ASMR und Materialität in der Kunst

Ist unser Fingerspitzengefühl ins Auge gewandert?

Münder verspeisen geräuschvoll glibberige Süßigkeiten, Mädchenhintern versinken in Sahnetorte: Was früher als Fetisch im Verborgenen blieb, befriedigt heute Millionen User auf Social Media. Ein Erklärungsversuch über taktiles Sehen im Digitalen

Eine 'Useless Machine' ist ein mysteriöses Holzkästchen, das bis auf einen kleinen Metall-Kippschalter an seiner schmucklosen Oberfläche keine weiteren Merkmale aufweist. Betätigt man diesen Schalter, so öffnet sich ein Schlitz, durch den surrend ein kleiner Plastikfinger hervorkriecht, den Schalter auf seine Aus-Position zurückschiebt, um sogleich wieder im Inneren der Box zu verschwinden.

Es war ein Kognitions- und Computerwissenschaftler, der das skurrile Gerät in den 1950er-Jahren erfand: Marvin Minsky, Pionier auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und Mitbegründer des KI-Labors am Massachusetts Institute of Technology. Mit dieser Anekdote aus der Frühzeit des KI-Zeitalters möchte ich folgenden Punkt machen: Menschen drücken gerne Knöpfe. Und dieses Bedürfnis besteht auch dann fort, wenn jene aus unseren Mensch-Maschine-Schnitttstellen verschwinden. 

Natürlich betätigen wir als Bewohnerinnen und Bewohner digitalisierter Welten auch heute noch täglich Knöpfe. Zum Beispiel "Like-Buttons", über die Adam Alter in "Irresistible. The Rise of Addictive Technology and the Business of Keeping Us Hooked" viel zu sagen hat. Aber wirklich gedrückt wird in der rein audiovisuellen Sphäre digitaler Lebenswelten nichts mehr. Und so befriedigt sich die menschliche Lust am Taktilen, am sanften Nachgeben und belohnenden Aufleuchten eines altmodischen Fahrstuhlknopfes etwa, stellvertretend in Silikon-Handyhüllen mit eindrückbaren Noppen, wie man sie zum Beispiel bei H&M und in den Händen von Teenagern findet. Ein verwandtes Bedürfnis befriedigt ein jüngstes Phänomen der digitalen Kultur. Und dieses ist so merkwürdig, dass selbst der Internetcommunity nichts Besseres einfiel als die Bezeichnung "oddly satisfying". 

Slimes und mampfende Nymphen

Dasselbe "Pop it!"-Noppendesign von den Handyhüllen begegnet mir wenig später auf einem Instagram-Account wieder, wo es genüsslich von einem hübschen Mädchenmund verspeist wird – vermutlich in einer Version aus bunter Schokolade. Auf dem Account @Jane.ASMR kann man dieselben himbeerroten Lippen (man sieht tatsächlich nur ihren Mund) minutenlang dabei beobachten, wie sie sich um regenbogenfarbene Klopse von der Konsistenz einer Kaltschaum-Matratze schließen, oder als Pritt-Stift daherkommende Hartgelatine snacken (begleitet von lauten Mundgeräuschen und einem gelegentlichen "Thumbs up"). 

Während solche Videos den Vorgang des Essens mit hochsensiblen Mikrophonen als audiovisuellen Thriller inszenieren, wälzen auf anderen ASMR-Kanälen Hände schaumige Massen, gelmanikürte Krallen graben sich schmatzend in Glitter-Glibber, oder zerbröseln grellbunte Puderwürfel zu Staub.

Interessanterweise straft der Trend – zu dem neben "Slimes" und dem koreanischen "Mukbang" eine ganze Reihe weiterer Genres gehört – alles Lügen, was wir über Social Media zu wissen glaubten. Die Videos sind lang, vorhersehbar, erzählen nichts und haben auch nichts mit "Food Porn" zu tun. Wem läuft schon angesichts eines Dreigängemenüs aus Tapiokaperlen, Honigwaben und Aloe-Vera-Ästen das Wasser im Munde zusammen? 


