Interview mit Galeristinnen Gillmeier und Rech

"Geduld und unbezahlte Arbeit"

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Der Publizist Diedrich Diederichsen sagte vor einigen Monaten in einem Interview, dass im Kunst- und Kulturbetrieb Wert heute zunehmend "über die Aufgeregtheit junger, attraktiver Menschen" entsteht. Wenn er Recht hat, müssen Sie sich eigentlich keine Sorgen machen: Ihre Eröffnungen sind immer proppenvoll.

Verena Gillmeier: Wir sind schon erstaunt über die Besuchermassen bei den Eröffnungen. Der Weg zur Stabilität ist dennoch ein langer Prozess, aber wir haben Geduld und freuen uns, bei jeder Eröffnung ein paar mehr neue Gesichter sehen. Die Unterstützung der Besucher zählt enorm viel und gibt Kraft.

Warum haben Sie eine Galerie aufgemacht?

Claudia Rech: Wir haben Kunstgeschichte beziehungsweise bildende Kunst studiert, in Galerien gearbeitet, kleinere Ausstellungen kuratiert. In unserem Freundeskreis sind viele Künstler, die wir gut fanden und denen wir eine Plattform geben wollten. Mittlerweile haben sich die Kreise erweitert.

Sie haben Ihre Galerie im November 2013 mit einer Gruppenausstellung eröffnet. Warum eine Galerie und kein Projektraum?

VG: Wir wollen uns nicht ausschließlich von öffentlichen Geldern abhängig machen, sondern den wirtschaftlichen Austausch direkter formuliert sehen. Das ist nicht einfach und bedeutet viel Geduld und unbezahlte Arbeit.

CR: Das ist ja insgesamt das Gefühl der Generation Praktikum, dass man ständig umsonst arbeitet. Aber dann will man es wenigstens für sich selber machen und etwas schaffen. Wir haben keinen Businessplan vor der Eröffnung der Galerie erstellt, das war eher eine Menge Enthusiasmus.

VG:
Wir haben Freude an der Zusammenarbeit mit Künstlern und am Ausstellen. Wir machen es so lange, wie es geht, und jetzt geht es ganz gut. Wir beide arbeiten nebenbei auch, deshalb auch die beschränkten Öffnungszeiten.

Wie lernen Sie Sammler kennen?

CR:  Das ist unterschiedlich. In einem Fall war es so, dass jemand einen Künstler und auch uns als junge Galerie unterstützen wollte. Der vertritt die Philosophie, dass er mit dem Kauf etwas zurück geben kann, damit man sich im Markt über Wasser halten kann. Der persönliche Kontakt zu Käufern ist sehr wichtig. Es ist nicht so, dass man jemandem ein Pdf schickt und der sich wie im Katalog ein paar Arbeiten aussucht.

In der aktuellen Gruppenausstellung zeigen Sie jetzt auch eine Arbeit von Brent Wadden, der in Berlin eigentlich von der Galerie Peres Projects vertreten wird. Vertreten Sie Künstler im klassischen Sinn oder haben Sie andere Formen der Zusammenarbeit?

CR:
Wir vertreten bislang vier Künstler, mit denen wir eine mündliche Zusammenarbeit vereinbart haben. Da ist niemand gebunden, beide Seiten schauen einfach, wie es läuft.

Gibt es einen inhaltlichen Fokus der Galerie?

VG: Bislang waren das oft installative Arbeiten, aber darauf wollen wir uns nicht beschränken. Ein kleiner gemeinsamer Nenner ist sicherlich der Humor in vielen Arbeiten, wie Max Schreier von Artsy es gut formuliert hat. In unseren Ausstellung gibt es etwas Dadaistisches; Werke, die mit einem Stolpern daherkommen. Das heißt aber nicht, dass wir eine Slapstick-Galerie sind.

Die aktuelle Ausstellung "Grids" widmet sich dem Raster – das spätestens seit Mondrian seriöser Bestandteil der Kunstgeschichte ist.

VG:
Das Thema ist einerseits kunstgeschichtlich verankert, wenn man sich z.B. die Konzeptkunst der 60er Jahre ansieht. Wir wollten diesen Diskurs erweitern und zeitgenössisch neu formuliert sehen. Bei "Grids" haben wir uns für Arbeiten von Künstlern entschieden, die zwar einerseits ein Raster thematisieren, aber nur als Ausgangspunkt und Basis für das menschliche Bedürfnis, die Welt ordnen, aber aus diesem Gefüge ausbrechen zu wollen. "Der Denker" von Lindsay Lawson, die wir auch vertreten, ist ein schönes Beispiel. Angelehnt an der Figur des Denkers, stellt die Neonarbeit nur den Umriss einer Person dar, welche scheinbar schon ewig da sitz und reflektiert.

Sind die vielen anderen Berliner Galerien Konkurrenz oder geben die erfahrenen Kollegen auch mal Unterstützung?


CR: Wir durften bis jetzt positive Erfahrungen sammeln und können schon sagen, dass man sich unterstützt und an einem Strang zieht. Jeder fängt klein an und daher ist es wichtig zusammenzuarbeiten. Vielleicht gerade wegen des immer internationaleren Marktes wird die lokale Kunstszene wichtiger.

VG:
Berlin ist ein besonderer Ort innerhalb der Kunstwelt und daher haben wir uns entschieden, hier zu eröffnen. Auf Eröffnungen kommt man generell schnell ins Gespräch und tauscht sich aus und hilft sich gegenseitig.

Die Gruppenausstellung "GRIDS" läuft noch bis zum 10. Januar

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