Kulturpolitik Düsseldorf

Kurswechel, bitte!

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Was ist bisher unter Ex-Oberbürgermeister Dirk Elbers falsch gelaufen? Wo liegen die Defizite?

Hans-Jürgen Hafner: Unsere Initiative ist ein Zusammenschluss von Akteuren aus verschiedenen Bereichen. Dabei treffen Leute vom Theater und Tanz auf solche aus Kunst, Musik und Film. Vertreter kleinerer und größerer Institutionen sind ebenso dabei wie der klassisch "freie" Künstler. Was uns vereint ist, dass wir einen Hang zum Repräsentativen und Populistischen feststellen mussten, der nicht nur unsere Arbeit relativ unangenehm gemacht und teilweise behindert hat. Die falsche Fokussierung hat mittelfristig vor allem zu einer sehr einseitigen Selbstwahrnehmung und leider auch Außenwirkung Düsseldorfs geführt, in der Art, wie es sich großspurig als Art City verkauft – sich aber in erster Linie an sich selbst misst. Etwa die relativ gut dotierte Quadriennale, die wegen grundsätzlicher konzeptioneller Mängel des Formats und einem weitgehend verfehlten, aber teuren Marketing von Anfang an wenig Aussicht darauf hatte, künstlerische Relevanz oder inhaltliche Nachhaltigkeit zu generieren. Die daran beteiligten Institutionen und Initiativen haben sich zwar, je nachdem, ganz gut geschlagen. Wenn aber mit so einem Format dann ständig auch noch die Forderung nach Quote als einziger Gradmesser über Erfolg oder Scheitern verbunden ist, kann das nichts werden. Das Format ist von der jetzt regierenden Ampelkoalition zu Recht sofort beerdigt worden. Entsprechend schauen wir lieber nach vorne als nach hinten.

Markus Ambach: Auf der anderen Seite kommt dazu, dass die freie Szene meist mit ungeeigneten Strategien unterstützt und zu halbherzig gefördert wurde, so dass sie nur wenig Selbstständigkeit und Autonomie entwickeln konnte. Sie wurde von der Administration immer nur als Einsteigerformat wahrgenommen, obwohl sie schon längst aus sich selbst heraus das kulturelle Feld mit neuen Formaten und eigenständigen Projekten erweitert. Das kann es natürlich nicht sein. Gerade hier liegt ein wahnsinniges Potenzial, das parallel zu dem etablierten Geschäft große Leistungen und neue Formen in der Kulturproduktion hervorbringt. Darum geht es uns für die Zukunft: beide Bereiche auf Augenhöhe zu bringen und adäquat agieren zu lassen, ohne die Freien neben ihrer selbstverfassten Eigenständigkeit immer nur am Tropf von irgendwelchen Fördertöpfen hängen zu lassen. Hier wünschen wir uns nicht zuletzt eine aktuellere Form der Zusammenarbeit mit der Administration, die auf der Kooperation gleichwertiger Partner fußt und nicht auf der Verwaltung von kulturellen Akteuren und ihrer Arbeit.

Hafner: Wir möchten darauf hinarbeiten, dass das zukünftig weniger kameralistisch, dafür aber mit Blick auf die Spezifiken abläuft, mit denen wir es in Düsseldorf zu tun haben. Schließlich muss die städtische Kulturpolitik produktiv mit der Situation umgehen,  dass Düsseldorf zugleich Landeshauptstadt ist. Es kann nicht sein, dass man, was die Außendarstellung betrifft, immer die großen Landesinstitutionen und die ewig gleichen ‚big names’ vorne dran hängt, und darüber vergisst, wie vielfältig und divers die Kunstproduktion vor Ort gerade auch im internationalen Austausch ist und was sich dabei noch verbessern ließe.

Wie sollte die Kulturpolitik demnächst aussehen? Weg vom Kanon zum innovativen Projekt?

