„Critical Mass – Atomkraft in Deutschland“

Strahlende Zeiten

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Schon der Einband zeigt den weiten Rahmen, in den Michael Danner seine Aufnahmen von deutschen Atomkraftwerken stellt. Mittels ausgestanzter Kreise kombiniert der Berliner Fotograf eine Waldansicht mit dem historischen Panorama einer Antiatom­demonstration, die von Polizeihubschraubern überflogen wird. Man muss dabei an den Kriegsfilm „Apocalypse Now“ denken, in dessen Anfangssequenz Helikopter über dem Regenwald kreisen, bis er zum Doors-Song „The End“ in Flammen aufgeht.

Diese Schlachtszene fotografierte Günter Zint in den 80er-Jahren. Mit Zints Schwarz-Weiß-Fotos lässt Danner den Band beginnen, er beschließt ihn mit Dokumenten der Verwüstung in Brokdorf oder Gorleben. Im Hauptteil des Buches widmet sich der Fotograf aber den Architekturen und Räumen der deutschen Atomkraftwerke. Zwischen 2007 und 2011 hat Michael Danner alle 17 AKW-Standorte bereist, auch das Endlager Asse II und das Erkundungsbergwerk Gorleben durfte er betreten. Eine Mammutaufgabe – und die Kernkraftlobby hat sicher nichts für die Umsetzung gespendet.

Danners Bildsprache setzt sich insofern von klassischer Industriefotografie ab, als es ihm kaum um perfekte Oberflächen, Symmetrien oder parallele Linien geht. Eher zählen Raumgefühl und Atmosphäre, selbst da, wo man keine vermutet. Die Identifizierung der einzelnen Anlagen interessiert den Fotografen wenig. So lässt er die Kraftwerke gleichsam zu einem einzigen Komplex verschmelzen und nähert sich ihrem Kern, dem Reaktor, mit quasifilmischer Dramaturgie. Zunächst sind in die Landschaften eingebettete Kühltürme zu sehen, die Kamera tastet sich weiter an die Gebäude heran, zeigt Innenhöfe, Durchgänge, dann Innenzonen mit Drehkreuzen und Schleusen.

Offene Frage der Atommüllentsorgung

Spätestens bei den Aufnahmen von Elektrowerkstätten, Sanitätszimmern oder Kantinen fällt die Abwesenheit von Menschen eindringlich auf. Doch sie haben Spuren hinterlassen: Pokale, Urkunden, Pin-ups oder geschmückte Weihnachtsbäume. Bilder von Kontrollräumen folgen, und schließlich wird auf das fokussiert, zu dem nur die wenigsten Zugang erhalten: Auffangbecken, Kühlwasserrohre, Turbinen.

Erstaunlicherweise erstrahlt der Bereich in unmittelbarer Reaktornähe in einer wohl sicherheitstechnisch bedingten Buntheit – William Eggleston hätte seine Freude daran –, die sich kein Süßwarenunternehmen für seine Produktionskette leisten würde. Die Farben verklingen in der Tristesse eines Salzstocks, und so endet Danners Serie mit der offenen Frage der Atommüllentsorgung.
„Critical Mass“ gewährt eine gespenstisch schöne Passage durch die Eingeweide einer Technologie, die sich (zumindest in Deutschland) bald überlebt hat. Wo Michael Danners nur scheinbar neutrale Fotos still wirken, herrscht in Wahrheit die Ruhe eines Friedhofs – mit kontaminiertem Boden.

Michael Danner: „Critical Mass – Atomkraft in Deutschland“. Auf Deutsch und Englisch. Kehrer Verlag, 284 Seiten, 39 Euro. Website zum Buch: www.dannercriticalmass.com

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