Medienschau

"Zwischen dem Simplen und dem Einfachen gibt es einen Unterschied"

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Stimmen zum Rekord-Kulturetat 2026, Nachrufe auf die Architekten Uwe Kiessler und Helmut Swiczinsky sowie pornografische Briefe von Courbet: Das ist unsere Presseschau am Freitag

Kulturpolitik

Harry Nutt blickt in der "FR" skeptisch auf den Rekord-Kulturetat 2026: Der Etatwachstum von 10 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro sei „"etztlich doch schnöde[s] Geld", das vor allem in die Filmförderung fließe, wo es jedoch wie ein "Tropfen auf heißen Steinen" verpuffe. Auch zusätzliche Mittel für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder ein Mahnmal für Opfer kommunistischer Gewalt wirken laut Nutt eher symbolisch als strukturell wirksam. Kulturstaatsminister Weimers "rhetorisch aufgeschäumter Geschichtscocktail" verdecke, dass echte kulturpolitische Orientierung fehle. Jörg Häntzschel hat in der "SZ" gemischte Gefühle beim Kulturetat. Zwar bleibe trotz anfänglicher Skepsis an Weimer, dem "mit der Kulturszene fremdelnden" Kulturstaatsminister, ein befürchteter Sparkurs aus. Doch Häntzschel kritisiert, dass der Fokus "auffällig eng" bleibe: Filmförderung und Gedenkstätten zur NS- und SED-Diktatur profitieren stark, während Kolonialismus im Etat nicht vorkommt. Auch Projekte wie Kulturpass oder "Green Culture" bleiben offen – der Kulturbegriff der Regierung mache letztlich "etwas stutzig".

Museen

In "nd" spricht Beate Gorges mit Anita Wünschmann über ihre Arbeit in der Berlinischen Galerie. Als Leiterin des "Atelier Bunter Jakob" betont sie, wie wichtig es sei, Museen für Kinder als offene Erfahrungsräume zu gestalten: "Es geht um die bewusste Wahrnehmung von Lücken." Museen sollten zeigen, "dass das, was im Museum gezeigt wird, subjektiv ausgewählt […] ist". Kinderkunst und Spiel sieht sie als "universelle menschliche Kulturtechnik". Gorges plädiert für Museumsarbeit, die junge Perspektiven ernst nimmt und gesellschaftliche Diskurse aufgreift. Koloniale Leerstellen und fragil-materielle Kunst verbinden sich bei ihr zu einer offenen, prozessorientierten Haltung.

Zachary Small beschreibt in der "New York Times" einen Konflikt zwischen Museen und jüdischen Organisationen über die Verschärfung des Holocaust Expropriated Art Recovery Act. Er schreibt, das Gesetz "sollte die Verjährungsfristen lockern“" um die Rückgabe von Raubkunst zu erleichtern, wurde jedoch von Gerichten teils zugunsten der Museen ausgelegt. "Ein parteiübergreifender Gesetzentwurf im Senat zielt darauf ab, es zu stärken", so Small. Die geplante Änderung "hat die Unterstützung einer Reihe prominenter jüdischer Organisationen", während Museen "still lobbyieren", um den Status quo zu bewahren. Small macht deutlich, dass es um eine grundsätzliche Frage geht: Soll "der Zeitablauf seit dem Zweiten Weltkrieg" weiter als Schutz für heutige Besitzer dienen – oder nicht?

Wie Janay Kingsberry in der "Washington Post" berichtet, hat das Smithsonian National Museum of American History im Juli Hinweise auf Donald Trumps zwei Amtsenthebungen entfernt. Das Museum erklärte laut Kingsberry, es habe den Ausstellungsbereich zur Amtsenthebung auf den Stand von 2008 zurückgesetzt, da "die anderen Themen in diesem Abschnitt seit 2008 nicht aktualisiert worden waren". In der überarbeiteten Version heiße es nun, dass "nur drei Präsidenten ernsthaft mit einer Absetzung konfrontiert waren". Kingsberry merkt an, dass die Änderung "mit größeren Bedenken hinsichtlich politischer Einflussnahme beim Smithsonian zusammenfällt". Eine künftige Version des Exponats solle "alle Amtsenthebungen" einbeziehen.