Meiner Ansicht nach spukt in dem zunächst auf YouTube und heute auch auf Instagram und TikTok florierenden Videogenre etwas vom Geist unserer digitalen Kultur – und zwar in Form eines eigentümlichen Erregungszustandes, der sich einstellt, wenn Finger, Lippen, oder Zähne mit glitschigen, schaumigen, pudrigen und anderen irgendwie reizvollen Materialitäten in Kontakt treten.

Das seltsam Befriedigende wurde 2013 zum Gegenstand eines Subreddits auf der Forenplattform Reddit und ist ein Musterbeispiel dafür, wie die soziotechnischen Umgebungen unserer Plattformen Aufmerksamkeit für ein Phänomen erzeugen können, das bisher nicht benannt, gesammelt oder gesellschaftlich diskutiert worden war.

Für den Befriedigungseffekt erfand die Internet-Community den pseudowissenschaftlichen Begriff "Auto Sensory Meridian Response" (ASMR), "a distinct static-like tingling sensation on the skin [...] most commonly triggered by specific auditory or visual stimuli" (Wikipedia). Inzwischen bieten spezialisierte ASMR-Creators in höchster Zuspitzung an, was auch immer ihre Followers "triggert". 

Reaktionen aus Kunst und Forschung

Für Außenstehende mag sich der von den Fans beschworene befriedigenden Schauder eher wie ein Kitzeln in den Zahnplomben anfühlen. Trotzdem schwappt das Phänomen derzeit in Werbung, Design und auch Kunst hinüber. So richtete Sotheby’s im März dieses Jahres die Auktion "Natively Digital: Oddly Satisfying" aus, zu deren Highlights die 3D-Animationen David McLeods und Manuel Rossners gehörten: schwitzend-schmelzende, farbexplosiv-schwellende CGI-Objekte im Limbo des Videoloops. Dass der Trend so erfolgreich im Kunstmarkt landen konnte, hat natürlich auch mit den NFTs zu tun. Besser denn ja lassen sich seither Videoloops als Kunstwerke verkaufen. 

Synergien des Internettrends mit Kunst und Design erschloss auch die Ausstellung "Weird Sensation Feels Good", die letztes Jahr durch Stockholm und London tourte. Sie zeigte neben den Smartphone-Hauthüllen Marc Teyssiers auch Werke von Wang & Söderström. Letzteres Künstler-Duo ersinnt Designs für eine digitalisierte Gegenwart, in der sich menschliche Sinnlichkeit nachhaltig verändere: "Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass die Hand immer weniger Platz in unserem Gehirn einnimmt. Forscher argumentieren, dass der Rückgang der taktilen Interaktion und der feinmotorischen Aktivitäten für die Hand unser Gehirn verändert."

Und an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe startete dieses Jahr ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Projekt, das von Social-Media-Trends wie ASMR Rückschlüsse auf die Idiosynkrasien digitaler Bilder zieht ("Designing Habits. Das digitale Bild als Anwendung"). 

Digitalkultur-Fieberkurve

Um zu verstehen, wie es zum Trend des "oddly satisfying" kommen konnte, hilft es, die Zeitgeist-Fieberkurve ein Stück weit zurückzuverfolgen. Dass das Internet Subkulturen marktrelevant gemacht hat, wissen wir, seit Chris Anderson dessen neue ökonomische Logik auf ein Modell brachte ("The Long Tail. Why the future of business is selling less of more", 2006). Ab 2010 etwa begann sich eine internetinspirierte Kunst für das bisher verborgen gebliebene gesellschaftliche Unbewusste zu faszinieren, das in den Fetisch-Communities des World Wide Web sichtbar wurde. Den Bodensatz dessen, was man in den Rabbit Holes des Internets so finden konnte, verwoben etwa Found-Footage-Sammler wie Jon Rafman zu verstörenden Stimmungsbildern. 

