Über Generationen hing das verloren geglaubte Gemälde im Esszimmer einer großbürgerlichen Wohnung in Madrid. Dass es vom Barock-Titanen Michelangelo Merisi da Caravaggio stammte, ahnte niemand in der Familie. Sie hielt es für ein mittelmäßiges spanisches Bild aus der Schule von José de Ribera.
Als die letzte Besitzerin in ein kleineres Domizil umziehen musste, schlug ihre Nichte vor, es in eine Galerie einzuliefern. 2021 wurde dann das Motiv eines gegeißelten Jesus bei einer Kunstauktion beinahe für 1500 Euro als das Werk eines Caravaggio-Schülers verkauft. Internationale Kunsthändler bekamen Wind von dem möglichen sleeper - so die Bezeichnung für schlummernde, unterbewertete Meisterwerke - und boten erst 600.000 Euro, dann drei und schließlich zehn Millionen Euro.
Andere setzten im Auftrag der Familie eine Maschinerie aus Restauratoren, Provenienzforschern und Experten in Gang, um alle Zweifel aus dem Weg zu räumen. Weil etwa die Hände für Caravaggio zu schlecht gemalt waren, was an einer unsachgemäßen Restaurierung hätte liegen können, mussten hochprofessionelle Korrekturen Abhilfe schaffen.
Ein veritabler Kunst-Thriller
Schließlich stand fest, dass es sich um das verschollene "Ecce Homo" handelte, das Caravaggio Anfang des 17. Jahrhunderts in vierjähriger Arbeit erstellte - und das nun dem neuen Dokumentarfilm "Ecce Homo - Der verlorene Caravaggio" über die Ereignisse seinen Namen gibt. Bevor sich der Staat einschaltete und Behörden die Ausfuhr aufgrund eines Kulturgutschutzgesetzes verboten, ging man noch von einem Erlös von bis zu 200 Millionen Euro aus. Am Ende verkaufte sich das Bild für rund 30 Millionen Euro.
Regisseur Álvaro Longoria ist ein veritabler Kunst-Thriller zwischen London, Florenz, Rom, Neapel und Madrid gelungen. Getragen wird er von einer dramatischen Musikauswahl, die jede Etappe der Jagd nach der Sensation mit wachsender Spannung auflädt.
Erzählt wird der Fall von einer Gruppe erfolgreicher Kunsthändler, allen voran der mit dem Regisseur befreundete Spanier Jorge Coll, außerdem Filippo Benappi und Andrea Lullo. Das Trio hat beim Bieterwettstreit um "Ecce Homo" mitgemacht und verrät seine Vorgehensweise aus erster Hand. Dazu gesellen sich der CEO des Auktionshauses Ansorena in Madrid, renommierte Kunsthistoriker, die das aus ihrer Sicht rasante Tempo der Echtheitsüberprüfung bemängeln und einige führende Caravaggio-Kenner der Welt.
Ein Rockstar der Kunstgeschichte
Sie erklären seine Sonderstellung in der Kunstgeschichte entlang von Beispielen und lassen natürlich auch seine "Rockstarqualitäten" als Mörder und Flüchtling vor der Strafverfolgung nicht unerwähnt. Nicht zu vergessen treten einige Kunstsammler und Mitglieder der Besitzerfamilie auf, denen das Staunen über den "Zufallsfund" immer noch ins Gesicht geschrieben steht.
Longoria entführt das Kino-Publikum in wichtige Museen wie die Borghese-Galerie in Rom, den Prado in Madrid oder den Palazzo Bianco in Genua, um das motivische Spektrum von Caravaggio in elegischen, wenn auch kurzen Szenen aufzufächern. Dazwischen taucht er immer wieder in das Haifischbecken des kommerziellen Kunsthandels ein, das mit seinen gewinnorientierten Auktionshäusern und vorbildlich vernetzten, überwiegend männlichen Händlern das eigentliche Thema des Films ist. Letztere nehmen ihre lukrative Beute wie Wölfe ins Visier, entwickeln PR-Strategien und räumen die meisten Hindernisse aus dem Weg.
Über die Provisionen, die sie für den Verkauf an einen anonymen Sammler bekommen haben, herrscht Schweigen. Im Finale hängt der gesicherte Caravaggio in strahlendem Zustand im Prado, umringt von den selbstzufriedenen Wahrheitssuchern, die sich im Glanz eines Happy Ends sonnen.