Als das Kind Kind war, wollte es Maler werden. Geboren in die Düsseldorfer Trümmerlandschaft am 14. August 1945, zeigte sich der junge Wim Wenders schon früh von den Corot- und Van-Gogh-Drucken im Elternhaus angetan. Ein erster Museumsbesuch habe ihn dann förmlich überwältigt: "Das war die Gegenwelt zu meiner. Meine war Düsseldorf, zu 80 Prozent zerbombt, alles war grau – und Kunst war die bessere Welt."
Heute ist Wenders der international berühmteste deutsche Filmregisseur mit einer zweiten Karriere als Fotokünstler, die längst aus dem Schatten der ersten getreten ist. Ein Kapitel aber ist vielleicht noch nicht geschrieben, ein Kontext noch nicht ganz geöffnet: Wim Wenders und die Bildende Kunst.
Die Ankündigung, es werde in der Retrospektive zu seinem 80. Geburtstag in der Bonner Bundeskunsthalle auch einen immersiven Teil geben, lässt vielleicht erwarten, dass er sich nun auch als Multimedia-Macher präsentiert. Der Titel "Die Kunst des Sehens" ist jedenfalls groß genug, um auch die Eroberung dieses Wirkungsraums einzuschließen.
"Jetzt bin ich ein offenes Buch"
Die Bundeskunsthalle zählt zu den wenigen großen deutschen Ausstellungshäusern, die sich auch anderen Themen widmen, doch eine große Retrospektive hier steht erstmal unter Kunstverdacht. "Sowas passiert ja nicht alle Tage", formuliert Wenders es auf der Pressekonferenz gewohnt bescheiden. "Es ist wirklich ein großes Geschenk". Aus dem kuratorischen Prozess habe er sich herausgehalten, aber sein immenses Werkarchiv ohne Einschränkung geöffnet: "Jetzt bin ich ein offenes Buch. Jeder kann in mir lesen".
Eine Kunstausstellung im engeren Sinn ist es nicht geworden, eher die mustergültige Attraktion eines Filmmuseums. Nur, dass kaum eines der wenigen spezialisierten Häuser, die es auf der Welt gibt, über ähnlich weiträumige Ausstellungsflächen wie in Bonn verfügt.
Tatsächlich kuratierte Susanne Kleine, die an der Bundeskunsthalle sowohl für Bildende Kunst als auch für Film zuständig ist, die Schau gemeinsam mit Hans-Peter Reichmann und Isabelle Luise Bastian vom Deutschen Filminstitut & Filmmuseum (DFF), zu dem auch das Frankfurter Museum für bewegte Bilder gehört. Dort hat Reichmann 2003 die vermutlich international erfolgreichste Ausstellung der deutschen Museumsgeschichte konzipiert: Über 20 Häuser haben seither seine Stanley-Kubrick-Komposition übernommen. Die Wenders-Ausstellung könnte ein ähnlich langes Leben haben; mit dem großen Vorteil, dass man sie zu Lebzeiten ständig um neue Werke ergänzen könnte. Denn irgendetwas macht Wenders immer.
Motive und Passionen des Filmemachers
Die jüngste Arbeit von 2025 ist ein Auftrags-Kurzfilm im Bundesauftrag zum 80. Jahrestag des Kriegsendes. Wenders zeigt sich in dem liebenswerten Mini-Werk einmal mehr als Reisender, der im französischen Reims zu einem kaum bekannten Erinnerungsort pilgert: jenem Gymnasium, in dem in einer Ecke noch der Tisch steht, an dem am 7. Mai 1945 die bedingungslose deutsche Kapitulation unterschrieben wurde.
Die Frage einer Journalistin an den Weltreisenden, ob er auch einmal in seinem Leben lieber zu Hause geblieben wäre, pariert er bei der Pressekonferenz in Bonn mit einem jener lakonischen Aphorismen, auf die er ebenfalls eine Art Patent besitzt. "Wenn ich zu Hause geblieben wäre, wäre ich heute nicht hier."
In zehn thematischen Kapiteln und ebenso vielen Sälen fächert sich sein Werk hier in der Bundeskunsthalle auf. Die meisten Kategorien orientieren sich an Motiven und Passionen des Filmemachers; wie "Engel", "Road Movies", "Literatur", "Musik", "Amerika" oder "Japan". Ausschnitt-Montagen stehen dabei zwar stets im Zentrum, sind aber in sich so knapp gehalten, dass sie Zitate bleiben und man sich nicht beim Zuschauen an etwas festbeißt, das man lieber zur Gänze sähe.
Die wohl spannendste Begegnung der gesamten Ausstellung
Das wertet wiederum die originalen physischen Exponate auf: Konzepte und Kostümskizzen, Fotoarbeiten von Donata und Wim Wenders, Requisiten und einige echte filmische Fundstücke. Darunter ist auch eine faszinierende Stadt-Exkursion aus der Luft, die zu Recherchezwecken für der "Himmel über Berlin" gefilmt wurde.
