Umstrittene Documenta-Werke

Das zweite Leben von "Guernica Gaza"

Mohammed Al Hawajri "Guernica Gaza", Installationsansicht Rotation31, Bad Hersfeld, 2025
Foto: Friedhelm Fett

Mohammed Al Hawajri "Guernica Gaza", Installationsansicht Rotation 31, Bad Hersfeld, 2025

Die Collagen-Serie "Guernica Gaza" gehörte zu den umstrittensten Werken der Documenta Fifteen. Nun tourt sie als klares politisches Statement durch Deutschland. Was sagt das über Kunstfreiheit und die Nahost-Debatte?

In der Fußgängerzone im osthessischen Bad Hersfeld muss man schon wissen, was man sucht. Zwischen beschaulichen Fachwerkhäuschen in unterschiedlichem Renovierungs-Zustand führt der Weg in einen Hinterhof mit Baustelle. Dort befindet sich in einer Remise die Galerie Rotation 31, die 2002 als Atelier- und Ausstellungsprojekt gegründet wurde und 2019 an ihren jetzigen Standort gezogen ist. Auch wenn Kassel mit dem Auto oder dem Regionalexpress nur eine knappe Stunde entfernt ist: Documenta-Kunst würde man hier nicht unbedingt erwarten.

Doch genau die ist derzeit in den ehemaligen Räumen einer Metzgerei anzutreffen. Und nicht nur das. Zu sehen ist eine Serie, die 2022 im Zuge der Antisemitismus-Debatte um die Documenta Fifteen zu den umstrittensten Werken zählte: "Guernica Gaza" von Mohammed Al Hawajri.

Kurze Erinnerung: Bei den Bildern des 1976 geborenen palästinensischen Künstlers (entstanden zwischen 2010 und 2013) handelt es sich um digitale Collagen, auf denen Szenen des Nahost-Konflikts in Klassiker der westeuropäischen Malereigeschichte montiert sind. Jean-François Millets ruhende Erntehelfer werden von schwer bewaffneten israelischen Soldaten bedroht, van Goghs "Kartoffelesser" speisen in einer Ruine vor den Trümmern einer brennenden Stadt, Chagalls Liebende schweben über der Sperrmauer zwischen Israel und der West Bank. Die Palästinenser sind in diesen Darstellungen die unbewaffneten friedlichen Bewohner, die Israelis die hochgerüsteten Aggressoren.

Für die einen Propaganda, für die anderen legitime Parteinahme

Auf der Documenta Fifteen waren fünf Werke der Serie am Standort Werner-Hilpert-Straße 22 ausgestellt. Die vom indonesischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa eingeladene palästinensische Gruppe The Question of Funding hatte wiederum den Künstlerzusammenschluss Eltiqa aus Gaza nach Kassel geholt: zu diesem gehört auch Mohammed Al Hawajri.

Die meisten Documenta-Gänger denken beim Kasseler Antisemitismus-Eklat wahrscheinlich an das Banner "People's Justice" von Taring Padi. Doch auch über "Guernica Gaza" wurde heftig diskutiert. Kritiker sahen darin antiisraelische Propaganda - und schon im Titel eine Gleichsetzung zwischen den israelischen Streitkräften und den Nazi-Truppen, die 1937 während des spanischen Bürgerkriegs Zivilisten in der baskischen Stadt Guernica töteten. Wer den Zyklus verteidigen wollte, verwies hingegen auf Picassos gleichnamiges Gemälde, das heute als universelles Plädoyer gegen Krieg gelesen wird, und sah die Bilder als legitime Parteinahme eines Betroffenen. 

