Interview mit Yngve Holen und Matthew Evans

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Pornodrehs und Gesichts-OPs: Yngve Holen und Matthew Evans über ihren Ausflug in den Wahnsinn Kaliforniens

Bei seiner jüngsten Ausstellung in der Galerie Neu zeigte der Künstler Yngve Holen Verkleidungen von Siemens CT Scannern, verkleidet mit Netzstrumpfhosen-Stoff. Die Skulpturen trugen Titel wie "But if you’re attractive and you age, it’s terrible". Gelöst wurde das Rätsel durch das Magazin, das die Schau begleitete: ETOPS II enthält zahlreiche anonymisierte Interviews mit Akteuren aus der kalifornischen Pornoindustrie, dazu Gespräche mit Schönheitschirurgen. Yngve Holen und sein Mitarbeiter Matthew Evans haben die Gespräche im Stil von Warhols Zeitschrift Interview aufgeschrieben, mitsamt allen Abschweifungen und eingehenden Telefonanrufen. Sie fragen mit entspannter Neugierde, und wenn man die Gespräche liest, ist es, als wäre man selbst mit in der Villa des Agenten, am Set mit dem Regisseur oder im Taco-Restaurant mit der Schauspielerin. Wir sprachen mit Yngve Holen und Matthew Evans über ihren Ausflug in die amerikanische Pornoszene.

Warum heißt die Zeitschrift ETOPS?
Holen: Das ist ein Akronym für Extended Operations, ein Zerfizierungssystem für Flugzeuge, das es seit den neunziger Jahren gibt. Es beschreibt, wie weit ein Flugzeug mit zwei Düsen von einem Flughafen wegfliegen kann. Für mich ist das eine Metapher für die Frage: Wie weit kann man mit einer Idee gehen bevor die Idee fällt, wie weit kann ein Konzept gehen, bevor es zusammen bricht? 2013 habe ich im norwegischen Stavanger eine Ausstellung mit dem Titel Extended Operations gemacht, in der ich Marmorfleischstücke auf Flugzeuggängen gezeigt habe. Der Katalog, der dazu erschien ist, beschäftigte sich mit der Flugzeugindustrie und hieß ETOPS. Darin gab es auch ein anonymes Interview mit einem Piloten. Das war der Anfang. Und anlässlich der Ausstellung bei Galerie Neu wollte ich das Prinzip mit einem neuen Thema weiterführen – und das wurde eben die Pornoindustrie und die plastische Chirurgie in Los Angeles.

Wie habt ihr den Kontakt für die Interviews bekommen?
Holen: Matthew Evans und ich haben viel recherchiert, sind hingeflogen und haben dann gehofft, dass sich die Kontakte vor Ort ergeben. Die Kontakte mit den Chirurgen waren einfach. Aber in der Pornoindustrie waren die Leute sehr zögerlich. Der erste Kontakt war dann mit Mark Spiegler…

…wohl nicht zu verwechseln mit dem Chef der Art Basel?
Holen: Genau, Mark Spiegler mit k, ein einflussreicher Agent für Pornoschauspielerinnen. Mit seinem Namen waren sehr viele Türen offen. Wir haben uns Zeit gelassen. Wir waren 20 Tage in L.A. und dann noch einmal vier Tage in Monaco auf einer Tagung für plastische Chirurgie.

Wie habt ihr den Leuten in der Pornoindustrie erklärt, was ihr vorhabt?
Holen: Wir haben immer gesagt, wir machen ein Magazin. Viele hatten wohl Angst davor, dass wir da moralisch reingehen. Die meisten fanden das auch erst einmal recht komisch, dass einer aus der Kunstwelt kommt. Ein Regisseur hat gesagt, er interessiere sich für Kunst, er sehe sich selbst als Künstler. Er wollte mein Portfolio haben. Als er aber meine Fleischstücke aus Marmor gesehen hat, hat er geschrieben, dass es ihn nicht interessiert – er sehe Frauen nicht als Fleischstücke und wolle nicht in ein falsches Licht getaucht werden.

Evans: Das war ein sehr bekannter Regisseur und Produzent, der in den siebziger und achtziger Jahren selbst Pornodarsteller war und der heute unter anderem auch in für die "Free Speech Coalition" in der Pornoindustrie spricht. Viele waren auf diese Weise vorsichtig, weil der Pornoindustrie viel Gegenwind entgegenbläst. Am Ende hatten wir doch ein sehr gutes Gespräch in seiner Wohnung in Malibu.

