Hunger ist eine Kriegswaffe. Sie wird in Gaza gezielt von der amtierenden israelischen Regierung gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt. Bevor an dieser Stelle nun einige das automatische deutsche "Aber …" bemühen: Es ist nicht nur okay, über die Menschen in Gaza zu schreiben. Es ist journalistische Pflicht, eine nüchterne Beschreibung der Lage dort in den schon seit langer Zeit verirrten deutschen Diskurs einzupflegen.
Jene, die aus dem Gaza-Streifen noch unter Lebensgefahr unabhängig berichten können, zeigen uns die unmenschliche Gewalt, mit der das israelische Militär gegen Zivilistinnen und Zivilisten, gegen Kinder vorgeht, gegen Frauen, Senioren, Menschen mit Behinderungen – also jene, die niemals großen Schaden anrichten können. Abgesehen davon, dass auch gesunde Männer zwischen 18 und 59 Jahren ein Anrecht darauf haben, in Würde zu leben.
Kinder mit eingefallenen Wangen und hervorstechenden Rippen, zu schwach, um zu weinen, in den Armen ihrer verzweifelten Mütter – das sind die Bilder, die uns aus dem Gaza-Streifen erreichen. Unverbesserliche, ideologisch verblendete Deutsche vermuten Künstliche Intelligenz im Zeitalter der Fake News.
Alles nicht wahr, heißt es dann. Aber wie können sich so viele internationale Beobachterinnen und Beobachter, Hilfsorganisationen, die Vereinten Nationen, unabhängige Journalistinnen und Journalisten und viele mehr ausgerechnet gegen die deutsche Staatsräson verschworen haben? Wir müssen anerkennen: Die Lage im Gaza-Streifen, insbesondere die Versorgung der Bevölkerung dort mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten, ist katastrophal. Und das ist sprachlich betrachtet sehr untertrieben.
Angriff ist die schlimmste Verteidigung
In Ägypten werfen Menschen derweil Plastikflaschen ins Mittelmeer, nachdem sie sie mit Hülsenfrüchten oder Reis halb gefüllt haben. Die Hoffnung: Die Ströme werden die kleinen Essensrationen gen Osten an die Küste des Gaza-Streifens spülen. Es ist ein verzweifelter Protest gegen das ägyptische Militärregime, das sich als Verbündeter des israelischen Militärs an der Belagerung des schmalen Küstenstreifens beteiligt.
Generell werden mehrere Regierungen in dieser Angelegenheit unrühmlich in die Geschichte eingehen, allen voran natürlich die US-amerikanische unter Präsident Donald Trump und seinem Vorgänger unter Joe Biden, die Benjamin Netanjahus Strategie des Aushungerns überhaupt ermöglicht haben und weiter ermöglichen. Aber auch die deutschen Bundesregierungen mit Beteiligung von SPD, CDU/CSU, FDP und Grünen sollten sich für ihre Außenpolitik in Nahost schämen – auch wenn ihr direkter Einfluss auf allen Seiten des Konflikts glücklicherweise sehr gering ist.
Volkers und Joachims, also die Nachfahren der NS-Täter, setzen sich vor deutsche Fernsehkameras und Mikrofone, reden ausgiebig über ihre eigenen Gefühle und ihren "Schmerz" und verteidigen die Unmenschlichkeit, die sich im Gaza-Streifen seit nun zu vielen Monaten ungehindert entfalten kann. Die belegten strategischen Blockaden von basalen Hilfsgütern? Selbstverteidigung! Die wiederholten Angriffe bei Essensausgaben? Selbstverteidigung! Die routinierte Vertreibung von zwei Millionen Menschen innerhalb eines kleinen Freiluftgefängnisses? Selbstverteidigung! Betätigungsverbote und Einschränkungen von unabhängigen Hilfsorganisationen? Selbstverteidigung! Die vielen getöteten Journalistinnen und Journalisten, die über den Hunger und die Verzweiflung berichten wollen, viele von ihnen eindeutig als Presse gekennzeichnet? Selbstverteidigung!
Die Menschheit versagt
Bei dieser deutschen, selbstzentrierten Scharade spielen Fakten so gar keine Rolle. Ausgerechnet ein geleakter Bericht der US-Regierung zeigt, dass es keine Beweise gibt, die Hamas würde – wie propagiert – Hilfsgüter für ihren Terror abzweigen. Volker und Joachim wissen aber: Wenn die "New York Times" von der Realität berichtet, dann steht eben auch die "New York Times" auf der falschen Seite. Ob es der israelischen Regierung überhaupt um die Befreiung der Hamas-Geiseln geht, wenn sie Gaza flächendeckend bombardieren lässt? Wenn einige israelische Regierungsmitglieder ganz offen davon sprechen, Gaza zu "entvölkern"?
Volker und Joachim interessieren die Antworten auf diese Fragen nicht. Sie interessieren sich auch nicht dafür, dass sehr viele Israelis sowie Jüdinnen und Juden weltweit diesen Krieg nicht unterstützen, dagegen und gegen ihre Instrumentalisierung durch die deutsche oder US-amerikanische Außenpolitik aktiv demonstrieren. Deutsche hetzen diesen Demonstrantinnen und Demonstranten auf den Straßen von Berlin lieber die Polizei auf den Hals, sodass im Gaza-Streifen weiter die Menschen ausgehungert werden können.
Dies ist eine kulinarische Kolumne. Am Ende steht hier eigentlich immer ein Rezept zum Ausklingen und Nachkochen. Lange habe ich nachgedacht, ob das an dieser Stelle angebracht ist. Ich bin zum Schluss gekommen: nein. Hier kann nur Scham, Wut, Verzweiflung und Empörung stehen. Darüber, dass ein großer Teil der Menschheit wieder mal komplett versagt und rein gar nichts aus der Geschichte gelernt hat.