Kunst gegen die Mafia

Willkommen in Gomorra

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Ihren Namen Kampanien hat die italienische Provinz rund um die Hauptstadt Neapel den alten Römern zu verdanken. Campania felix, glückliches Land, nannten sie den Landstrich entlang des tyrrhenischen Meers wegen seines fruchtbaren Bodens. Heute ist das neapolitanische Hinterland unter einem anderen Namen bekannt: terra dei fuochi. Den Begriff „Land der Feuer“ machte Roberto Saviano in seinem Buch „Gomorra“ bekannt. Und was brennt hier? Der oftmals giftige Industriemüll, den die Camorra illegal ablädt – auf Feldern oder entlang der Straßen.

„Vor Kurzem war ich in den Niederlanden“, sagt Antonio Manfredi. „Ich habe es genossen, Obst und Gemüse einzukaufen, ohne Angst zu haben, was ich da essen werde.“ Geschmacklich seien Früchte aus seiner Heimat Kampanien zwar weit überlegen – „aber was nützt das, wenn sie voller Schadstoffe sind?“ Manfredi, 1961 in Casoria geboren, dunkle Augen, graues Haar, schelmisches Lachen, ist Künstler und Kurator. 2012 war er mit einer Videoarbeit auf der Documenta in Kassel vertreten, im Jahr davor zeigte der italienische Pavillon der Venedig-Biennale seine Installation „May be. They could live here“. Seit 2005 leitet er in seiner Heimatstadt, in der Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Korruption den Alltag dominieren, das Contemporary Art Museum (CAM).

„Damals rief mich der Bürgermeister von Casoria an, ich war gerade auf Reisen. Er sagte: ‚Wir wollen ein Kulturprojekt in der Stadt gründen, vielleicht ein Museum. Hilfst Du uns dabei?‘ Ich war so verrückt, ja zu sagen. Also habe ich rumtelefoniert, Künstlerkollegen angerufen, Museumsdirektoren, Kuratoren aus der ganzen Welt.“ Es gelingt Manfredi, eine internationale Ausstellung auf die Beine zu stellen. Präsentiert wird sie in einem ehemaligen Industriegebäude, das die Gemeinde zur Verfügung stellt. Viele der beteiligten Künstler spenden nach dem Ende der Schau ihre Werke – sie bilden den Grundstock der Sammlung des CAM, die heute rund tausend Arbeiten umfasst.

Doch die Probleme lassen im Land der Camorra nicht lange auf sich warten. „Mit den öffentlichen Geldern war es schon nach zwei Monaten vorbei, als die Stadtverwaltung wegen Mafia-Infiltration aufgelöst wurde. Und da stand ich nun“, sagt Manfredi, „mit Museum, aber ohne Mittel.“

Weitergemacht hat er trotzdem – mit seinem privaten Geld, das er aus den Verkäufen seiner Kunstwerke bezieht, und mit der freiwilligen Hilfe junger Leute aus Casoria, die Manfredi mit keinem Cent entlohnen kann. Ließen sich nicht lokale Unternehmen als Sponsoren für das CAM gewinnen? „Nicht für ein Museum, das Ausstellungen gegen die Mafia organisiert. Die Firmen zahlen doch alle den pizzo, das Schutzgeld an die Camorra“, erklärt Manfredi. 2008 hat der Museumsdirektor Künstler aus der Region eingeladen, Arbeiten zur Schau „CAMorra“ beizusteuern, die sich kritisch mit der Mafia auseinandersetzen. „Wir wollen, dass die Leute die Augen aufmachen und durch unsere Projekte zum Nachdenken angeregt werden. Die meisten Menschen hier haben das Gefühl, in der Normalität zu leben. Aber das, was es bei uns gibt, ist keine Normalität. Das müssen wir begreifen und etwas dagegen tun.“

Asylgesuch bei Angela Merkel

Manfredis Strategie: medienwirksam provozieren. 2011 schreibt er einen Brief an Angela Merkel; für sich und sein Museum bittet er um Asyl in Deutschland. Angesichts der extremen Kürzungen in der staatlichen Kulturförderung Italiens sehe er keine Zukunft für das CAM in Casoria: „Wenn die Regierung Pompeij verrotten lässt, welche Hoffnung gibt es dann für uns?“ Merkel reagiert nicht. Dafür bietet das Berliner Kunsthaus Tacheles Manfredi „künstlerisches Asyl“ an – in Form einer Gastausstellung in der deutschen Hauptstadt. Im Gegenzug nimmt das CAM mit der Schau „How long is now“ symbolisch die Tacheles-Künstler auf, nachdem das Kunsthaus in der Oranienburger Straße im Herbst 2012 geräumt wird.

