Kostümbildnerin Freya Herrmann

"Mich interessiert, wie Menschen über Kleidung kommunizieren"

Was eine Filmfigur auf der Leinwand trägt, prägt maßgeblich, wie wir sie wahrnehmen. Hier spricht Kostümdesignerin Freya Herrmann über ihren Job, ikonische und misslungene Outfits und fehlende Anerkennung für ihre Branche

Der zweite Teil von "Der Teufel trägt Prada" wird 2026 in die Kinos kommen. Momentan wird die Fortsetzung des Kultfilms in New York gedreht, und so fluten einige der heiß erwarteten Outfits schon jetzt das Internet. Meryl Streep in Jacquemus-Hacken, Anne Hathaway im Gabriela-Hearst-Kleid – und vielen eingefleischten Fans passt das so gar nicht. 

Der Film lebt auch von seinen modischen Entscheidungen, veröffentlichte Bilder des Kostüms verraten für einige fast schon den Plot. Und nicht nur das Team des fiktiven "Runway"-Magazins sieht man in auffälliger Garderobe durch die Straßen huschen, auch eine weitere Produktion steht momentan für seine Mode im Mittelpunkt: "American Love Story", eine Serie über Carolyn Bessette-Kennedy und John F. Kennedy Jr, sorgt für Furore, da das Kostüm so gar nicht zu der minimalistischen Stil-Ikone "CBK" passen soll. 

Damit hört es nicht auf. Die Mode aus der "Sex and the City"-Fortsetzung "And Just Like That" wird immer wieder genauestens begutachtet und zerpflückt. Die Nachthemden der Protagonistin Jessica in Lena Dunhams neuer Serie "Too Much" werden besprochen. 

Mode auf der Leinwand beschäftigt uns - aus nostalgischen, emotionalen oder auch rationalen Gründen. Durch das richtige Kostüm glauben wir einem Film, identifizieren uns mit den Figuren. Durch das falsche entfremden sich die Charaktere, die ganze Produktion scheint fahl. So wollen alle mitreden und ihre Meinung teilen, wenn es um die Kleidung historischer oder erfundener Protagonisten geht. Wie ist die Sicht auf diesen Balanceakt hinter den Kulissen? Kostümdesignerin Freya Herrmann ("Doppelhaushälfte", "Schwarze Früchte") erklärt, was für sie guter Stil auf der Leinwand ist – und warum ihre Branche mehr Mitspracherecht verdient. 

 

Freya Herrmann, was macht gutes Kostümdesign für Sie aus? 

Gutes Kostümdesign gibt in erster Linie ein Gefühl für die Figuren. Dabei interessiert mich die Kluft zwischen Wirkungsabsicht und tatsächlicher Wirkung. Darin liegt ein zärtlicher Moment, auch wenn den natürlich nicht alle im Publikum so erkennen werden. Darüber hinaus sollte gutes Kostümbild auch visuell interessant sein. Immerhin füllt es einen Großteil der Leinwand und bestimmt den Look des Films oder der Serie entscheidend.

Haben Sie Beispiele für gutes beziehungsweise misslungenes Kostümdesign?

Ich liebe die Arbeit von Miyako Bellizzi. Ihre Inszenierungen etwa in "Uncut Gems" (2019) wirken teils nebensächlich, dabei aber nicht langweilig – das ist eine besondere Kunst. Negativ in Erinnerung geblieben ist mir Tom Broeckers Kostümbild für die Neuauflage von "Mean Girls" (2024). Die Kleidungsstücke waren flach, unzeitgemäß. "Shein-Core" könnte man vielleicht sagen. Es schien keine aktive Entscheidung für einen aktualisierten Look gegeben zu haben, stattdessen wurden die bekannten Kostüme mit Fast-Fashion-Stücken wieder aufgewärmt. Das ist wenig originell.

Wie sehr erzählt auch das Kostüm eine Geschichte? Was ist seine konkrete Aufgabe?

Häufig liefert das Kostümbild die erste Leseanleitung für eine Figur. Es ist die Veräußerlichung von Charakter, aber auch von Klasse, Sexualität und Körperpolitiken. Kostüm fungiert als Genre-Kodierung und kann Subtext mitliefern. Mithilfe von Codes ruft Kostüm Assoziationen bei den Zuschauenden auf. Darum sehen wir auch immer dieselben Frauen-Inszenierungen im wahlweise weißen oder roten Kleid. Da denkt dann auch die letzte Reihe an Unschuld oder erwachende Sexualität.

Vor Kurzem ging ein Aufschrei durchs Internet, als die ersten Bilder der Serie "American Love Story" über Carolyn Bessette-Kennedy veröffentlicht wurden: Nichts an dem Look erinnerte wirklich an das Mode-Idol. Konnten Sie die Frustration der Fans verstehen, und was hätten Sie selbst anders gemacht?