Inzwischen ist viel passiert. Auf die ersten Jahre ungezügelter Social-Media-Binges folgte eine Hangover-Phase – und mithin ein Aufklärungsschub. Millennials erkannten sich in den intimen Selbstethnographien von Autorinnen wie Melissa Broder und Sally Rooney wieder. Wir haben am eigenen Körper erfahren, dass Likes und Matches uns nicht sozialer, sondern viel eher zu Endorphin-Junkies machen. Und Neologismen wie ghosting, benching, und situationships haben die digital gestützte Beziehungsunfähigkeit auf diskutierbare Begriffe gebracht.

Bücher zu den Gefahren "problematischer Internetnutzung" wurden und werden geschrieben. Einer allgemeinen Regenerationsdynamik folgend ist "Achtsamkeit" in den letzten Jahren zum Gebot der Stunde geworden. Titel wie Brianna Wiests "When you’re ready, this is how you heal" in jeder Bahnhofsbuchhandlung, und Instagram versucht mir inzwischen neben Mode und Makeup-Tutorials vielfältigste Coaching-Angebote für körperliche und mentale Gesundheit zu verabreichen. So etwa könnte man die Vorgeschichte von "oddly satisfying" erzählen – der geglückten Synthese aus Kink und Selbsttherapie.

 

Sonderbare Neigungen, die in den 2010er-Jahren noch Schlagzeilen im Magazin "Vice" machten, haben sich in den 2020ern normalisiert. Der "Crushing Fetish" ist im "Unboxing-Video" salonfähig geworden, und der frühe Internet-Kink des "Cake Sitting" (Mädchenpopos versinken in Sahnetorten) ist als ASMR zu einem therapeutischen Tool geworden, mit dem selbst Krankenkassen wie Axa etwas anfangen können.

Unter dem Schlagwort "Self Care" stehen heute Formen der Selbstregulierung und des Self-Tracking hoch im Kurs. Es gilt, die Aufreibungseffekte digitaler Umgebungen abzufedern: Die deutsche werktätige Bevölkerung arbeitet länger, weil erreichbarer, und die Distanz zwischen (Home)-Office und Zuhause schwindet. Also sind wir gestresster und ausgelaugter und manch einer oder eine spielt zum "Runterkommen" vielleicht lieber "Candy Crush", als sich in eine weitere Kommunikationssituation hineinzubegeben. 

Dabei sind Introversion und Immersion laut psychologischer Studien durchaus ein valides Mittel, um den Stress des Arbeitstages zu verdauen. Wie Social-Media-Content oder Apps als Technologien der Selbstregulierung angewendet werden können, ist durchaus interessant. Zum Beispiel gelingt es erstaunlich gut, unseren Atem anhand eines orangenen Punktes zu regulieren, der langsam an- und abschwillt. Meditationsapps wie "Headspace" laden mit solch einfachen Animationen zur beruhigenden körperlichen Synchronisierung mit dem Smartphone ein.

Taktiles Sehen und die TV-Werbung der 90er

Doch muss uns bewusst sein, dass solche Apps (ebenso wie ASMR) letztlich Symptome physiologischer und emotionaler Dysregulation lindern, die erst durch das Leitmedium Smartphone zu Kulturkrankheiten werden konnten. Mit erhobenem Zeigefinger unsere habitualisierte Handynutzung zu rügen, bringt uns indessen auch nicht viel weiter. Fragen wir uns doch stattdessen lieber wertfrei, was die digitale Dominanz des Audiovisuellen eigentlich mit uns macht. Warum schaut sich ein Millionenpublikum heute "Slimes" an? 

