"Glow Up"-Videos im Netz

Das digitale Märchen vom hässlichen Entlein

Vorher, nachher: Die sozialen Medien sind besessen von "Glow Up"-Videos, bei denen die vermeintliche Verschönerung einer Person dokumentiert wird
Foto: adelala / via Youtube

Vorher, nachher: Die sozialen Medien sind besessen von "Glow Up"-Videos, bei denen die vermeintliche Verschönerung einer Person dokumentiert wird

Die sozialen Medien sind voll von "Glow up"-Videos, auf denen vor allem junge Frauen ihr neues, schöneres Ich präsentieren. Wie durch einen Zaubertrick sind die Protagonistinnen plötzlich ideal - und bedienen damit uralte Stereotypen

Mit den Highschool-Filmen fing es an. Mit den Szenen, die eine junge Frau dabei zeigen, wie sie immer schöner (gemacht) wird. Eine "Glow Up"-Szene gehört so fest in das Repertoire des Genres wie die Liebschaft zwischen dem belesenen Mädchen und dem beliebten Sportler. Natürlich gibt es diese Szenen aber nicht nur in der Fiktion. In Klatsch-Magazinen werden Vorher-Nachher-Bilder nebeneinander gedruckt, Privatsender machen ganze Shows daraus, und bis heute bringt die Umstyling-Folge von "Germany´s Next Topmodel" der Sendung jährlich die höchste Einschaltquote.

Wir sind also von Heidi Klums misogynen Kommentaren und Filmszenen geprägt, in denen es reicht, dass die Hauptfigur ihre Brille absetzt, um ganz anders (nämlich nicht mehr wie eine Streberin, sondern wie ein It-Girl) auszusehen. Wir kennen das Narrativ, dass dick schlecht und dünn gut ist. Noch immer laufen Sendungen wie Vorher Nachher” (RTL), The Biggest Loser” (Sat 1) und Queer Eye” (Netflix, da sind die Experten zumindest ziemlich freundlich). 

Überall wird den Protagonistinnen durch ein Umstyling ein neues, und vor allem verbessertes Ich versprochen. Irgendetwas scheint uns an diesen Verwandlungen zu faszinieren. So sehr, dass Videos mit dem Hashtag #GlowUp Millionenfach auf Instagram und TikTok geklickt werden. Zu sehen sind darin zuerst vermeintlich unvorteilhafte Fotos, dann Bilder, die die Transformation zeigen. Die gleiche Person ist auf einmal viel dünner, hat glattere Haut, glänzendere Haare und schickere Kleidung. Manchmal kommt dazu ein Text, etwa The boy / girl nobody wanted”, gefolgt von A boy that wants nobody”, oder The girl nobody can reach"


Vorher also: eine Person, die nicht begehrenswert sein soll. Nach einer 180-Grad-Wende ändert sich auch das Mindset”. Statt nach Bewunderung und Begehren zu suchen, erkennt die Person, niemanden zu brauchen. Endlich gut zu sein. Sie weiß, sie hat es geschafft. Auf dem Weg scheint sie noch eine Portion Selbstliebe mit eingesammelt zu haben, jetzt, wo die Kleidergröße geschrumpft ist und ein paar Pickel verschwunden sind. 

Man könnte es als eine Form der Selbstermächtigung betrachten, dass sich die Protagonistinnen und Protagonisten der Videos das vielfach genutzt Schema früher hässlich, heute trotzdem schön” zueigen machen. Die "Nachher"-Personen haben wohl eine Menge in ihr neues Aussehen investiert: Disziplin, harte Arbeit am eigenen Körper, vielleicht Geld – vermutlich eine Mischung. 

Die Kuration der Bilder übernehmen sie selbst, ebenso die Entscheidung, wann das Ergebnis präsentabel ist. Was sie in den sozialen Medien zeigen, ist eine Performance der Verwandlung. Nur ohne das Dazwischen. Ohne den Schweiß, den Hunger und das Geld. Es ist wie ein Zaubertrick, die Veränderung entsteht nur durch einen schnellen Cut, vielleicht ein paar Filtern, alles unterlegt von empowender Musik. Sie brauchen dafür keine Heidi Klum.

Du musst es nur genug wollen

Dennoch: "Glow-Ups", die gerade inflationär auf TikTok und Instagram zu sehen sind, entsprechen den gleichen Kriterien und dem eindimensionalen Blick auf Ästhetik, wie es schon unzählige Vorher-Nachher”-Clips zuvor getan haben.

Die Videos sind, natürlich, inszeniert. So wie schon bei "Germany's Next Topmodel" die Kandidatinnen vor ihrem neuen Haarschnitt von Klums Entourage ungeschminkt und ungekämmt gezeigt werden, sind viele der auf TikTok präsentierten Vorher”-Bilder schlecht ausgeleuchtet, der Winkel unvorteilhaft. Bei "GNTM" werden den "Mädels" für das Nachher” die Haare aufwendig gestylt, sie werden geschminkt und ihre Nägel werden ihnen akkurat in Form gefeilt und lackiert, um den Glanz der positiven Veränderung perfekt zu machen. 