Was fandet Ihr am überraschendsten bei euren Begegnungen?
Holen: Man sagt ja immer, dass in Zeiten des Internets mit der Pornografie kein Geld mehr zu verdienen sei. Genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Es gibt ein neues Medium, und damit machen nun einfach neue Leute Geld. Ich fand es extrem überraschend, in welchem Ausmaß die Pornostars social media nutzen. Sie sind auf Twitter, sie haben zahlreiche Fans. Jede Minute zwischen den Drehs wird dafür genutzt.

Evans: Als Pornos noch in Kinos konsumiert wurden, konnte man dabei die community um einen herum sehen. Aber mit der Videocassette hatte sich der Konsum in den privaten Raum zurückgezogen. Und jetzt gibt es eine Fan-community, den Dialog der Schauspieler und Regisseure mit den Konsumenten. Social Media hat alles verändert. Und die Pornoproduzenten verwenden genauso viel Energie auf die Pflege ihrer social media followers wie ein Magazin. 

Holen: Die Schauspieler arbeiten immer, sie sind Unternehmer ihrer selbst. Schon im Virgin-Flug nach L.A. habe ich eine Gruppe von Mädchen gesehen, die offenbar von einer Pornomesse kamen, der Exotika. Sie trugen alle dieselben LA Direct Models Hoodies, wie ein Soft Ball Team, und hatten alle eigene Roller-Up Banner. Auf dem Set kamen alle mit ihrem eigenen Koffer voller Anziehsachen.

Und wie verliefen die Begegnungen mit den Schönheitschirurgen?
Holen: Zunächst dachten wir, dass wir wahrscheinlich mehr mit den Schönheitschirurgen gemeinsam hätten, als mit den Leuten aus der Pornobranche. Aber der Level an Humanität in der Pornobranche war viel höher als in der Schönheitschirurgie.

Evans: Wenn man an einem Set arbeitet, wenn man mit Leuten arbeitet, muss man Empathie haben, soziale Fähigkeiten. Schönheitschirurgen brauchen das offenbar nicht. Die sind sehr, sehr seltsam.

Holen: Überrascht hat mich ihre klassizistische Ästhetik. Jeder Schönheitschirurg spricht vom "Goldenen Schnitt". Einer sagte: Ich repariere Rembrandts, die Löcher haben. Da fühlte ich mich der Pornowelt doch deutlich näher. Deren Sprache ist in der Gegenwart. Bei den Schönheitschirurgen fühlte ich mich, als müsste ich wieder in die Schule zum Kunstkurs.

Evans: Überraschend ist auch, wie häufig Schönheitschirurgen sich selbst mit Gott vergleichen. Sie setzen Gottes Werk fort. Das ist nicht sehr zeitgemäß. 

Wer ist das Mädchen auf dem Cover?
Holen: Das ist Dakota Sky. Sie ist eine Schauspielerin. Wir trafen sie an einem Set. Alle sagten immer: Habt ihr schon mit Dakota gesprochen? Sie ist wahnsinnig dynamisch, interessiert sich für Neurowissenschaften, Psychologie. Das Foto haben wir auf ihrem Auto geschossen, einem Ford Mustang. Sie war großartiger Laune, weil sie gerade zahlreiche Nominierungen für den AVN-Awards bekommen hatte, so etwas wie der Oscar des Porno. Für die Bebilderung des Magazins wollte ich kein explizit pornografisches Material, auch keine offengeschnittenen Körper wie in der plastischen Chirurgie. Das ist alles zu direkt. Deshalb haben wir auch die Namen weggelassen, alles blendet ein bisschen ineinander. Man kann hineintauchen und lesen, und keine Bilder lenken einen ab. Aber dieses Bild ist gut. Sie ist eine der jüngsten Mädchen in Mark Spieglers Agentur, erst 21. 

... dann darf sie immerhin schon Alkohol trinken...
Holen: … und sie ist schon ein Star. Sie hat eine extreme Präsenz.

Evans: Sie erklärte uns auch die Widersprüche, die entstehen für einen jungen Menschen in dieser Industrie: Soll sie vielleicht zur Uni gehen? Oder nur auf diese Karriere setzen? Sie fing als Webcam-Mädchen an, verließ ihre Familie, um finanziell unabhängig zu sein, wollte Geld für die Uni sparen. Und jetzt verdient sie um die 100.000 Dollar im Jahr.

Wie lässt sich das Verhältnis dieser Recherchen zu deinen Skulpturen beschreiben?
Holen: Wenn man Objekte macht, gibt es immer Anteile, über die man nicht sprechen kann, die man nicht erklären kann. Und dann gibt es Dinge, Informationen, Wissen, das so klar ist, dass es keinen Sinn macht, es durch Kunst zu verschlüsseln. Lange dachte ich, dass ich da gerade zwei verschiedene Sachen mache: Die Skulpturen auf der einen Seite und das Magazin auf der anderen. Am Ende steht jedes für sich und kam dann doch zusammen.

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