Holzbohrer, Nebelhörner, Pistolen, Waschbecken: Raven Chacon arbeitet mit allem, was in seinen Ohren irgendwie spannend klingt. Gelegentlich nimmt er auch herkömmliche Musikinstrumente in die Hand. In einem "normalen" westlichen Orchester würde sich der Komponist und Künstler, der zum indigenen Volk der Navajo gehört, jedoch furchtbar langweilen.
Der Kunstverein Hannover bietet dem Pulitzer-Preisträger für Musik nun eine Plattform für seine Arbeit. Unter dem Titel "Conductus" werden fünf Schlüsselwerke aus seinem umfangreichen Katalog ausgestellt. Außerdem plant der Gast aus den USA zwei neue Performances. Die erste davon stellt er diesen Samstag, 2. August, zusammen mit drei lokalen Chören im Kunstverein vor.
Verteilt auf sieben Räume, demonstrieren die ausgewählten Arbeiten Chacons Experimentierfreude sowie sein langjähriges Engagement für die Anerkennung indigener Kulturen; nicht nur die der Navajo, sondern auch die anderer Stämme in Amerika und Europa. Obwohl Chacon an der University of New Mexico eine traditionelle Musikausbildung durchlief, verwendet er heute lieber unkonventionelle Objekte. Manchmal entwirft er sogar neue Instrumente, um eine bestimmte Tonlage zu treffen. Auch von der westlichen Notation hat sich Chacon längst verabschiedet. Seine Stücke übersetzt er stattdessen in grafische Partituren aus verschiedenen Symbolen.
Der Rabe im Korb
Die Arbeit "For Zitkála-Šá" (2017-2020), eine Hommage an die Yankton-Dakota-Komponistin und Musikerin Zitkála-Šá (1876–1938), offenbart dem Publikum insgesamt zwölf alternative Möglichkeiten, Geräusche auf Papier festzuhalten. Jede einzelne dieser Partituren ist einer anderen indigenen Künstlerin oder Musikerin gewidmet, unter anderem Chacons Schwester Autumn und seiner Ehefrau, der Kuratorin Candice Hopkins. Chacon entwickelt immer wieder neue kollaborative Projekte, bevorzugt mit Künstlerinnen aus seinem Umfeld.
Woran das liegt? "Ich mag weibliche Stimmen einfach lieber als männliche", sagt er dazu. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die Navajo Nation innerhalb der USA matriarchal aufgebaut ist. Im Alltagsleben geben meist die Frauen im wahrsten Sinne den Ton an, wie auch in vielen Arbeiten Chacons.
Außerdem faszinieren ihn Vogelgesänge und -motive, die sein Werk durchziehen. Zuletzt beschäftigte er sich im Auftrag der American Academy of Arts and Letters in New York mit Aufnahmen nordamerikanischer Vogelarten aus dem Tonarchiv der Audubon Society. Benannt ist diese nach dem französisch-amerikanischen Ornithologen John James Audubon. Als Unterstützer der Sklaverei wird er heute - trotz seiner Errungenschaften im Feld der Ornithologie - kritisch gesehen.
Geistervögel
Die American Academy of Arts and Letters liegt an der Nordspitze Manhattans auf dem ehemaligen Gebiet des Lenape-Volks. Dort hat Chacon die archivierten Tonspuren mit den Rufen bereits ausgestorbener Arten verbunden, die er mit selbst gebastelten Instrumenten und jeder Menge Fantasie erzeugte. Im Kunstverein krächzt und zwitschert die fertige Sound-Arbeit "Aviary" (2024) aus Lautsprechern unter der Decke eines sonst leeren White Cubes. Die dazugehörigen Werkzeuge liegen nebenan auf minimalistischen Sockeln. Mit "Aviary" gedenkt Chacon nicht zuletzt den Lenape, über deren Land die Vögel bis zur gewaltvollen Eroberung Amerikas durch die Europäer kreisten.
Im nächsten Teil von "Conductus" geht der tierische Gesang in das Geräusch eines manuellen Holzbohrers über, aufgenommen in Sápmi - dem Siedlungsgebiet der indigenen Bevölkerung Skandinaviens. Hier entstand die Arbeit "...Sky ladder" (2024), eine Strickleiter aus kunstvoll durchlöcherten Holzplanken, entstanden in Kollaboration mit einer Sámi Familie.
Als Vorbild diente ein von Holzwürmern zerfressenes Stück Treibholz, das Chacon im Haus des samischen Schriftstellers und Künstlers Nils-Aslak Valkeapää (1943-2001) fand. Das zufällige Muster erinnerte ihn an wellenförmige Landschaften und Notenblätter. Genauso gleichen auch die Löcher auf "…Sky ladder" den Landstrichen in der Region und Chacons individuellen Partituren.
Ein Stethoskop auf der Brust des Landes
Der Zufall spielte in dessen Karriere von Beginn an eine wichtige Rolle. "Field Recordings" (1999) - eine seiner frühesten künstlerischen Arbeiten - beruht auf Material, das er an drei besonders stillen Orten aufnahm: Window Rock, Sandia Mountains und Canyon de Chelly in Arizona und seinem Heimatstaat New Mexico. Nachträglich erhöhte er die Lautstärke der Tonspuren, bis aus der Stille ein mächtiges Rauschen wurde.
So macht Chacon die bedeutungsschwangere Landschaft im Südwesten der USA hörbar, als hätte er ihr ein Stethoskop auf die Brust gesetzt. Was genau dabei herauszuhören ist oder welche Geschichten die Umgebung zu erzählen hat, darf sich das Publikum selbst überlegen.
Chacon lebt heute in Albuquerque, umgeben von erhabener Wüste und Gebirgsketten. Im September will er dort ein großes ortsbezogenes Projekt mit dem Titel "Tiguex" realisieren. Die Inspiration dafür sammelt er in der Natur, oft an den gleichen Orten, an denen die "Field Recordings" entstanden sind.
In erster Linie ein guter Zuhörer
Im Kunstverein Hannover wird außerdem ein Video der Performance "Report" (2001/2015) gezeigt. Dabei schoss Chacon zusammen mit weiteren Performerinnen und Performern und diversen Waffen in die Luft; allerdings ohne ein bestimmtes Ziel anzupeilen. Jede Kugel scheint eine andere offene Frage in die Landschaft zu feuern, in der sich das achtköpfige Ensemble befand. Worauf zielen sie? Aus welchem Grund? Was wollen sie erreichen? Außer einem Echo erhalten sie keine klare Antwort von ihrer Umgebung.
Nach Hannover lockte Chacon zum einen die Möglichkeit, mit Christoph Platz-Gallus, dem Direktor des Kunstvereins, zusammenzuarbeiten, den er bereits 2017 bei der Documenta 14 in Kassel kennenlernte. Vor allem interessiert ihn jedoch die ungewöhnlich lebendige Chorszene in der Unesco City of Music. Am Samstag wird er deshalb gleich drei Chöre aus der Stadt (Chor Kalyna, After Six und Vox Aeterna) in eine neue Performance einbinden; am 7. August folgt eine Solo-Performance des Künstlers.
Für einen Pulitzer-Preisträger tritt Chacon erstaunlich bescheiden auf. Etwas schüchtern versteckt er sich lieber hinter den Kulissen, anstatt sich selbst ans Mikrofon zu drängen. Das schlägt sich auch in seinen Arbeiten nieder. Besonders die "Field Recordings" unterstreichen, dass Chacon in erster Linie ein guter Zuhörer ist.