Am Schluss hätte er auf sein Lebenswerk schauen und sagen können, es sei wohl getan. Das Archiv der Avantgarden, untergebracht in einem spektakulär ausgebauten Gebäude am neustädtischen Ende der Augustusbrücke in Dresden, nimmt die bald anderthalb Millionen Dokumente auf, die er im Laufe von knapp einem halben Jahrhundert gesammelt hat, und – dies vor allem – erschließt sie nach und nach in Ausstellungen und Publikationen. Egidio Marzona hat, was zuvor in Kisten und Kartons auf verschiedene Örtlichkeiten verteilt lagerte, in das Archiv gegeben, er hat es damit überhaupt möglich gemacht. Es ist, alles in allem, sein Lebenswerk.
Erst nach und nach erkennt eine staunende Öffentlichkeit, was für ein Schatz das ist, all die vielfach ganz unscheinbaren Zettel und Einladungskarten, Pamphlete und schnell gedruckten Kunstzeitungen, all das, was Künstler und Galeristen quasi nebenbei produziert haben und was doch unabdingbarer Bestandteil der Kunst der Moderne ist, der Marzonas Interesse galt.
Geboren 1944 als Sproß einer aus Italien zugewanderten und wohlhabend gewordenen Familie von Ingenieuren und Unternehmern in der Textilstadt Bielefeld, wandte er sich früh der Kunst zu. Im Ostwestfälischen eröffnete er 1972 eine Galerie, ein paar Jahre darauf den Verlag Edition Marzona. Da begeisterte er sich unter anderem für die Fotografie der Zwischenkriegszeit, die damals noch längst nicht als museumswürdig erkannt war, und publizierte in schmalen, nobel gestalteten schwarzen Bänden, was später zum Kernbestand einschlägiger Ausstellungen etwa des Bauhauses wurde.
SKD unter Marion Ackermann boten gleich ein eigenes Haus
Vor allem aber begann er zu sammeln – gerade auch das, was andere nicht für bewahrenswert hielten. Er hob es nicht nur auf, sondern gab ihm die gleiche Behandlung wie den Kunstwerken, die er quasi als Dreingabe sammelte. Zuallererst von jener Kunst, deren Zeitgenosse er war, der Kunst der 1960er-Jahre mit stark US-amerikanischem Einschlag, aber gleichwohl europäischer Verbreitung. Von Conceptual oder Land Art sprachen nur Eingeweihte, kaum mehr von der Arte Povera, aber Marzona erkannte augenblicklich ihre bleibende Bedeutung. Und die ihres meist papiernen Beiwerks, das ja oft genug an die Stelle der nicht physisch vorhandenen, sondern geistig vorgestellten Kunstwerke trat. Er kannte alle und alles, die Künstler und ihre Schöpfungen. Und ihre Galeristen gleich mit, die, wie Konrad Fischer in Düsseldorf, seine Anreger und Gesprächspartner wurden.
Die Sammlung von Archivalien wuchs. Marzona kaufte Bestände und ganze Nachlässe auf, und wie bei allen Sammlungen drängte sich die Frage auf, wo ihr endgültiger Ort sein sollte. Marzona lebte da längst in Berlin – sofern er nicht auf seinem Landsitz im Friaul, gastfreundlich wie er war, Besucher bewirtete. In Villa di Verzegnis, der Heimat väterlicherseits, richtete er einen Skulpturenpark ein, mit Werken von Richard Long, Sol LeWitt oder Carl Andre, den Helden seiner Anfangszeit.
Mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem neugegründeten Hamburger Bahnhof war er im Gespräch, das führte 2002 zu einer Überlassung von Teilbeständen teils qua Schenkung, teils qua Verkauf. Auch wenn den ersten 600 Kunst-Objekten im Jahr 2014 weitere 372 folgten, wurde es keine beiderseits beglückende Liaison, so viel muss man wohl sagen. Natürlich sprach sich das herum, und dann war es Dresden, waren es die Staatlichen Kunstsammlungen unter Leitung von Marion Ackermann, die groß dachten und 2016 nicht nur ein Eckchen im Museum, sondern gleich ein eigenes Haus offerierten.
Was die Forschung ihm zu verdanken hat, enthüllt sich erst nach und nach
Das musste erst noch gebaut werden, beziehungsweise es gab die Hülle des barocken "Blockhauses" am Neustädter Brückenkopf, das in der DDR die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft beherbergt hatte. Im Inneren musste alles neu erstehen. Es wurde, und zwar nach Entwurf des renommierten Architekturbüros Nieto Sobejano – für den Freistaat Sachsen eine große Leistung. Vor zwei Jahren feierte Dresden die Eröffnung, bald darauf wurde das Archiv von den deutschen Kunstkritikern der Aica zum "Museum des Jahres" gekürt. Dass zum selben Zeitpunkt, da alles geordnet war, Egidios Sohn Daniel überraschend verstarb, der sich mehr und mehr um die Sammlung kümmerte, hat der Vater kaum verwinden können.
Zu dieser Zeit hatte er bereits ein weiteres Projekt in Angriff genommen. 2018 gründete er die "Marzona Stiftung Neue Saalecker Werkstätten" in Naumburg an der Saale. Die von der Stiftung getragene Design Akademie Saaleck (DAS) übernahm das von dem NS-Vordenker Paul Schultze-Naumburg errichtete Haus der einstigen Saalecker Werkstätten, um dort das Stipendienprogramm der Design-Akademie zu beherbergen. Der weitläufige Komplex, idyllisch hoch über der Saale gelegen, wird nach Entwurf der vielgefragten dänischen Architektin Dorte Mandrup saniert, auch, um es nicht zu einem Wallfahrtsort der Ultrarechten werden zu lassen.
Marzonas Sammlung jedenfalls kam nach Dresden. Auch da lief nicht alles nach des Sammlers Wünschen, obwohl man sich kaum vorstellen kann, mit diesem niemals auftrumpfenden, immer freundlichen und stets mit einer Künstleranekdote aufwartenden Mann jemals im Dissens zu sein. Aber der passionierte Sammler hatte seine Vorstellungen, und hätte er sie nicht gehabt, er wäre eben nicht der passionierte Sammler gewesen, der er war. Doch wie es im ersten Katalog zur Sammlung des großen Peter Ludwig im Jahr 1969 geschrieben steht: "Der Sammler geht voran."
Egidio Marzona ging voran. Was die kunsthistorische Forschung ihm zu verdanken hat, enthüllt sich erst nach und nach, mit der Sichtung seiner Kartons und Boxen und Ordner. Es ist noch kaum zu ermessen; die ersten Ausstellungen des Dresdner Archivs gaben der Öffentlichkeit bereits einen überwältigenden Eindruck. Am Sonntag ist Marzona 82-jährig gestorben, im Kreis seiner Familie. Seine Sammlung wird bleiben.