Es gibt Nachrichten, die hinterlassen einen sprachlos. Die vom Tod Henrike Naumanns ist eine davon. Haben wir uns nicht im Sommer noch getroffen, auf einer Ausstellung, sie schob den Kinderwagen ihrer kleinen Tochter? Was plante sie wohl, diese so begabte Künstlerin, für ihren Auftritt gemeinsam mit Sung Tieu im deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale im Mai, das hätte man gerne gewusst.
Nicht eine Sekunde hätte man daran gedacht, dass diese freundliche, so unglaublich kluge und aufrichtige Künstlerin die Eröffnung dieser Biennale nicht mehr erleben würde. Bis Sonntagabend die Mail im Postfach war, die die Nachricht überbrachte: Henrike Naumann ist am 14. Februar in Berlin verstorben, nach einer viel zu spät diagnostizierten Krebserkrankung. "Bis zuletzt hat sie Objekte arrangiert, um ihr Herzensprojekt, den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, zu produzieren und umzusetzen. Die Ausstellung in Venedig wurde und wird so umgesetzt, wie ihre Laufbahn begonnen hat: als Gemeinschaftsprojekt, angeleitet durch Henrikes künstlerische Vision", so heißt es in der von der Familie unterschriebenen Mail.
Geboren wurde sie 1984 in Zwickau, in einem Land, das es heute nicht mehr gibt. Und die Verwerfungen der Wiedervereinigung wurden zu einem der großen Themen ihrer Kunst. "Als ich mit meiner künstlerischen Arbeit anfing, wurde ich oft gefragt, warum ich mich mit einer Sache beschäftige, an die ich doch eigentlich gar keine Erinnerung habe und die doch wirklich schon aus, vorbei und abgehakt ist. Doch mittlerweile ist deutlich, dass mehrere Generationen DDR die Menschen geprägt haben. Und die Erfahrung, dass im Jahr 1990 von einem Tag auf den anderen alles vorbei, abgewickelt, widerlegt sein sollte, hat bei vielen Menschen eine Leerstelle hinterlassen. Ich bin froh, mit meiner Arbeit einen neuen Blick auf die 'zuckende Leiche DDR', wie es der Künstler Wilhelm Klotzek mal in einem Gedicht formulierte, werfen zu können", sagte sie 2019 im Monopol-Interview. In einer Ausstellung beschäftigte sie sich damals mit ihrem Großvater, dem Künstler Karl Heinz Jakob, der zu DDR-Zeiten recht erfolgreich war und danach weitgehend vergessen wurde.
Archäologie der jüngsten Vergangenheit
Naumanns Blick auf die DDR war niemals nostalgisch, sondern vielmehr analytisch und ästhetisch. Sie hatte Bühnen- und Kostümbild in Dresden und Szenografie in Babelsberg studiert, und das sah man ihren Installationen an, die mit gefundenen Möbeln und Einrichtungsgegenständen arbeiteten und komplette Räume entstehen ließen. In ihren bühnenbildartigen Settings aus billigen 90er-Jahre-Möbeln, wie sie nach der Wende den Ostmarkt überschwemmten, wurde klar, dass der West-Kapitalismus allein schon wegen des schlechten Designs seiner Produkte eine Zumutung war.
Doch im Kern ihrer Arbeit steckte immer politische Reflexion. Die Enttarnung der rechtsradikalen NSU nannte Naumann als eine ihrer prägenden Erfahrungen, ihre Diplomarbeit handelte von dem Entstehen dieser Terrorgruppe, und auch später war Rechtsradikalismus immer wieder ihr Thema. Henrike Naumann machte die Verbindung von Räumen, Möbeln, Gestaltung und Politik sichtbar, auch in ihrer ersten, vielbeachteten Ausstellung im SculptureCenter in New York, in der sie sich mit der Rolle beschäftigte, die die Möbel beim Sturm auf das US-Kapitol in Washington 2021 gespielt haben. 2023 brachte sie ihre Teilnahme an der Kyiv Biennale auf das Thema Kunst und Krieg. "Als Künstlerin ist alles politisch, jede Entscheidung, die ich treffe", sagte sie im gleichen Jahr in einem Interview. Sie wolle mit ihrer Arbeit Räume für Diskussionen schaffen, die woanders nicht möglich seien.
Sie betreibe eine Archäologie der jüngsten Vergangenheit, so hat Naumann es selbst gern formuliert. Ihre Stimme war einzigartig in der deutschen und internationalen Kunstszene, sie wurde dringend gebraucht. Dass sie nun fehlt, bleibt unfassbar.