Ambach:
Das würde ich nicht sagen, eher: hin zu beidem. Es sind völlig andere Qualitäten, die da auf den beiden Seiten und zwischen drin produziert werden. Die sollte man nicht gegeneinander ausspielen. Trotzdem muss es da sicherlich eine Umverteilung geben. Die Oper ist genauso wichtig wie die freie Szene, aber schauen Sie sich mal das Verhältnis an. Es geht also eher um eine Angleichung, für die wir jetzt eine Chance sehen. Es geht nicht um Konfrontation, sondern darum, die Heterogenität kultureller Produktionsformen und Formate zu ermöglichen, die dann eine virulente Vielfalt ausmachen. In Düsseldorf haben sich die Leute bisher in der Konkurrenz, alles jeweils an einem Ort anbieten zu wollen, gegenseitig ausgestochen, wenn es um Dinge wie Gesprächsrunden, Konzerte und Veranstaltungen ging. Wir wünschen uns da ein gemeinsames Nachdenken über mehr arbeitsteiliges Miteinander.

Um das wenige Geld besser zu kanalisieren?

Hafner:
Es ist ja nicht gerade wenig Geld, das in Düsseldorf für Kultur unterwegs ist. Im Vergleich zu anderen Städten jammern wir hier also auf relativ hohem Niveau. Es geht also um die Verteilung – aber nicht primär! Die bisherige kulturpolitische Diskussion wurde nahezu ausschließlich unter den Vorzeichen der Verteilung geführt. Der Punkt ist aber sich als Akteur in der kulturellen Arbeit, nicht ständig auf den Verteilungskampf reduzieren zu lassen. Und auch das Publikum hat etwas Besseres verdient. Da brauchen wir eine neue Weichenstellung.

Ambach: Der öffentliche Raum verwaist zum Beispiel als Raum der Allgemeinheit, besonders aber als Ort einer künstlerischen Auseinandersetzung über und mit der Stadtgesellschaft. Gegenüber einer Menge klassischer Erinnerungskultur findet man nahezu keine aktuellen künstlerischen Äußerungen, ob von internationalen oder lokalen Akteuren. Von den Künstlern, die hier wohnen, ist draußen nichts zu finden, da findet noch kein öffentlicher Diskurs statt. Das liegt natürlich auch an der privatistischen Haltung gegenüber dem öffentlichen Raum, wie sie in den letzten Jahren von der Politik vertreten wurde. Die Diskussion mit der Gesellschaft, den Bürgern vor Ort, zwischen Kunst und Stadt wollen wir aktuell suchen.

Hafner:
Vielmehr hat man sein Publikum so seither zu einer sehr spezifischen Erwartungshaltung erzogen. Das gilt es jetzt zu ändern. Wenn künstlerisches Gelingen nur an Besucherzahlen gemessen wird, oder an Verkaufserfolgen, ist man ganz schnell am Ende. Und selbst wenn hier gemessen an anderen deutschen Städten vergleichsweise viele Superstar-Künstler der 80er- und 90er Jahre leben, ist das nicht repräsentativ für den Problemstand der Kunst zurzeit und wie’s damit weiter geht.

Wie sehen die weiteren Aktivitäten der Gruppe aus?

Hafner:
Es ist tatsächlich ein längerfristiges Projekt. Wir verstehen unser Anliegen als öffentlich ausgetragenen Meinungsbildungsprozess, weswegen wir jetzt versuchen werden Formate zu etablieren, wo Dinge öffentlich zur Sprache kommen und systematisch analysiert werden. Das sollte selbstverständlich standortspezifisch präzise ausfallen und muss gerade deshalb Expertise beziehunsgweise den Blick von Außen einbeziehen. Viele der Probleme, mit denen wir es hier in Düsseldorf zu tun haben, herrschen ja auch anderswo und betreffen heute Kulturschaffende generell. So etwas muss also in einem größeren politischen und ökonomischen Zusammenhang gesehen und bearbeitet werden. Anfang Februar wird es ein erstes Panel zum Thema Kunst im öffentlichen Raum geben – und im übertragenen Sinne natürlich um den Raum des Öffentlichen generell beziehungsweise die Rolle, die Kunst für dessen Herstellung und Gestaltung spielen kann. Dabei geht es über die inhaltliche Fragestellung hinaus beinahe zwangsläufig auch darum, dass wir uns gewissermaßen re-politisieren. Schließlich könnte es hier eigentlich ganz schön sein.

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