Zum Tod von Arnulf Rainer

Gegen das Bild, gegen die Milde

Arnulf Rainers Kunst lebte vom Widerstand, von Übermalung, Auslöschung und körperlicher Geste – und endete konsequent dort, wo andere noch einmal versöhnlich ansetzen. Zum Tod einer Jahrhundertfigur

Viele Künstler werden, wie viele andere Menschen auch, im Alter milde. Die Lebenserfahrung bringt sie dazu, die Welt gelassener zu sehen. Es gibt Ausnahmen. Picasso wurde wahrlich nicht altersmilde, nicht in seiner Kunst. Arnulf Rainer entging dem Dilemma. Er hörte einfach auf, künstlerisch tätig zu sein, und verlegte sich aufs Lesen.

Da war er aber schon sehr alt und blickte auf ein Lebenswerk zurück, dem es an Energie, an Kraft und Rohheit nicht mangelte. Er wollte es dabei belassen, es nicht durch altersmilde Spätwerke verwässern. Er konnte nun wie ein Außenstehender auf sein Werk blicken, retrospektiv, zumal er inzwischen ein eigenes Museum bekommen hatte, in Baden bei Wien.

Dort ist Arnulf Rainer 1929 zur Welt gekommen. Baden ist ein besserer Vorort, mit der Hauptstadt verbunden durch eine eigene Lokalbahn; man fährt im Viertelstundentakt hin und her. Rainer musste erst nach Villach gehen, um auf Wunsch der Eltern auf Bauingenieur zu studieren, aber kam 1949 dann doch nach Wien. Nacheinander ging er an beide Kunstakademien, zuerst die für angewandte Kunst, dann die "eigentliche" Kunstakademie; aus beiden ging oder flog er nach Tagen wieder hinaus, weil er sich dem geforderten Lehrprogramm nicht fügen wollte. So war Rainer schon mit knapp 20 ein, wenn man so will, fertiger, wenn auch brotloser Künstler.

Widerstand, Widerspruch, Ablehnung

Sein künstlerischer Weg blieb bestimmt von Widerstand, Widerspruch, Ablehnung, von Skandalen wie dem in Wolfsburg, wo er ein fremdes Gemälde übermalte und mit der Justiz in Kontakt geriet. Das war 1961, da war er fast schon berühmt; es waren eben die Übermalungen, die ihn  bekannt gemacht hatten und die nach und nach als eigenständige Leistung erkennt und anerkannt wurden.

Rainer war Anfang der 1950er-Jahre mit dem Informel in Berührung geraten, aber selbst nicht in dieser Weise gearbeitet. Obwohl – seine Übermalungen, die er im Laufe der folgenden Jahre entwickelte, haben im Gestus und in der radikalen, nicht mehr korrigierbaren Ausführung viel vom Informel aufgenommen, ohne je in dessen gefällige Spätphase einzumünden. Früh hatte er seine Anti-Position in dem Manifest "Malerei um die Malerei zu verlassen" (genau: ohne das grammatikalisch gebotene Komma) dargelegt. Von nachhaltigem Einfluss wurde die Begegnung mit der Art brut, der – vermeintlich "rohen" – Kunst der Nichtkünstler, die damals in Frankreich viel beachtet und ausgestellt wurde.

Mit den Übermalungen fand er zu seiner eigenen Formensprache. Am eindrücklichsten gerieten ihm die Übermalungen von Fotografien seiner selbst; wie Auslöschungen der eigenen Existenz, die sich zugleich im Malakt neu erschafft. Die Gewalt der Pinselhiebe richtete sich gegen das vorhandene Bild und den oder das es darstellte, anders als beim zeitgleichen Wiener Aktionismus, mit dem ihn die aktionistische Geste verband, jedoch nie gegen reale Personen, auch nicht gegen die eigene. Dass er zeitweilig unter Alkohol- und Drogeneinfluss malte, sollte ihm die Ausweitung seiner künstlerischen Mittel ermöglichen. "Es kommt mir lediglich auf die physisch-körperliche Expression an", grenzte er sich gegenüber den international stark wahrgenommenen Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch oder Günter Brus ab.