Auch im Abschlussbericht des fachwissenschaftlichen Gremiums zur Documenta Fifteen nimmt das Werk einen prominenten Platz ein. Zwar sei die Serie nicht eindeutig antisemitisch, einige Elemente seien aber antisemitisch lesbar. Juristisch hatte die Kasseler Weltkunstschau bekanntermaßen keine Konsequenzen. Trotz mehrerer Anzeigen, unter anderem wegen Volksverhetzung, wurden keine Ermittlungen aufgenommen

Ganz anderer Kontext als bei der Weltkunstschau

Seit dem Sommer 2022 ist viel passiert - allem voran das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und der darauf folgende Gaza-Krieg mit inzwischen weit über 50.000 Toten. Die Fronten scheinen in Deutschland seitdem eher noch verhärteter als versöhnlicher. Und: "Guernica Gaza" hat ein "zweites Leben" bekommen, das die Werke nun auch in den Bad Hersfelder Hinterhof gebracht hat.

Nach der Documenta wurden neun Werke aus der Serie von Norman Paech erworben, seinen Angaben nach direkt beim Künstler. Der Käufer ist kein klassischer Sammler, dafür aber kein Unbekannter zum Thema Nahost. Paech ist Jurist, emeritierter Professor der Universität Hamburg und ehemaliger Bundestagsabgeordneter. Bis 2024 war er Mitglied der Linken. Ihm eine eindeutig israelkritische Haltung zu attestieren, ist noch vorsichtig formuliert. 2010 (also 15 Jahre vor Greta Thunberg) war er Teil einer "Gaza-Flotte" mit Hilfsgütern, die die Seeblockade des Küstenstreifens brechen wollte und von israelischen Sicherheitskräften gestürmt wurde. Dabei gab es mehrere Tote. 2025 veröffentlichte er als Co-Autor das Buch "Völkermord in Gaza", vom Staat Israel spricht er seit Jahren als "Apartheidsregime". Den 7. Oktober nannte er in einem Interview Teil eines Befreiungskampfes "des ganzen palästinensischen Volkes gegen jahrzehntelange Unterdrückung, Enteignung, Gewalt und Entwürdigung". 

In "Guernica Gaza" sieht Paech ein Plädoyer für Humanität, das nun "zur öffentlichen Diskussion" gezeigt werden solle. Den Antisemitismus-Vorwurf im Documenta-Abschlussbericht hält er auf Nachfrage für haltlos und ein Indiz für "die Provinzialität eines kleinbürgerlichen und eurozentrierten Kunstverständnisses". Seit dem Erwerb durch Paech waren die Bilder bereits mehrfach wieder in Deutschland zu sehen - diesmal ohne bundesweite Resonanz. Allerdings ist der Kontext ein ganz anderer als bei der öffentlich finanzierten Weltkunstschau, und auch die Reaktionen unterscheiden sich.

Politische Räume für die Kunst

Nicht nur sind die Ausstellungsorte viel kleiner, die Werke sind gewissermaßen auch aus dem Zentrum der Kunstwelt an die politischen Ränder gerückt. Bisher war die Serie in der Berliner Maigalerie der Tageszeitung "Junge Welt", im Kulturzentrum Oyoun in Neukölln, im Café BuchOase in der Documenta-Stadt Kassel und eben bei Rotation 31 in Bad Hersfeld zu sehen.

Dem Oyoun wurden 2024 vom Berliner Senat wegen des Vorwurfs des Antisemitismus die Fördergelder entzogen. Die Betreiber wehrten sich gegen die Anschuldigungen und erfuhren auch Solidarität aus Teilen der Kunstszene. Das Zeigen von "Guernica Gaza" spielte bei der öffentlichen Debatte um das Thema keine Rolle, war im Oyoun aber in einen klaren politischen Kontext eingebunden, der sich gegen die offizielle deutsche Israel-Solidarität richtete. Die "Junge Welt" wird vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft. Das Kasseler Café BuchOase positioniert sich propalästinensisch, legt in seiner Selbstbeschreibung aber Wert auf Dialog und Verständigung. In Bad Hersfeld tritt die Galerie Rotation 31 in der Reihe der Spielorte am moderierendsten auf. Man wolle "mit einer offenen kuratorischen Haltung" arbeiten und "Räume öffnen, in denen nicht Meinung, sondern Verständnis wachsen kann."

