Zum Tod des Malers Herbert Brandl

Romantik ohne Verklärung

Der österreichische Maler Herbert Brandl ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Mit wuchtiger Gestik, leuchtenden Farben und einem kompromisslosen Naturblick wurde er zur Galionsfigur der Jungen Wilden – und blieb sich und der Malerei bis zuletzt treu

"Radikal romantisch" hat Stella Rollig seine Malerei genannt. Die Generaldirektorin des Belvedere in Wien, des Museums der österreichischen Kunst, weiß, wovon sie spricht: In der Dependance ihres Hauses für Zeitgenössisches, dem früher "20er Haus" genannten Belvedere 21 im Südosten der Stadt, fand vor fünf Jahren eine groß angelegte Ausstellung zum Werk des Malers Herbert Brandl statt, an dieser renommierten Institution so etwas wie ein Ritterschlag. Und die beiden Begriffe "radikal" und "romantisch" sind es, auf die sich Kritik und Publikum am ehesten einigen konnten und können.

Das liegt an den Sujets, denen sich der im Januar 1959 in Graz geborene Maler seit Jahren zugewandt hatte, den Bergen und Bächen und der ganzen Natur Österreichs, allerdings ohne Menschen und ihre Spuren, die im Land des Alpentourismus immer noch ein bisschen schmerzlicher zu bemerken sind als anderswo. Dabei hat sich Brandl mit Bildern nicht etwa nur der Alpen, sondern mit dem Mount Everest auch an das Symbol touristischer Übernutzung schlechthin gemacht.

Auf das Etikett vom Öko-Maler ließ sich Brandl nicht ein, auch wenn manche Rezensenten gerne in diese Richtung dachten. Brandl war nicht nur in erster Linie Maler, sondern ausschließlich (von späten Versuchen in der Skulptur einmal abgesehen). Dass er sich Sujets aus der realen Welt nahm, wollte nicht allzu viel bedeuten. "Ich bin ein Bergseher und kein Bergsteiger", hat Brandl klargestellt, ausgerechnet als er in der Wiener Albertina gleich 300 Druckgrafiken unter dem Titel "Berge und Landschaften. Monotypien 2009-2010" zeigte. Der selbstgestellten Motivfalle suchte er mit den Worten zu entkommen, "Licht, Wind, Nebel, Felsen oder Wald interessieren mich, aber ich möchte kein Impressionist sein, der versucht, die Landschaft malerisch darzustellen."

"Ich wollte die Berge vom Menschen befreien"

Bleibt also das Adjektiv "radikal". Und das trifft nun tatsächlich zu, denn Brandl, der ab 1978 an der Hochschule für angewandte Kunst unter anderem bei Peter Weibel, dem Matador experimenteller Kunstformen, studiert hatte, wollte nie etwas anderes als malen. Das tat er mit einer Verve, die ihn bald zu einer Galionsfigur der Jungen Wilden machte, wobei der Expressionismus österreichischer Prägung nie wirklich verschwunden war und es insofern gar nichts wiederzubeleben gab wie beim deutschen Nachbarn. Den kannte Brandl gut, von 2004 bis 2019 unterrichtete er selbst als Professor an der Düsseldorfer Akademie.

Brandl zeigte eine gestische Malerei, die mehr mit dem Abstrakten Expressionismus New Yorks gemein hatte als mit den Figurationen seiner Landsleute. Der Erfolg kam bald, solide Galerie-Vertretung einbegriffen; Sammler wie Karlheinz Essl erwarben immer wieder Arbeiten, und gerade in der Sammlung Essl ist Brandl im Kontext beispielsweise von Maria Lassnig, Markus Prachensky oder Erwin Bohatsch bestens aufgehoben. Dazu war Brandl von Paris bis Sao Paulo auf einschlägigen internationalen Ausstellungen vertreten, 1992 auch bei der Documenta, und 2007 gar als Vertreter Österreichs bei der Biennale von Venedig. Mehr geht nicht.

Gewiss, Brandl, der seit Kindertagen mit Postkartenansichten von Alpengipfeln vertraut war, musste zu dieser Form von Natur-Verhunzung Stellung beziehen. "Ich wollte die Berge vom Menschen befreien", gab er in einem filmischen Porträt zum Besten; unklar, ob es aus tiefstem Inneren kam oder er der befragenden Journalistin nur ein Zuckerl geben wollte. Denn die Schublade der gemalten Öko-Kritik ist verführerisch. Dass Brandl sein Atelier in einem Gewerbegebiet am Rand von Wien unterhielt, hätte hellhörig machen müssen.

Einer der Großen der österreichischen Gegenwartskunst

Brandl trug seine Farben mit Schwung auf, wischte sie gerne mit einem Lappen breit oder wieder ab; das Sujet, ob Matterhorn oder Gartenblümchen, spielte keine Rolle. Alles konnte groß sein, aber die erhabene oder einstmals erhabene Natur bot sich für solche Kraftmalerei naturgemäß an. Brandl konnte sehr wohl auch naturalistisch malen, und angesichts stiller Bergseen oder schneeglänzender Gipfel musste das Adjektiv "romantisch" zwangsläufig fallen. Nur, dass Brandl nichts verklärte. Den Kampf gegen Naturzerstörung, den er politisch betrieb, trug er nicht auf die Leinwand. Und ein Riesenformat wie das Triptychon "Apokalypse zur Schönen Aussicht" von 2020, knapp vier Meter hoch und drei mal jeweils sechs Meter breit, ist einfach nur die schiere Lust an roten, gelben und grünen Pinselstrichen und -hieben.

Es ging ihm gesundheitlich nicht gut, schon lange nicht, was angesichts der enormen Produktivität wie der erwähnten, in weniger als zwei Jahren geschaffenen 300 Drucke kaum glaubhaft klingt. Und doch. Am vergangenen Sonntag ist Herbert Brandl 66-jährig in Wien gestorben, so plötzlich, dass ihm der Österreichische Staatspreis nur mehr posthum verliehen werden kann, wie Kulturminister Andreas Babler gleich am folgenden Tag erklärte. Als habe der einstige Junge Wilde schnell noch eingemeindet werden müssen. Dabei galt er längst als einer der Großen der österreichischen Gegenwartskunst. Dass ihm Ruhm und Erfolg zu Lebzeiten beschieden waren, ist ein großer Trost, wo so viele Künstler übersehen werden. Herbert Brandl nicht.