Ryan Murphy, der Regisseur von "American Love Story", hat nach der Empörung wegen des Kostümdesigns auf den Fotos gesagt, es habe sich nicht um die tatsächlichen Kostüme, sondern nur um Fotos von einem Farb- und Kameratest gehandelt. Für mich ist unklar, ob dahinter rage baiting, also gezielte Online-Provokation, oder Geringschätzung von Kostümbild steckt. Der Shitstorm hätte verhindert werden können, wenn ein:e Kostümbildner:in mit Expertise das Shooting betreut hätte. Bessette-Kennedy ist ja wegen ihres Stils eine Ikone und wird online heute noch für ihre minimalistischen, mühelosen Looks vergöttert. Als Reaktion auf die negative Berichterstattung will Murphy jetzt ein beratendes Gremium mit zehn Personen zusammenstellen. Das finde ich absurd. Es gibt einfach Regisseure, die würden alles lieber tun als einer Kostümbildnerin Gestaltungsspielraum zu geben und Expertise ernst zu nehmen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Fehler im Kostümdesign, die sofort Distanz erzeugen?

Distanz kann ja auch eine Wirkungsabsicht sein. Mich stören Kostümdesigns, die nicht auffallen wollen. Das sehe ich häufig in deutschen Krimi-Inszenierungen. Alles ist auf Blautöne getrimmt, ohne erkennbare Konturen. Häufig steht dahinter der Wunsch anderer Abteilungen, "nicht abzulenken". Dabei frage ich mich – ablenken wovon? Film ist ja genau das: visuelle Erzählung.

Wie sieht der Alltag einer Kostümdesignerin aus? Und wie lange dauert es von der Recherche bis zum fertigen Kostüm?

Mein Alltag ist abwechslungsreich: Recherche, das Erstellen von Moodboards, Anproben und deren Vorbereitung, Besprechungen mit Regie, weiteren Departments und Showrunnern sowie das Management der Kostüm-Departments. In der Regel bereite ich eine neue Staffel einer Serie in fünfeinhalb Wochen vor. Dabei arbeite ich nicht allein, sondern mit einem Team, in dem der Kostümbild-Assistenz eine wichtige Rolle zukommt. Der Aufwand ist unterschiedlich: Manche Kostüme werden zeitintensiv recherchiert, andere Ideen kommen mir durch Beobachtungen bei Netto oder in der U-Bahn. Ein Kostümteil kann ein Fund beim Zweitverkauf in der Ein-Euro-Kiste sein, eine Maßanfertigung und alles dazwischen.

Wie viel Psychologie steckt in Ihrem Job? Beschäftigen Sie sich mit den Charakteren eher analytisch oder intuitiv?

Ich würde sagen: soziologisch. Mich interessiert, wie Menschen über Kleidung kommunizieren. Vieles ergibt sich durch Beobachtung. Gleichzeitig liefern Drehbücher schon viele Informationen, die ich visuell umsetze: Sprache, Verhältnis zu Geld, (Un-)Sichtbarkeitswünsche, Klasse.

Bitte nennen Sie aktuelle Beispiele, in denen Ihnen das Kostüm aufgefallen ist – und was man an ihm ablesen kann.

Neulich habe ich den Film "Mädchen, Mädchen! Hot Girl Summer" im Kino gesehen. Ich bin ein großer Fan des Originals, beim Remake war ich enttäuscht von den diffus Vintage-artig wirkenden Kostümen von Anisha Stöckinger, die ich mir edgier und aktueller gewünscht hätte. Ungut fand ich, dass Lena, eine der Protagonistinnen, die von der tollen Nhung Hong gespielt wird, in mehreren Szenen kindliche Manga-Shirts trägt. Dass eine asiatisch gelesene Figur visuell in die Nähe von Manga gerückt wird, kommt leider häufig vor. Um stereotype Inszenierungen zu verhindern, ist es wichtig, dass unsere Branche diverser wird. Ich wünsche mir dafür, dass Produktionsfirmen bezahlte Praktika anbieten und so Zugangsschwellen für erste Erfahrungen im Kostümbild abbauen.

Das Kostümdesign an sich bekommt selten die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte. Obwohl Serien und Filme, in denen der Look nicht stimmt, oft schlechter angenommen werden als diese, in denen das Kostüm durchdacht ist. Wie würden Sie den aktuellen Status des Kostümdesigns beschreiben?