Malerei

Bettina Wohlfarth berichtet in der "FAZ" über eine sensationelle Entdeckung: In Besançon wurden 116 erotisch-pornografische Briefe zwischen Gustave Courbet und Mathilde de Svazzema gefunden. Die Korrespondenz inspirierte offenbar Courbets Skandalbild "L’Origine du monde". "Wenn ich mich einem Mann hingebe, dann ohne Einschränkungen", schreibt Mathilde, die dem Maler gar ein Scherenschnitt-Dokument ihrer Vulva schickt – "die ersehnten Maße dieses Juwels". Courbet revanchiert sich mit einer Zeichnung seines erigierten Penis. Die Briefe zeigen laut Wohlfarth, dass "Courbet den phantasmierten Körper Svazzemas wie eine erotische Landschaft" erkundete. Die Ausstellung "Courbet, entre Lettres et Passion"in der Stadtbibliothek Besançon erlaube neue, intime Deutungen seines Werks.

Architektur

Niklas Maak würdigt in der "FAZ" den verstorbenen Architekten Uwe Kiessler als "Erfinder guter Orte". Kiessler, der mit 88 Jahren in München starb, war ein Pionier des sensiblen Weiterbauens: Er verband "behutsame, intelligente Stadtreparatur mit futuristischen Großstrukturen" und ließ etwa mit seiner Backstube in München "den Duft von frischem Brot [...] wieder durch die Stadt ziehen". Für die Hamburger Gruner+Jahr-Zentrale entwarf er mit Otto Steidle ein Gebäude wie "eine hochverdichtete Mischung aus Ozeandampfer und italienischer Kleinstadt". Kiessler verwandelte "einen beim U-Bahnbau übrig gebliebenen Schacht" in einen Ausstellungsraum und gab seine Haltung "in der ihm eigenen, ausgemacht liebenswürdigen Weise" an Studierende weiter. Gerhard Matzig würdigt Kiessler in der "SZ" als "hervorragenden Lehrer – vor allem aber auch [...] hervorragenden Architekten". Kiessler habe selbst gesagt: "Zwischen dem Simplen und dem Einfachen gibt es einen Unterschied." Seine Architektur sei "einfach nicht in bequemer, sondern in komplexer Weise". Besonders eindrücklich: der von ihm entworfene Kunstbau am Lenbachhaus – "ein infrastruktureller Restraum in den Eingeweiden der Stadt", der durch Architektur "etwas Magisches" wurde. Das Lenbachhaus widmet ihm die Wiedereröffnung der Lichtinstallation von Dan Flavin, da dieser "die Qualität der architektonischen Gestaltung erfasst" habe.

Gerhard Matzig schreibt in der "SZ" auch den Nachruf auf den Architekten Helmut Swiczinsky, der mit Wolf Prix 1968 in Wien das Büro Coop Himmelb(l)au gründete. Deren Motto lautete: "Himmelblau ist keine Farbe, sondern die Idee, Architektur mit Fantasie leicht und veränderbar wie Wolken zu machen." Die frühen Projekte hießen etwa "The Cloud" "Herzraum Astroballon" oder "Haus mit fliegendem Dach". Matzig schließt tröstlich: "Dass er da jetzt herumwolkt im Himmelblauen, abseits der Schwerkraft, ist tröstlich. Der Rest? Not yet."

US-Präsident Donald Trumps lässt das Weiße Haus weiter nach seinen Wünschen umgestalten und treibt die Pläne für einen opulenten Ballsaal voran. "Das wird ein großartiges Vermächtnisprojek", sagte der Republikaner bei einem offiziellen Termin mit Sportlern im Weißen Haus. Das "New York Magazine" betitelte einen Artikel mit den Worten: "Trump verwandelt das Weiße Haus in Mar-a-Lago." Der Saal soll laut Regierungsangaben Sitzplätze für 650 Personen bieten und fast 8.400 Quadratmeter groß sein. Der jetzige East Room habe 200 Sitzplätze. Die Arbeiten am Ballsaal-Projekt sollen im September beginnen und vor dem Ende der zweiten Amtszeit Trumps abgeschlossen sein, die bis Januar 2029 läuft. Der Ballsaal werde weitgehend vom Hauptgebäude getrennt sein und im Ostflügel des Gebäudekomplexes entstehen. Auf Grafiken für das Projekt sind goldene Kronleuchter über einem Saal im hell gehaltenen Look zu sehen. Die Kosten werden mit rund 200 Millionen Dollar (etwa 175 Millionen Euro) veranschlagt. Laut Weißem Haus sollen dafür nicht näher benannte Spender und Trump selbst aufkommen.