Museumsdirektor Stephan Berg

"Kunst kann nicht immer auf eindeutige Botschaften heruntergebrochen werden"

Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn
Foto: David Ertl

Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn

Stephan Berg ist seit 2008 Intendant des Kunstmuseums Bonn. Ende des Jahres geht er in Rente. Hier spricht er über unterfinanzierte Institutionen, den Trend zu plakativen Botschaften - und zu viele gute Museen in Deutschland
 

Stephan Berg, Ende November dieses Jahres werden Sie Ihre Stelle als Intendant des Kunstmuseums Bonn aufgeben. Freuen Sie sich auf die Rente?

Ich hätte gerne weitergearbeitet. Aber als städtischer Angestellter gibt es festgelegte Altersgrenzen. Tatsächlich habe ich nie richtig über die Rente nachgedacht. Aber der Vorteil im Kunstbereich ist, dass man auch als Privatmann weitermachen kann. Ich werde also hoffentlich auch in Zukunft kuratorisch und auch wieder kunstkritisch tätig sein.

Sie waren knapp zwei Jahrzehnte Intendant eines der großen Museen für Gegenwartskunst. Wie ist es heute um die Institutionen in Deutschland bestellt?

Wir befinden uns nach wie vor in der Situation, dass Kultur immer dann, wenn eine Krise droht, an den Rand gedrängt wird. Nur in Sonntagsreden ist Kunst und Kultur ein gesellschaftlich wesentlicher Wert. Wenn es aber hart auf hart kommt, werden wir wie ein kleines Kind in die Ecke gestellt. Auch die finanzielle Situation der Kunst hat sich in den letzten 35 Jahren nie wirklich verbessert. Gleichzeitig aber sind die Ansprüche an die Museen viel größer geworden.

Welche Ansprüche sind das?

Das Museum ist heute die Reparaturanstalt für fast alles. Die Institutionen sollen superinklusiv sein, sollen sich um die sozialpolitischen Fragestellungen der Welt kümmern und möglichst zu jedem Thema plakative Botschaften bereithalten. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will auf keinen Fall zurück in die 1970er-Jahre, als die Häuser verstaubt waren und sich nicht um die breite Öffentlichkeit gekümmert haben. Ich finde es wichtig, dass wir uns öffnen. Aber Kunst ist eine sehr komplexe Materie und kann nicht immer auf eindeutige Botschaften heruntergebrochen werden.

Die Öffnung der Häuser ist also auch eine Verbesserung der letzten Jahrzehnte?

Sie ist ein großer Gewinn. Ich finde es gut, dass Institutionen heute reflektieren, dass sie keine abgeschlossenen Tempel sind, in denen für einen erlauchten Kreis Kunst aufbereitet wird. Die Arroganz, etwas Besseres zu sein, existiert heute so nicht mehr. Durch die föderale Struktur in Deutschland haben wir es außerdem geschafft, auch im ländlichen
Raum hervorragende Einrichtungen anzusiedeln. Damit haben wir uns im internationalen Vergleich ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Gleichzeitig haben wir Probleme, dieses Angebot noch entsprechend zu fördern.

Sie meinen, es gibt zu viele gute Kunstmuseen in Deutschland?

Ja, das ist die Situation. Man könnte etwas ironisch sagen: Der föderale Kulturstaat hat sich zu Tode gesiegt. In Nordrhein-Westfalen haben wir 121 Museen für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. In ganz Deutschland sind es weit über 700 Museen. Das Publikum kann unter vielen fantastischen Angeboten auswählen. Dadurch wird es immer schwieriger, beispielsweise jemanden von Aachen nach Bonn ins Museum zu locken.


In Bonn zeigen Sie gerade Ihre letzte Schau als Intendant. Es geht um den Schatten in der Kunst der Gegenwart. Was fasziniert Sie am Schatten?