Das Schöne am Kostümbild ist seine Niedrigschwelligkeit. Viele verkleiden sich an Halloween oder Fasching wie ihre Lieblingscharaktere, kennen den Spaß an der Verwandlung. Das Problem beim Kostümbild ist aber eben diese Niedrigschwelligkeit. Weil alle sich täglich anziehen, glauben viele, sie wissen, wie es läuft. Kostümbild ist immer noch relativ weiblich konnotiert. Das wird im Vergleich zum Szenenbild deutlich, das durch den architektonischen und handwerklichen Aspekt eher männlich gedacht wird. Szenenbildner:innen verdienen laut Tarifgage über 800 Euro mehr im Monat. Das wird häufig mit dem höheren Budget erklärt. Für mich ist das kein gutes Argument, da Kostümbildner:innen ja mit dem Kern der Produktion – den Schauspielenden – zusammenarbeiten und damit vergleichbar hohe Verantwortung tragen.

Was würden Sie sich wünschen – mehr Budget, mehr Anerkennung, mehr Mitsprache?

Ich wünsche mir faire Arbeitsbedingungen für alle. Und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Von Produktion und Regie wünsche ich mir zudem, eine Sensibilität für die (Un-)Sichtbarkeit von Kostüm zu entwickeln. So hat die Berlinale dieses Jahr online und im Programm auf die Aufführung des Kostümbild-Credits verzichtet. Da hätte ich mir mehr Solidarität von Regiepersonen und Schauspielenden gewünscht. Es ist kein Zufall, dass das hypersichtbare Kostümbild durch seine weibliche Konnotation häufig aktiv unsichtbar gemacht wird. Ich empfehle allen, zu hinterfragen, ob sie das andere K-Department – das Kamera-Department – genauso behandeln würden.

Was war das forderndste Kostüm Ihrer bisherigen Karriere – und warum?

Schwer zu sagen. Viele Kostüme sind auf unterschiedliche Arten fordernd, und häufig sind es erst die Produktionsbedingungen, die Arbeit erschweren. 

Inwiefern?

Einmal wurde eine Nebenfigur, die im Drehbuch als extrem stylische Person beschrieben war und in der Szene auf ihren Look angesprochen wird, erst am Vorabend um 23 Uhr besetzt. Bis zur Kostümzeit um 8 Uhr morgens war natürlich kein Fundus oder Laden geöffnet. Am nächsten Morgen hat mein Notfallplan überraschend gut funktioniert, ich war glücklich mit dem improvisierten Kostüm. Die Regie hatte allerdings andere Vorstellungen, die im Vorhinein nicht kommuniziert wurden, und ich musste das Kostüm anpassen – meiner Meinung nach zu Ungunsten der "extrem stylischen" Inszenierung. Solche Vorfälle sind frustrierend. Sie kommen eher mit jungen Regiepersonen vor, denen an der Schule suggeriert wurde, dass sie die Chefs sind, denen alle nur zuarbeiten. Ich sehe das eher als Kollaboration. Dabei ist es wichtig, dass genügend Zeit für Kommunikation bleibt und wir alle die Arbeitsabläufe und Vorlaufzeiten der anderen Abteilungen kennen.

Gibt es etwas, das Sie in Ihrer Arbeit gelernt haben, was Ihren Blick auf Menschen oder Mode im Alltag verändert hat?

Mein Blick auf Menschen und Mode verändert sich permanent, und ich lerne viel von den Personen, mit denen ich kreativ zusammenarbeite. Anfang des Jahres habe ich gemeinsam mit Vera Klocke, mit der ich den Podcast "Fashion the Gaze" produziere, einen Piloten für unsere Webserie gedreht. Darin spielen wir die Hauptrollen. Das Fitting mit Kostümbildnerin Orhidea Ceji und die Vulnerabilität, die ich auf der anderen Seite gefühlt habe, waren für mich eindrücklich. Ich bin jetzt noch dankbarer für das Vertrauen, das mir Schauspielende entgegenbringen.

Wie sichtbar ist Ihre Arbeit nach außen – und wie viel bleibt unsichtbar, obwohl es die Wirkung maßgeblich mitträgt?

Ich habe das große Glück, mit coolen Produktionsfirmen und tollen Menschen aus allen Abteilungen zusammenzuarbeiten. Darum trifft vieles, was ich an der Behandlung von Kostümbildenden kritisiere, mich persönlich nicht direkt. Zudem arbeite ich auch als Drehbuchautorin, wodurch ich viel früher in den kreativen Prozess und die Figurenentwicklung einsteige. Drehbuch und Kostüm ist für mich die perfekte Kombination.

Was wünschen Sie sich vom Publikum – oder von Kritiker:innen –, wenn sie über Kostüme sprechen?

Ich wünsche mir einen differenzierten Blick auf Film. Häufig werden Kostümentscheidungen anderen Bereichen angedichtet. Dann bekommt eine Schauspielerin den Seitenhieb, der eigentlich in Richtung Kostüm gemeint war. Ich denke, dass es für die Filmkritik unerlässlich ist, zu verstehen, was Kostümbildner:innen machen, statt nur schlechte Kostümbilder als solche zu erkennen.