Auch die Bildende Kunst taucht mehrfach auf: als Motiv in Filmen wie der Edward-Hopper-Hommage "Don’t Come Knocking", als Thema von Dokumentarfilmen wie dem Kiefer-Porträt "Anselm" oder dem Fotokünstler-Drama "Palermo Shooting"; mit Campino auf Gurskys Spuren.
Kaum bekannt sind zwei kurze Auftragsarbeiten in 3D in dieser Sektion: ein Dokumentarfilm über die französische Künstlerin Claudine Drai, "Présene" sowie "Two or Three Things I Know About Edward Hopper". Und dann ist da noch die wohl spannendste Begegnung der gesamten Ausstellung: Die mit dem jungen Wenders als Bildendem Künstler: Zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Collagen aus den 1960er-Jahren verraten die gleiche Disziplin, den gleichen Willen, persönliche Spuren in der gelebten Wirklichkeit zu hinterlassen wie die späteren Filme.
"Man kann Maler und Filmemacher zugleich sein"
Die meisten Blätter sind unbekannt, nur wenige Pop-Art-Collagen waren 1995 einmal Thema einer Kabinett-Ausstellung im Düsseldorfer Filmmuseum. Mit einer davon schaffte es der 23-Jährige immerhin 1968 auf den Umschlag der Suhrkamp-Erstausgabe von Peter Handkes Stück "Kaspar" – heute der erste publizierte Beleg seiner angestrebten Künstlerkarriere und ein frühes Dokument seiner lebenslangen Freundschaft mit dem österreichischen Autor.
Da hatte er allerdings bereits etwas Entscheidendes begriffen: "Man kann Maler und Filmemacher zugleich sein", wie er es formulierte. Also die Kunst mit anderen Mitteln fortführen. Nach einem Jahr in Paris als Assistent des Grafikers Johnny Friedlaender und Dauergast der Cinémathèque française wurde er an der neu gegründeten Münchner Filmhochschule HFF angenommen und eingeschrieben. Was wäre wohl aus Wenders geworden, wenn das Kino ihn damals nicht gefunden hätte?
Es ist schade, dass die Arbeiten in der Bonner Ausstellung nur grob auf das Jahrzehnt datiert sind. Beim einzigen Gemälde neben den zahlreichen Papierwerken wäre es entscheidend. Zum richtigen Zeitpunkt hätte er sich damit hinter der Düsseldorfer Pop-Art-Szene um Konrad Lueg, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Manfred Kuttner nicht zu verstecken brauchen.
Der Ekel, eine Zeichnung zu verfilmen
Bei einem ersten Interview, das ich 1995 zur Zeit der Düsseldorfer-Collagen-Ausstellung führte, wirkte Wenders sehr darauf bedacht, seine Filme von der eigenen Bildenden Kunst getrennt zu halten. Auf die Frage, ob er sein Zeichentalent für Storyboards einsetzen würde, antwortete er kategorisch: "Ich habe geradezu einen Ekel davor, ein Bild zu verfilmen, das einmal eine Zeichnung von mir gewesen ist." Die wenigen Storyboard-Seiten, die man dann doch in der Ausstellung findet, stammen aus der Hand von Donata Wenders.
Wie also verhält sich der Regisseur nun zu dem Medium der zeitgenössischen Kunst, das ihm jetzt erstmals offeriert wird: der Vierkanal-Videoinstallation? Auf vier circa acht Meter hohen Wänden montiert er Filmausschnitte aus eigenen Werken auf der Basis ikonischer Musikstücke. Durch leicht zeitversetzte Wiederholung, im Fall des frühen Nick-Cave-Konzerts aus "Himmel über Berlin" auch durch Ergänzung von damals nicht verwendetem Material, umschließen die Bilder den Betrachtenden.
Zugleich aber verwischen sie auch die Eindeutigkeit der ursprünglichen linearen Erzählung. Als besonders dankbar für dieses Verfahren erweisen sich die Spiegelungen und Brechungen von Nastassja Kinskis Peep-Show-Auftritt in "Paris, Texas". Das ist faszinierend und wird wohl auch der populärste Teil der Ausstellung sein. Doch originäre Videokunst wird daraus ebenso wenig wie bei einer immersiven Van-Gogh-Schau.
Wie der Kurator eines Filmmuseums
Wenders hat nicht den Anspruch, wie ein zweiter Isaac Julian spezifisch für die Mehrkanaltechnik zu erzählen. Aber er ist auch kein Matthias Müller oder Christoph Girardet, sein Found-Footage-Film eröffnet dem Material keine neuen, distanzierenden Kontexte.
Es stört ihn auch nicht, dass durch die Dachtürmchen des Gustav-Peichl-Baus in Bonn so viel Streulicht in den Saal fällt, dass die wunderbare Kameraarbeit von Henri Alekan und Robby Müller stark an Kontrast verliert. Er nutzt das Medium lieber wie der Kurator eines Filmmuseums. Er kreiert ein begehbares Abbild des eigenen Werks. Eine Einladung, buchstäblich hindurch zu spazieren. Das hatte er also damit gemeint, als er sagte, er sei jetzt ein offenes Buch.