Im gleichen Jahr der nächste Streich: Als die Stadtverwaltung dem CAM das Gebäude entziehen will, beginnt Manfredi seine Aktion „Art War“. Er verbrennt Werke aus der Sammlung des Museums, zuerst seine eigene Biennale-Arbeit. Drei Kunstwerke pro Woche folgen, vorher bittet er die Künstler um ihr Einverständnis. „Es ging mir darum, Aufmerksamkeit für ein grundsätzliches Problem zu erregen: dass nämlich in Zeiten der ökonomischen Krise der Staat nicht mehr bereit ist, Kulturgüter zu bewahren“, sagt Manfredi. Die Medien berichten auch außerhalb Italiens kontrovers über sein Projekt, dem sich schnell Künstler aus Spanien, Frankreich, den USA und anderen Ländern anschließen. Auch sie verbrennen Arbeiten und schicken die Überreste nach Casoria. Aus der Asche fertigt Manfredi eine Installation. „Ich habe ein Video dazu gedreht, das dann auf der documenta in Kassel zu sehen war. An diesem Punkt hatte ich das Gefühl, den ‚Art War‘ erfolgreich beendet zu haben: Aus den zerstörten Kunstwerken war aufs Neue ein Kunstwerk entstanden.“

"Manchmal darf Kunst auch Provokation sein"

Jetzt hat es das CAM wieder in die internationalen Schlagzeilen geschafft – dieses Mal ist eine Ausstellung schuld. „ErotiCAM – Gabinetto Segreto II“ heißt sie. Die Schau basiert auf einem Projekt der Wiener Künstlergruppe TEAM[:]niel, das vom gabinetto segreto, dem geheimen Kabinett, des archäologischen Museums in Neapel ausgeht. Dort werden erotische Kunstwerke – Fresken, Vasen, Plastiken – aus der römischen Antike aufbewahrt, die vorrangig aus Pompeij stammen. TEAM[:]niel hat diese mit der Erlaubnis des italienischen Kulturministeriums abfotografiert. Mittels Fotomontage hat die Künstlergruppe meist nackte zeitgenössische Personen in die Bilder eingefügt: Der Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch reitet als Pan auf einem Maultier mit überdimensioniertem Penis; Antonio Manfredi vergnügt sich mit einer Nymphe und auch Carl Djerassi, der neunzigjährige Erfinder der Anti-Baby-Pille, hat sich für das Projekt ausgezogen.

Nach dem Willen von TEAM[:]niel sollten die Fotomontagen im archäologischen Museum von Neapel neben den originalen Werken präsentiert werden. Doch das Kulturministerium lehnte ab und entzog den Künstlern nachträglich die Erlaubnis zur Nutzung der Bilder aus dem gabinetto segreto. Daraufhin wandte sich die Gruppe ans CAM. Manfredi ist gern eingesprungen: „Eine Ausstellung, die an sich schon provokant ist und dann auch noch von staatlicher Seite zensiert wird – das war ganz klar die perfekte Schau für uns! Wir sind sowieso schon bekannt als das politisch unkorrekte Museum schlechthin.“ In Casoria liegen nun Stifte bereit für die Besucher, die auf den Kunstwerken des „Gabinetto Segreto II“ schreiben und zeichnen dürfen – „so wie es auch im antiken Pompeij in den Bordellen war“, erklärt Manfredi. „Da haben die Gäste auch ihre Spuren hinterlassen. Sie wollen gar nicht wissen, was auf meinem Bild so alles steht.“ Er schmunzelt. „Ich finde, manchmal darf Kunst auch Provokation sein, ein Spiel, das die Reaktionen des Publikums austestet.“

Auf die Frage, was das CAM 2014 noch vor hat, kann Manfredi bisher nicht antworten. „Die Ausstellungen planen wir Monat für Monat, je nachdem, was in der Welt passiert. Manchmal bekommen wir Presseanfragen: ‚Würden Sie uns Ihr Jahresprogramm zuschicken?‘ So etwas gibt es bei uns nicht.“ Um Planungssicherheit zu haben, bräuchte das Museum öffentliche Unterstützung. Aber die ist auch nach dem „Art War“ nicht in Aussicht. Immerhin steht fest, dass ein Projekt zur terra dei fuochi ansteht. Der staatliche Sender Rai 1 wird dazu im CAM filmen.

„Danach machen wir weiter wie bisher: mit Low-Cost-Ausstellungen, die trotzdem interessant sind“, kündigt Manfredi an. „Und weil wir von niemandem Geld bekommen, müssen wir auch auf niemandes Interessen Rücksicht nehmen – wir können ärgern, wen wir wollen.“

CAM Contemporary Art Museum, Casoria, Italien


Video zur Ausstellung "ErotiCAM" (auf Italienisch):






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