In jedem Fall aber hat sich die Rolle von "Guernica Gaza" verändert, und das in gleich mehrerer Hinsicht. Auch die Documenta Fifteen hat sich in Teilen aktivistisch positioniert, doch sie gab als größte Kunstinstitution des Landes einen Rahmen vor, in dem die gezeigten Werke erst einmal eine Offenheit für sich beanspruchen konnten. Außerdem stellten The Question of Funding durch ihre Einladung des Kollektivs Eltiqa auch die Frage, wie sich palästinensische Künstler finanzieren und welche internationalen Kollaborationen es mit einem Territorium unter Blockade gibt. Die Werke waren also durchaus auf verschiedenen Ebenen interpretierbar, was auch im Abschlussbericht zur Documenta anerkannt wird. 

Die Stimmung ändert sich

Auf der derzeitigen "Ausstellungstour" ist das anders, denn die Bilder gehen mit einem klar positionierten Absender und einem Auftrag auf Reisen. Systemtheoretisch könnte man sagen, dass sie die gesellschaftlichen Spielfelder gewechselt haben und nun eher zur politischen als zur künstlerischen Sphäre gehören. Sie sind mehr Illustration als eigenständiges Werk und fordern bewusst in einem deutschen Kontext die sogenannte Staatsräson heraus.

Aber auch die Realität hat sich verändert. Obwohl Al Hawajris Serie vor über zehn Jahren entstanden ist, ist es unmöglich, sie im Sommer 2025 anzuschauen, ohne sofort die aktuellen Bilder des Leids im Gazastreifen vor Augen zu haben. Sowohl Norman Paech als auch der Bad Hersfelder Galeriebetreiber Jürgen Lindhorst sagen, dass die Motive von "Guernica Gaza" im Vergleich zur derzeitigen Wirklichkeit "geradezu idyllisch" seien. Angesichts der humanitären Katastrophe, die sich quasi in Echtzeit in den klassischen Medien und auf Social Media verfolgen lässt, verschiebt sich auch die Stimmung in Deutschland. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage fordern inzwischen 74 Prozent der Bevölkerung einen härteren Kurs der Bundesregierung gegen Israel. 

Und so berichtet Norman Paech, dass die Reaktionen des Publikums, unterhalb des Radars der Kunstwelt, überwiegend positiv und die Diskussionen sachlich gewesen seien. Mit einer Ausnahme: Denn in Bochum wurde im September 2024 eine geplante Station von "Guernica Gaza" im Kulturzentrum Bahnhof Langendreer abgesagt, nachdem der Kulturdezernent der Stadt interveniert und die Ausstellung als "nicht angemessen" bezeichnet hatte. 

Chiffre für konträre Auffassungen

Dieser unterschiedliche Umgang mit der Serie verkompliziert also die Frage, was in Deutschland zum Thema Nahost zeig- und sagbar ist. Denn es wird deutlich, dass dieselben Bilder und Aussagen in unterschiedlichen Kontexten ganz verschiedene Wirkung entfalten. Dass es in der Debatte um die Documenta Fifteen nie nur um konkrete Werke ging. 

Al Hawajris Collagen sind vielleicht das prägnanteste Beispiel dafür, dass Elemente der Kasseler Schau heute als Chiffre für völlig konträre Auffassungen stehen und politisch in Stellung gebracht werden. Für die einen ist "Guernica Gaza" ein Symptom eines tendenziell antisemitischen Kulturbetriebs, für die anderen ein Werkzeug, um Solidarität mit den Palästinensern und einen Kurswechsel der deutschen Regierung einzufordern.

Was dabei bisher unterging, ist eine menschliche Frage: Was ist eigentlich mit den palästinensischen Künstlern passiert, die auf der Documenta ausgestellt haben? Zumindest im Fall von Mohammed Al Hawajri gibt es eine gute Nachricht. Sein Atelier in Gaza wurde zwar zerstört, er selbst ist nach Aussage der Ausstellungs-Organisatoren aber in Sicherheit. Laut Norman Paech hält er sich in Abu Dhabi auf.