Vom Uni-Abbrecher zum Professor

Unter Künstlerkollegen erwarb er sich früh Respekt und Anerkennung; so stellten ihm Größen wie Sam Francis oder Emilio Vedova schon seit Ende der 1950er-Jahre eigene Arbeiten zur Übermalung zur Verfügung. Später arbeitete sich Rainer dann an fotografischen Vorlagen von Arbeiten historischer Größen wie Gustave Doré oder dem in Österreich hochgeschätzten Franz Xaver Messerschmidt und dessen Darstellungen von, wie er sie nannte, "Charakterköpfen" ab.

Öffentliche Anerkennung folgte, von ihm anfangs abgewehrt, dann aber doch gerne angenommen; sei es die Bestimmung zur Vertretung Österreichs bei der Biennale von Venedig 1978 und noch im selben Jahr die Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises. Dass er 1981 zum Professor an der Wiener Akademie berufen wurde, die er selbst nur wenige Tage von innen gesehen hatte, ist eine besondere Pointe. 

1982 machte er mit seinem Zyklus von Übermalungen von Fotografien des atombombenzerstörten Hiroshima Furore. Man erkannte, dass Rainers Vorgehen eben nicht destruktiv war, sondern das zerstörerische Potenzial sichtbar machte, das zuvor schon vorhanden war. Und man erinnerte sich, dass der Zehnjährige den Zweite Weltkrieg hatte erleben müssen, der zum Schluss auch Wien erreichte, mitsamt verheerenden Bombardements in der Innenstadt. Davon war lange nicht die Rede, und gerade in Österreich wurde jahrzehntelang verdrängt, was zu diesem Krieg geführt hatte. 

"Ich bemale, übermale oder zermale"

"Ich male nicht, sondern ich bemale, übermale oder zermale, das heißt, ich brauche einen Auslösefaktor, etwas Existierendes, das ich bestalte", hat Rainer seine Übermalungen erklärt. Darin  erschöpft sich sein Werk jedoch nicht. Er malte auch mit der bloßen Hand oder hieb mit dem Pinsel, als kämpfte er mit der nackten Leinwand. Rot in allen Tönungen wurde seine bevorzugte Farbe, die Nähe zu der des Blutes war ihm wohl bewusst. Zumal in den Übermalungen von Kreuzen oder gar der Kreuzform von shaped canvases wurde die Nähe zu religiösen Themen deutlich, die ihn bewegten. "Der Akt des Schaffens ist vielleicht wichtiger als die vollendete Arbeit", zitiert ihn seine Galerie Thaddaeus Ropac, "denn diese fortschreitende Beteiligung an der Verdunkelung oder Verhüllung des Gemäldes, seine allmähliche Rückkehr zu Frieden und Unsichtbarkeit könnte mit der kontemplativen Erfahrung des religiösen Lebens verglichen werden."

1994 drang ein bis heute unbekannter Täter in Rainers Atelier in der Wiener Akademie ein und übermalte seinerseits die dort befindlichen Werke, 26 an der Zahl. Der Überfall bestärkte Rainer darin, bald darauf seine Professur aufzugeben. Altersmilde wurde er darum nicht. 2009 eröffnete seiner Heimatstadt Baden ein eigenes Arnulf-Rainer-Museum in einem umgebauten Badehaus des ehrwürdigen Kurortes. Da hatte der Künstler mit dem Malen bereits aufgehört. Nun ist er, wie seine Galerie Thaddaeus Ropac am Sonntag bekanntgab, am 18. Dezember 96-jährig gestorben. Er war eine Jahrhundertfigur, und nicht nur für die Kunst Österreichs.