Der Ferne-Sinn Sehen kann sich mit taktilen Impressionen mischen. Wie das zum Beispiel im Film funktioniert, hat die Medienwissenschaftlerin Laura Marks untersucht ("The Skin of the Film: Intercultural cinema, embodiment, and the senses", 2000). Marks erklärt, dass in der visuellen Wahrnehmung der gesamte Komplex des Sinnesgedächtnisses mitschwinge – einschließlich der taktilen, olfaktorischen und gustatorischen Funktionen. Mit dem ASMR-Phänomen selbst setzt sich der Wahrnehmungspsychologe Claus-Christian Carbon auseinander. Dieser spricht von der menschlichen Fähigkeit zur "multisensorischen Integration", welche Sinneseindrücke multisensorisch ergänze. 

Nass zischende Sprudelflaschen… Magnum-Models, die die dicke Schokoschicht des Eises am Stiel zwischen perfekt geschminkten Lippen zum Knacken bringen. Das Medium Film kann an Sinne appellieren, die es technisch eigentlich nicht wiedergeben kann. Bereits vor dem digitalen Zeitalter spitzte die TV-Werbung der 1990er das synästhetische Potential des Audiovisuellen in extrem verdichteten Spots zu.

Hochaufgelöst und optimal gesättigt

Dass TV-Werbung gerade in den 90ern so erfolgreich mit der Klaviatur unserer Sinne spielten konnte, war nicht zuletzt technologisch bedingt. Ab den 1980ern erreichten Endgeräte in deutschen Konsumentenhaushalten eine gewisse Qualitätsschwelle. Das ZDF begann 1981 als erster Fernsehsender in Europa mit der Ausstrahlung im Stereo-Ton. In den USA und Japan war bereits seit Ende der 1990er-Jahre digitales High Definition TV auf Sendung. 

Heute sickern kameravermittelte Erfahrungen hochaufgelöst und optimal gesättigt in unsere Welt hinein. Sie etablieren eine eigene Realität, die wir heute neben unseren Offline-Räumen bewohnen und an diese sich unsere Augen gewöhnen. Heute muss niemand mehr Baudrillard lesen, um die Verlockungen des "Hyperrealen" zu verstehen (wobei sich die Lektüre weiterhin lohnt).

"Oddly satisfying"-Videos schöpfen die Performanz der uns heute zur Verfügung stehenden Technologien maximal aus. Dabei geht es nicht mehr darum, dass wir uns ein Magnum-Eis kaufen oder den Sprudel von Gerolsteiner, der irgendwie nasser schmeckt als billiges Leitungswasser. In der heutigen Plattformökonomie geht es um Klicks, Followers und Watch Time. Apps wie "Tingles" bieten spezialisierten ASMR-Content als kostenpflichtiges Abonnement an.

Technologie, Plattformökonomie – und Ansteckung

Meine Annahme ist, dass unter den besonderen Bedingungen von HD-Technologien und den neuen plattformökonomischen Wertschöpfungsformaten die überdeterminierten audio-visuellen Reizen der TV-Werbung zu einem hochabstrahierten Format mutieren konnten, in dem nur noch der Nervenkitzel "haptischer Visualität" genossen wird. Zudem sind wir als Mediennutzerinnen Teil eines Feedbackloops, in dem Social Media – und die Menschen, die diese bewohnen – unsere Sinne und Sensibilitäten formen. "TikTok-Tourette" mag sich in als Phantomkrankheit erwiesen haben. Jetzt ist "Synesthesia TikTok" en vogue und spielt meinem Argument in die Hände.

"Scratching an itch you didn’t know you had" – so beschrieb die "New York Times"-Autorin Emily Matchar ihre erste Begegnung mit dem seltsam Befriedigenden. Um selbst zur Zielgruppe zu werden, reicht es aus, nur einmal den entsprechenden Vorschlägen des "Search & Explore"-Feeds zu folgen – jener Quelle neuer Abhängigkeiten, deren algorithmische Empfehlungs-Logik ein gut gehütetes Geheimnis unserer Social Media Plattformen bleibt. Aber wir können uns ja vorstellen, was passiert, wenn man eine juckende Stelle kratzt.