Auch in den sozialen Medien wird kein spontaner Schnappschuss als Ergebnis des Glow-Ups gezeigt. Die Verwandelten zeigen sich in gutem Licht, filmen sich von schräg oben, sind geschminkt und haben ausgewählte Kleidung an. Sie grinsen in die Kamera oder setzen einen verführerischen Blick auf. Sieh her, was aus mir geworden ist. Der Gegenschnitt suggeriert: Auch wenn man mit schlechten optischen Voraussetzungen startet, aus dir kann auch noch was werden. Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan. Du musst nur bereit sein, etwas dafür zu tun. Es ist eine ur-kapitalistische, fast religiöse Vorstellung.

Ganz normale Teenager aus den 2010er-Jahren

Nur: Wer "hässlich" bleibt, ist selbst schuld. Schließlich muss man doch einfach Sport machen, die Haut besser pflegen, sich einen neuen Friseur suchen, die Süßigkeiten weglassen. Die Videos sind ein Selbstbeweis. Manche zeigen den Text "You can´t change that much in a year". Das Ergebnis zeigt: Ich kann es doch, egal was ihr sagt. Ich passe jetzt in alles rein. In die neuen Klamotten und in unsere Ideale.

Scrollt man durch die #GlowUp-Videos, sieht man bei den "Nachher"-Personen Menschen, die perfekt in die Instagram- und TikTok-Welt passen. Sie sind schlank, haben ebenmäßige Gesichtszüge, tragen angesagte Mode. Sie sehen normschön aus, entsprechen genau unseren Sehgewohnheiten. Die "Vorher"-Bilder haben immer etwas Vages an sich. Manchmal hat die Person da nur ein klein bisschen mehr Bauch, mal scheinen die Bilder viele Jahre alt zu sein, datiert sind sie fast nie. Die Personen tragen mal unförmige Hosen, mal sind die Haare ungemacht, mal sind die T-Shirts ein bisschen zu eng oder ein bisschen zu bedruckt. 

Eigentlich sehen wir vor allem eines: ganz normale Teenager aus den 2010er-Jahren, die heute erwachsen und offenbar endlich schön sind. Ihr damaliger Style entspricht nicht mehr unserem ästhetischen Blick. Wir empfinden manch gekreppte oder weißblondierte Frisur nicht mehr als zeitgemäß. Wir tragen unsere Jeans anders. Wir tragen den Kajal nicht mehr so dick auf. Heute lassen wir unsere Augenbrauen wuchern, statt sie dünn zu zupfen, wir lassen das Haargel weg und den blauen Lidschatten. Wir stecken lieber Ringlampen auf unsere Handys, wir üben unseren Augenaufschlag und stellen uns in der "Golden Hour" mit dem Gesicht zur Sonne. 

Eine eigene innere Heidi Klum

Die Menschen auf den Videos, sie sind nicht nur schöner, sie sind erwachsener geworden. Aber verdient es ihr früheres Ich deswegen, als hässlich abgestempelt zu werden? Ein bisschen tun sie mir leid, die Teenies auf den Fotos.

Sie haben eine eigene innere Heidi Klum, sind selbst ihr Juror geworden. Das Ziel ist es, dem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu entsprechen. Und das ändert sich ganz verlässlich so schnell, dass wir Fotos von vor zehn Jahren ansehen und unästhetisch finden mögen, was damals noch das Ideal war, bewundert und angestrebt wurde.

In gewisser Weise scheinen die "Glow Up"-Videos das Gegenstück zur Body-Positivity-Bewegung zu sein, die predigt, den eigenen Körper zu lieben. Auch mit Speckröllchen, auch mit Falten und Pickeln. Trotzdem, die schönen Schwäne nach dem Aufleuchten zeigen auch, was sie geschafft haben. Sie zeigen: Hier stehe ich, gutaussehend wie ich bin. Und das sollen alle sehen.

Alle schauen, alle staunen

Wie viele von uns haben selbst auf einen "Glow Up" gehofft? Angelehnt an die Highschool-Filme auf den großen Auftritt gewartet, nach den Sommerferien oder weil wir neue Schuhe hatten, die alles an uns besser machen sollten? Zum Glück gab es Heidi Klum in meinem Leben nur auf dem Fernsehbildschirm und nicht in echt, die mir sagen konnte, was an mir alles noch besser werden muss.

Eine Verwandlung wie im Film, sodass alle schauen und staunen, ist im echten Leben dann doch eher selten. Die Vorstellung von diesem einen besonderen moment to shine, in dem sich alle nach dir umdrehen. Sechs Wochen Sommerferien sind vielleicht auch einfach zu kurz dafür. In Wirklichkeit entsteht die Veränderung nicht durch einen schnellen cut, sondern stetig. 

Oft genug nehmen wir diese gar nicht wahr, zumindest, wenn es dabei nicht um einen neuen Haarschnitt oder eine Beauty-Behandlung geht. Da kann es vielleicht helfen, sich den "Glow Up" selbst zu bescheinigen. Vielleicht beobachten wir irgendwann eine Hybrid aus den Transfirmations- und Body-Positivity-Videos. Darauf wäre ich gespannt. Hauptsache, sie kommen ohne gemeine Fernseh-Juroren aus.