individueller Mythologie". Dieser von Kurator Harald Szeemann geprägte Begriff ging mit einer Aufwertung von "Spinnern und Denkern", wie er es nannte, und lässt sich gut auf die Zipp-Kunst anwenden. Eine Kunst, die heute seltener geworden ist und die Loers 2008 in seinem Monopol-Essay so beschrieb: "Die Rolle der Kunst, das entnimmt man auch den räumlichen Lehrbildern von Thomas Zipp, ist die Via Sacra der Visionen, aber auch die der visionären Irrwege. Und zwar deshalb, weil man nicht sicher sein kann, ob das Verrücktsein nicht ein Hingerücktsein an die ursprünglichen Ziele der menschlichen Bestimmung darstellt."
Am Karfreitag ist Thomas Zipp, dieser extrem talentierte Spinner und Denker, plötzlich an den Folgen einer Aneurysmablutung verstorben.