Ich finde es interessant, dass unsere westliche Kulturgeschichte eine reine Geschichte des Lichtes ist: Es geht um Erleuchtung, Wahrheit, Transzendenz. Der Schatten wiederum steht nur für das Trügerische, das Unheimliche – das ist eine grandiose Unterbewertung. Der Schatten repräsentiert nämlich nicht nur, er ist im Grunde das Reich der Bilder, also der Kunst. Er ist auch als Gegenentwurf zur Vorstellung einer durchweg erhellten, rein rational erfassbaren Welt zu lesen und ist damit eine wichtige, kritische Ergänzung zu den Ideen der Aufklärung.

Das klingt nach einer sehr kunsthistorischen Ausstellung. Dabei eignet sich der Schatten auch gut als Metapher für aktuelle, "dunkle" politische Geschehnisse.

Es ist mir wichtig, die gezeigte Kunst nicht auf eine reine Aussagelogik zu reduzieren. Aber unpolitisch ist die aktuelle Ausstellung dadurch nicht. Das zentrale Kapitel der Ausstellung ist dem Thema der „Schattenexistenzen“ gewidmet. Arbeiten von David Claerbout, Kara Walker oder William Kentridge widmen sich den Menschen, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden. Etwa Geflüchtete oder Obdachlose. Die Arbeiten machen so wortwörtlich die Schattenseiten der Gesellschaft sichtbar.

Ihre Ausstellung setzt den Fokus auf Kunst der Gegenwart. Der wird immer wieder attestiert, sie würde auf der Stelle treten und nichts Neues zur Kunstgeschichte beitragen. Stimmt das?

Die Zeit der ganz großen künstlerischen Erfindungen ist vorbei. Im Grunde recyclen wir immer noch größtenteils die Ideen der Moderne. Aber dabei tritt die Kunst erfreulicherweise mit einer neuen Haltung auf. Blicken wir einmal zurück: Die
Avantgarden wollten die ganze Welt mit ihren neuen Konzepten beglücken. Das Bauhaus wollte alle Bereiche des Lebens, des Wohnens und des Alltags durchdringen.

… ein totalitärer und erzieherischer Anspruch.

Genau. Heute hat die Kunst gelernt, dass sie nicht schlauer ist als alles andere. Sie zitiert selbstbewusst, mixt Älteres mit Neuerem und nimmt damit eher eine Kommentarfunktion ein. Das ist eine Chance: Die Kunst kennt keine einfachen Lösungen. Indem sie unerwartete und neue Fragen stellt, zeigt sie uns, dass die Wirklichkeit viel komplexer ist als sie häufig dargestellt wird. Damit kann sie vor plakativem Schwarz-Weiß-Denken schützen.

Das klingt aber auch so, als sei die Kunst der Gegenwart eine wenig innovative Epoche.

Wir befinden uns in einer Zeit der Rekapitulation. Vor allem die Institutionen leisten viel Reflexions-Arbeit durch Retrospektiven und wiederentdeckte Positionen, etwa von zu Unrecht vergessenen Künstlerinnen. Die Kunst lotet sozusagen ihr eigenes Terrain noch einmal aus. Das ist ein normaler und wichtiger Mechanismus. Allerdings ist künstliche Intelligenz eine neue Herausforderung. Sie wird die Kunst dazu zwingen, sich für die Zukunft noch einmal ganz neue Strategien zu überlegen.

Gibt es eigentlich ein Projekt, das Sie während Ihrer Zeit am Kunstmuseum noch gerne durchgesetzt hätten?

Tatsächlich hätte ich gerne eine Ausstellung zu Arshile Gorky gemacht. Ein armenischer Migrant, der nach Amerika ging, seine Biografie neu erfunden – und erlogen – hat und sich durch die ganze Kunstgeschichte malte, bis er zu seinem Malstil fand. Mit seinen biomorphen und erotischen Formen hat er ein ganz eigenes Paradigma von Malerei entwickelt. Das wäre großartig gewesen.

Vielleicht ist das ja ein Projekt für die Rente!

Auf jeden Fall! Es braucht nur jemanden, der genauso überzeugt davon ist wie ich und genügend Geld zur Verfügung stellt – Gorky ist irrwitzig teuer.