Berliner Symposium zum Feminismus

Was der Markt will

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Keine Frage: Rainer Brüderle verlieh der Veranstaltung im Neuen Berliner Kunstverein (NBK) an diesem Wochenende politische Brisanz. In den drei Tagen, in denen Journalistinnen wie Hanna Rosin („The End of Men: And the Rise of Women”, 2012) oder Claudia Voigt („Die Unmöglichen: Mütter, die Karriere machen“, 2006) neue Perspektiven auf den Feminismus diskutieren sollten, fiel sein Name oft. Auch die gefüllten Räume und das Interesse der Medien dürften auf die Debatte zurückzuführen sein, die ein Artikel über die sexistischen Anspielungen des Politikers gegenüber einer „Stern“-Journalistin ausgelöst hatte. Dass das Thema aber auch jenseits der Altherrenwitze aktuell ist und einer dringlichen Öffentlichkeit bedarf, bestätigte sich am Samstagabend.

Julia Voss, Kunstkritikerin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, moderierte ein Gespräch mit der Galeristin Philomene Magers, der Künstlerin Katharina Grosse und Marian López Fernández-Cao, der Präsidentin einer Organisation namens Mujeres en las artes visuales, kurz MAV. Fragen zur Rolle der Frau im Kunstbetrieb trafen auf starke Thesen und verblüffende Fakten.

So versuchte Philomene Magers Entwicklungen im Kunstmarkt vor dem Hintergrund eines Geschlechterdiskurses zu analysieren. Sie identifizierte eine männliche und eine weibliche Kunstpraxis, die sich in unterschiedlichen Einstellungen zum Markt ausdrückten. Künstler seien, so ihre Beobachtung, eher bereit, auf die Anforderungen des Marktes zu reagieren als Künstlerinnen. Seit der Deregulierung der Märkte um 2000 sei die Nachfrage nach der Kunst als Ware oder Investment enorm gestiegen; in erster Linie passten Künstler ihre Kunstproduktion daran an, betonte sie. Künstlerinnen nähmen eine kritischere Haltung ein und entschieden sich oft bewusst gegen diese Form des Handels.

Philomene Magers bezog sich in ihren Ausführungen ausschließlich auf ihre Erfahrungen im Kunstmarkt und räumte ein, dass es sich um eine Tendenz handele, die sie vor allem bei den von ihr vertretenen Künstlerinnen, darunter Rosemarie Trockel, wahrnehme. Nimmt man die These der Galeristin aber ernst, könnten sich riskante Schlussfolgerungen nicht nur für den Markt, sondern auch für den Ausstellungs- und Museumsbetrieb ergeben. Gerade in Zeiten, in denen der öffentliche Kunstbetrieb vermehrt durch private Gelder finanziert wird, gilt doch immer mehr die Regel: Wer am Markt erfolgreich ist, hat größere Chancen, in den Ausstellungs- und Museumsdiskurs aufgenommen zu werden. Wenn Künstlerinnen, wie Magers vermuten ließ, die Verantwortung dafür tragen, dass sich ihre Werke weniger am Markt durchsetzen als die ihrer männlichen Kollegen, muss man fragen: Verschulden sie dann auch, dass sie im öffentlichen Kunstbetrieb unterrepräsentiert sind?

Die Fakten jedenfalls, die Fernández-Cao zur Lage, oder besser: Zahl der Frau, vorlegte, lassen sich kaum damit erklären. Die spanische Organisation MAV erhebt seit knapp vier Jahren Statistiken, die die Repräsentation von Frauen und Männern, Künstlerinnen und Künstlern im spanischen Kunstbetrieb nüchtern widerspiegeln. Ganz gleich, ob es sich um Ankaufetats (wie viele Werke von Frauen werden angekauft, wie viele von Männern?), kuratorische Entscheidungen (wie viele Künstlerinnen bekommen eine Einzelausstellung, wie viele Künstler?) oder Händlerpositionen handelt (wie viele Frauen sind auf der ARCO-Kunstmesse vertreten?) – männliche Künstler dominieren den Betrieb.

Bleibt zu fragen: Warum das - nachdem die Guerilla Girls vor Jahrzehnten zum ersten Mal auf diese Missstände hingewiesen haben - immer noch so ist? Und wie können wir das ändern? „Das Motto von MAV ‚What gets measured gets done‘ könnte eine Krücke sein“, sagte die Künstlerin Katharina Grosse. Aus der Wirklichkeit und den Fakten müsse sich aber ein „Möglichkeitsdenken“ entwickeln, eine Zukunftsvision also, die mit tradierten Unterscheidungen wie in weibliche oder männliche Kunstpraxen nichts mehr zu tun haben darf. Recht hat sie damit. Fangen wir also an, sie zu formulieren.

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